Schatten über dem Hudson
Roman

von Isaac Bashevis Singer

€ 25,60
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Übersetzung: Christa Schuenke
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 648 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.03.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Dieser Tage erscheint Isaac Bashevis Singers vor über 40 Jahren geschriebener Roman "Schatten über dem Hudson" auch auf Deutsch.Das voluminöse Opus enthält die zentralen Themen des Nobelpreisträgers in radikaler Zuspitzung und erzählt von der Geburtsstunde der modernen Neurose.
Die moderne Kultur ist der reinste Sadismus. Sie hat die Nazis ausgebrütet und den Kommunismus und alles Böse auf der Welt." Hier geht nicht etwa ein sattelfester Orthodoxer, sondern ein ebenso skeptischer wie unermüdlicher Gottsucher, der bislang selbst rege in dieser "gigantischen Unterwelt" mitgemischt hat, hart mit sich und der Moderne ins Gericht. Die Rede ist von Hertz Grein, der zentralen Gestalt in dem so opulenten wie mitreißenden Roman des Nobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer: "Schatten über dem Hudson" ist bereits in den Jahren 1958 und 1959 in einer jiddischen Zeitung, aber erst 1998 auf Amerikanisch und nun endlich auf Deutsch erschienen, und zwar in einer rundum gelungenen Übersetzung, die das Jiddische wohldosiert hervorscheinen lässt und durch ein umsichtiges Glossar ergänzt wird.
Wie in fast allen Geschichten dieses 1935 nach New York emigrierten chassidischen Rabbinersohnes geht es um den unauflöslichen Widerstreit von Gut und Böse, von freiem Willen und totaler Kausalität, von okkultistisch angehauchter Frömmigkeit und aufgeklärtem Skeptizismus, Askese und Ausschweifung, all dies freilich in erweitertem Rahmen, in radikaler Zuspitzung, Verkehrung und Beschleunigung. Der Roman spielt in New York und Florida nach dem Zweiten Weltkrieg zu Beginn des Kalten Krieges in dem bei Singer vertrauten Milieu ostjüdischer Überlebender und reflektiert mit verhaltener Ironie nichts weniger als die Geburtsstunde der modernen, ganz normalen Neurose - Woody Allens Personal ist blass dagegen.
Wie in seinem späteren Roman "Feinde, die Geschichte einer Liebe" steht das von Leidenschaft und bußfertiger Reue zwischen drei Frauen hin und her getriebene Dasein eines verzweifelten Gottsuchers im Zentrum. Grein, Singers Alter Ego, ein so frommer wie ungläubiger 46-jähriger Börsenspekulant, verliebt sich leidenschaftlich in die um elf Jahre jüngere, schöne Anna, der er vor dem Krieg Nachhilfe gegeben hat und die ihm als "erste Liebe" in bester Erinnerung geblieben ist. Anna ist bereits in zweiter Ehe unglücklich mit Stanislaw Luria verheiratet, einem viel älteren, unablässig rauchenden Freund ihres Vaters, der Tag und Nacht mit der Welt hadert - seine erste Frau und seine beiden Kinder sind vergast worden.
Grein hat eine unendlich tolerante Ehefrau, Leah, zwei fast erwachsene Kinder und seit elf Jahren eine Geliebte: Esther, eine ziemlich durchgedrehte, hypochondrische Quasselstrippe. Da der Skandal schon in ihrer ersten gemeinsamen Nacht publik wird und recht dramatische Szenen mit ihren Angehörigen provoziert, fliehen Anna und Grein nach Miami. Doch die Vergangenheit holt sie bald wieder ein und zurück nach New York, wo sich die Ereignisse schier überstürzen: Der lebensmüde Luria stirbt; der satanische Komiker Jascha Kotik, Annas erster Ehemann, der sie selbst und die gesamte jiddische Kultur bereits im Berlin der Nazizeit zutiefst gedemütigt und in den Dreck gezogen hat, taucht wieder auf; Leah hat Brustkrebs; Greins kommunistisch gesinnter Sohn heiratet die Schickse Patricia, seine Tochter treibts mit einem deutschen Kommunisten; Esther verführt Grein erneut ...
Grein weiß keinen Ausweg aus dem Wechselbad zwischen seinen kopflosen Fluchtversuchen zu und mit Esther und seinen heftigen Reuephasen, die in ihrer Radikalität durchaus an Dostojewski erinnern: Er fühlt sich schuldig am Tod Lurias, am Krebs seiner Frau, als "Hurenhüter" seiner Tochter und sündiger Skeptiker, der es versäumt hat, seine Kinder jüdisch zu erziehen. "Die Christen haben ja wenigstens Klöster - wo aber kann ein Jude sich verkriechen? Das Weltliche umzingelt uns von allen Seiten."
Was in Singers New Yorker jiddischem Mikrokosmos allen Überlebenden zu schaffen macht, bringt Grein, dem "heutzutage das ganze Leben eine einzige Klemme" ist, exemplarisch zur Geltung: das Ob und Wie des Weiterlebens als osteuropäischer Jude. In ihrem Denken und Urteilen sind Singers ambivalent gezeichnete Figuren, die dem (durch den Verlust noch idealisierten) moralischen Erbe ihrer frommen Vorfahren völlig verhaftet sind, hinreißend: Die Moderne wird durch die Brille biblischer Figuren, des Talmud und der Kabbala ins Visier genommen. Ehebrecher, assimilierte Ostjuden, militarisierte Zionisten und Jeckes werden so inbrünstig verurteilt wie die "Kultur der Gojim", Nazis, Kommunisten, Kino, Radio, Zeitungen und Hollywood.
In ihrem Tun aber kann dieses Denken nicht Fuß fassen, die Wirklichkeit der Romanhandlung schlägt stets andere Wege ein: Annas Vater, ein so frommer wie geschäftstüchtiger Jude und überzeugter Kommunistenfeind organisiert seinem kommunistischen Neffen eine jüdische Hochzeit; sein bewährter alter Freund, der Arzt und Psychoanalytiker Dr. Margolin, tut sich wieder mit der Deutschen zusammen, die ihn 1938 wegen eines Nazis verlassen hat. Anna lässt sich wieder mit dem zuvor verteufelten Kotik ein und geht mit ihm nach Hollywood - das ist "Selbstmord auf Raten", die fesselnde jüdisch-moderne Variante der Anna Karenina.
Aber gar so düster siehts am Ende doch nicht aus: Greins Enkel werden wider Erwarten wohl doch jüdisch erzogen werden, denn seine Schwiegertochter, die Schickse, konvertiert; was Grein im Judenviertel von Ostjerusalem noch bevorsteht, bleibt offen.

Iris Buchheim in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 10)


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