Herrschaft und Heil
Politische Theologie in Altägypten, Israel und Europa

von Jan Assmann

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Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Jan Assmann untersucht Formen politischer Theologie bei den Pharaonen und zeigt, dass deren Regieren weniger religiös als politisch geprägt war.
Für Jan Assmann, Heidelberger Ordinarius der Ägyptologie, besitzt sein Fach ein besonderes Privileg. Es verfügt über einen "weit in die Zeittiefe vorgeschobenen Aussichtspunkt", von dem aus die eigene Vorgeschichte besser wahrgenommen werden kann "als im Horizont der abendländischen Rückerinnerung". Zumal diese - geprägt vom Geschichtsbild der Bibel - Entstellungen großen Stils vorgenommen habe. Eine davon ist die von Ägypten als einem "Sklavenhaus", wissenschaftlicher ausgedrückt: einer "orientalischen Despotie". Dem Nachweis, dass daran nicht einmal die Hälfte wahr ist, gilt Assmanns Bemühen seit langem. In seiner neuen Aufsatzsammlung erweitert er es um eine Auseinandersetzung mit dem Problem der politischen Theologie.
Den Begriff als solchen hat der deutsche Staatsrechtler Carl Schmitt 1922 in Umlauf gebracht: "Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe." Darum habe "der Ausnahmezustand für die Jurisprudenz eine analoge Bedeutung wie das Wunder für die Theologie". Und beide Male zeige sich, "dass die Zeit eine Entscheidung verlangt". "Die eigentliche politische Unterscheidung ist die Unterscheidung von Freund und Feind", so Schmitt 1927 in "Der Begriff des Politischen". Abgesehen davon, dass der Staatsrechtler selbst eine politisch dubiose Figur war - ein Parteigänger der Nazis, den eine Intrige der SS um einen Großteil seines Einflusses brachte, sodass er sich nach 1945 zum doppelt Verfolgten stilisieren konnte -, bleibt seine Konstruktion selbst historisch ungesichert. Assmann kann nun zeigen, dass die politische Ordnung Ägyptens zu Vorstellungen religiöser Ordnungen zwar in Beziehung steht, hier aber nicht die Theologie, sondern die Politik begriffsprägend war. Die Vorstellung von Gott ist nach der des Königs geformt. Der Pharao "war eine Verweisfigur, die auf etwas Höheres deutete und Höheres vertrat, so wie die Pyramidenspitze auf die Sonne wies, die sich auf ihr niederließ". Er konnte kraft eigener Macht Gesetze erlassen und war zu einer bestimmten Aufgabe verpflichtet: die "Logik der Fische" außer Kraft zu setzen, nach der die Größeren die Kleineren fressen. Den Schwächeren vor dem Stärkeren zu schützen war seines und des Staates Aufgabe.
Einen Einschnitt bisher ungeahnten Ausmaßes bewirkte die Vorstellung vom Bundesschluss Gottes mit einem Volk, wie er im Alten Testament geleistet wird. Mit dieser Theologisierung eines einst politischen Begriffs, einer "Umbuchung", wird zum ersten Mal denkbar, dass der Staat böse ist, weil die Herrschaft von Menschen über Menschen "unter einem grundsätzlichen Vorbehalt" steht. Darum ist der Auszug aus Ägypten der identitätsstiftende Mythos Israels. "Im Zeichen des gesetzgebenden Gottes hat der irdische Herrscher diese Position zu räumen." Jener besorgt das Heil des Volkes und sichert seine Fortdauer im Diesseits. Darum kann die Tora auf das Versprechen der Unsterblichkeit verzichten, die im Ägypten des so genannten Neuen Reiches eine Art "moralischer Mumifizierung" darstellte.
Ihr gegenüber nähert sich das Christentum wieder stärker ägyptischen Vorstellungen. Vielleicht musste darum nach Matthäus die Heilige Familie für eine Zeit nach Ägypten fliehen. Wie dort der Staat, so stellt hier die Kirche die Gewissheit des Heils her, die in Auferstehung und ewigem Leben besteht. Allerdings ist diese auch an die Herrschaft von Menschen über Menschen gebunden, die im Papsttum ihren stärksten Ausdruck findet. Damit geht aber auch die von Schmitt geforderte "Freund-Feind-Unterscheidung" einher - eigentlich eine "politische Theologie der Gewalt", nicht eine Bestimmung von Politik schlechthin, wie Assmann scharfsinnig bemerkt. Dass sie mit staatlichen Mitteln exekutiert werden konnte und mörderische Konsequenzen hatte, macht die dunkle Seite der Religion der Liebe aus.

Martin Treml in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 22)


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