Irrlichterloh
Roman

von Arno Geiger

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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 200 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.08.1999

Rezension aus FALTER 31/1999

A Wedding and an Überfall

Arno Geiger erzählt uns in seinem neuesten Sprachfeuerwerk alles über einen netten Tag für eine weiße Hochzeit.

Der Tagedieb Jonas Kreuzer, "ein völlig winddurchpfiffener Charakter", stolpert mit seinem Geigenkoffer durch die Welt. Stiehlt ein Typ wie er einen Bund Spargel, dann schenkt ihm die Verkäuferin garantiert einen zweiten - sieht er seiner (Ex-)Freundin beim Schwimmen zu, dann haut ihm garantiert ein rabiater Badewaschel von hinten auf den Schädel. So geht es beim zweiten Roman des 31jährigen Vorarlbergers Arno Geiger zu - jede Menge Action. Absolut kein Grund, sich vom bescheuerten Titel "Irrlichterloh" abschrecken zu lassen!

Im Gegensatz zu Geigers Erstling ist der Plot einsichtig und die Geschichte cool: die vielbeachtete, jedoch in entnervender Du-Form geschriebene "Kleine Schule des Karussellfahrens" (1997) war ein hochtalentierter, aber extrem manieristischer Zitatenfriedhof mit hohem Unlesbarkeitsfaktor, an dem das Feuilleton (vermutlich gerade deshalb) nicht vorbeikonnte. Beim neuen Buch ist zu befürchten, daß die Kritik von einer weiteren Talentprobe sprechen wird. Doch es ist mehr als das.

Das Verwirrspiel um das (vielleicht doch nicht so) wertvolle Gemälde "Das rauchende Mädchen" ist zwar im Grunde unerheblich für die Handlung, doch hält einen der Protagonist mit teuflischen Bocksprüngen, brennender Selbstliebe und überhitzter Eifersucht bei der Stange. Ideale Abendlektüre: ein scherzhafter Gummihammer auf den Kopf, bestes Mittel gegen die Einschlafgefahr bei Weltliteratur. Hier bewahrheitet sich das alte Sprichwort: Was geschieht, ist im Grunde egal. Es kommt drauf an, wem es geschieht.

Es geschieht Jonas Kreuzer. Einem Romantiker. Seine Ann-Kathrin scheint sich von ihm getrennt zu haben, näheres hat er noch nicht in Erfahrung gebracht. Höchstens, daß sie sich eine neue Frisur zugelegt hat. Und daß sie mit seinem Vorgesetzten Caspar Zelzer (Juniorchef der Schildermalerdynastie "Zelzeris Nachfahren") auf dem Balkon frühstückt. Doch ein Romantiker wie Jonas marschiert nicht einfach zu seinem Widersacher und haut ihm in die Fresse. Nein, er ist viel raffinierter. Durch ein Münzfernrohr auf der Stadtburg (einem japanischen Touristen entrissen) betrachtet er die kaum 150 Meter entfernte, nunmehr unerreichbare und deprimierenderweise tatsächlich kurzhaarige Ann-Kathrin. Und wird Zeuge, wie Caspar seine Ex in das Sportcabrio einlädt - Ausflug zum Meer.

"In manchen Momenten ist es einfach besser, etwas Falsches zu tun als gar nichts": Auf dem Domplatz wird gerade Hochzeit gefeiert. Jonas kidnappt schnellentschlossen die Beiwagenmaschine, die fürs Brautpaar bestimmt war. Eine furiose Flucht mit klappernden Chili-con-carne- und Rindschwanzsuppen-Dosen - bis sich die Straßen so verzweigt haben, "daß sie seinen Verfolgern wie ein drohendes Rutenbündel entgegenstehen".

Dem Tankwart erzählt er eine wirre Story von einer geplatzten Hochzeit, bei der er selbst den Bräutigam hätte geben sollen. Klarerweise hat Jonas kein Geld, muß auf Befehl das Benzin absaugen, kriegt einen Schluck in die Speiseröhre und rülpst den Treibstoff noch Kapitel später auf. Zu allem Überfluß springt ihm auch noch Noemi, Tochter einer China-Restaurant-Besitzerin in der Provinz ("Die Leute machen einem den Dreck unter den Nägeln streitig"), vor das Motorrad. Eine Affäre beginnt, und wie bei jeder guten Affäre kommen am Ende die Büttel in Form von Lackaffen und werfen die Schuhe der Liebenden aus dem Fenster. "It's a nice day for a white wedding. It's a nice day to start again."

Geigers Balanceakt zwischen Groß- und Kleinstadtwelt geht voll auf. Auch deshalb, weil Arno Geiger ein begnadeter Dichter ist, der mit großer Geste auf die Lyrik verzichtet. Für die bunten Metaphern aus einem Kapitel "Irrlichterloh" kann man getrost die gesammelten Werke von Paul Celan und Ingeborg Bachmann zum Altpapier legen. "Ein kurzer Blick durch das Fenster verrät ihm, daß der Sommertag schön langsam durchrostet. Das Reifenprofil des gleichmäßig violetten Abendlichts ist abgefahren und findet an den Dingen keine Haftung mehr. Die Windschutzscheibe trübt sich. Eine graublaue Wolkenbank, ein Gegenhimmel, der einen heißen Tag hatte, sich zu verproviantieren, schiebt das Wrack Richtung Schrottplatz. Die Stimmung ist gewittrig."

Martin Amanshauser in FALTER 31/1999 vom 06.08.1999 (S. 53)


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