Manhattan Babylon

von Nik Cohn, Eike Schönfeld

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Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 49/1999

Ein Haus als Herz der Welt

Nik Cohn hat den Broadway zum Herz der Welt gemacht. In "Broadway Babylon" reicht ihm sogar ein einziges Haus.

Kann ein Haus, kann eine Straße die ganze Welt bedeuten? Für Nik Cohn, den schon etwas angegrauten Rock-'n'-Roller, der mit der frei erfundenen Reportage über die Brooklyner Diskothekenszene die Vorlage für den Film "Saturday Night Fever" lieferte, ist das keine Frage. In den Achtzigerjahren, als die Asphaltliteraten sich auf den Weg in die weite Welt machten, plante auch Cohn einen Trip um den Globus, unternahm dann aber eine Weltreise der anderen Art: Er mietete sich in ein New Yorker Hotel in der 43. Straße ein und schrieb zehn Jahre lang an "Das Herz der Welt" (1992). Und Wunder: Der Broadway als Mittelpunkt des Romans war "eine ganze Welt für sich".

In "Manhattan Babylon", Cohns jüngstem Roman, geht die Welt unter. Genauer: Am Ende des Romans wird alles in Schutt und Asche liegen, und die Hunderten Seiten lang davor schildert Cohn, wie ein Haus mit einer Zoohandlung im Untergeschoß langsam devastiert wird. Auch die Bewohner sind eine Welt für sich: Kate Root, Wahrsagerin und Tochter eines Messerwerfers, kümmert sich um die Viecher; Anna Crow, eine abgetakelte Bauchtänzerin, die in einem mit Devotionalien zugemüllten Zimmer versinkt, liebt den Gelegenheitszuhälter Willie D. John Joe, der wegen eines schwarzen Muttermals in Form eines Schwans von einer Sekte, die sich in die U-Bahn-Schächte Manhattans eingenistet hat, als neuer Messias gefeiert wird.

Mittels weit zurückgreifender Rückblenden und verworrener Erzählstränge bindet Cohn die einzelnen Bewohner und ihre Schicksale immer enger aneinander, bis es zum finalen Clash kommt. Und wenn es ihm gerade passt, beschreibt er auch einmal das Auge einer Schlange über mehrere Seiten hinweg oder verfolgt den Weg einzelner Federn, die den Vögeln aus der Zoohandlung am Ende ausgerissen werden. Am Ende geht, wie gesagt, die Welt unter. Bleibt zu hoffen, dass Cohn sich trotzdem wieder irgendwo hinhockt und eine Welt entdeckt.

Wolfgang Paterno in FALTER 49/1999 vom 10.12.1999 (S. 64)


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