Friedrich Nietzsche. Chronik in Bildern und Texten

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Verlag: Hanser, Carl
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 04.04.2000

Zum 100. Todestag Friedrich Nietzsches (1844-1900) wurde diese einmalige Bilddokumentation, in der sich sein Leben Tag für Tag verfolgen läßt, zusammengestellt. Deutlich werden neben der Person auch die 'Lebensläufe' der einzelnen Werke, von ersten Notizen und Manuskriptfassungen bis hin zur Drucklegung. Konzipiert im Zusammenhang mit der großen Ausstellung (ausgerichtet von der Stiftung Weimarer Klassik. Ausstellungsbeginn: April 2000 in Weimar), bietet dieses Buch mehr als 7000 Bild- und Textzitate, einzeln nachgewiesen und mit Registern erschlossen.

Rezension aus FALTER 34/2000

Rund vierhundert Titel von und über Friedrich Nietzsche sind ein Jahrhundert nach seinem Tod verfügbar - von Audiokassetten mit der Lyrik des Dichter-Philosophen über das Brevier "Nietzsche für Gestresste" bis hin zu einigen CD-ROM. Nicht wenig Lesematerial kam dabei rechtzeitig fürs Jubiläumsjahr dazu, wie Rüdiger Safranskis famose Annäherung an Nietzsches Ôuvre. Der preisgekrönte Essayist, der bereits mit seinen Büchern über Schopenhauer und Heidegger Maßstäbe in der Darstellung von Lebenswerken setzte, liefert auch mit dieser Studie Qualitätsarbeit ab: Unprätenziös und klar zeichnet er die "Biographie seines Denkens" nach und bietet so die wahrscheinlich beste Nietzsche-Einführung, die zurzeit zu haben ist.Wohl eher für Hardcore-Nietzscheaner ist hingegen der voluminöse Band "Friedrich Nietzsche. Chronik in Leben und Bildern" gedacht, der die von der Stiftung Weimar veranstaltete Nietzsche-Ausstellung "Wann ist der Gotthardtunnel fertig?" mit zahllosen bedeutungsvollen Bildern und Texten begleitet: "2. August 1872 in Basel: ,Hier war es, bis gestern grenzenlos heiß und, für einen Gelehrten, eigentlich unmöglich.'"Aufs wichtigste Text- und Bildmaterial beschränkt ist im Gegensatz dazu die immer noch sehr brauchbare Nietzsche-Bildmonographie von Ivo Frenzel aus dem Jahr 1966, die heuer aktualisiert und in einem neuen Layout wieder aufgelegt wurde.Wer schließlich zu Nietzsches eigenen Büchern greifen will, hat die Qual der Wahl unzähliger Einzelausgaben - und drei unterschiedlich vollständige Werkausgaben in drei (Hanser), zehn (Goldmann) bzw. 15 Bänden (dtv). Letztere "Kritische Studienausgabe" haben die italienischen Nietzscheologen Giorgio Colli und Mazzino Montinari besorgt, sie ist auch in Einzelbänden erhältlich und unter den rund 400 verfügbaren Nietzsche-Titeln der sowohl lohnens- als auch preiswerteste.Vor hundert Jahren starb Friedrich Nietzsche.Über den Ahnherrn des politisch unkorrekten Denkens hat Konrad Paul Liessmann ein Buch geschrieben - und mit dem "Falter" über Leben, Werk und Aktualität des Philosophen mit dem Hammer gesprochen.
Aus der bewussten Welt hatte er sich bereits fast zwölf Jahre vor seinem physischen Tod am 25. August 1900 verabschiedet. Bevor Friedrich Nietzsche zu Beginn des Jahres 1889 wahnsinnig wurde, arbeitete er wie manisch an mehreren Büchern - und experimentierte pausenlos mit neuen Buchtiteln. Einer, den er bald wieder verwarf, lautete "Der Wille zur Macht" und ist bis heute untrennbar mit seinem Namen verbunden. Ein anderer hieß "Die Philosophie des verbotenen Wissens".
Den wieder fand der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann "zu gut, um ihn zu verschenken" und schrieb eine umfangreiche Studie über den Nihilisten und die schwarzen Seiten des Denkens. Kernthese ist dabei, dass die Kehrseite der europäischen Ideale - also des Wahren, Schönen und Guten - für Nietzsche die zentralen "Wahrheiten" waren. So also rekonstruiert Liessmann dessen "Philosophie des verbotenen Wissens" und stellt sie dem gegenüber, was andere Philosophen über die Lüge, das Hässliche und das Böse gedacht haben. Falter: Es gibt dieses bekannte Graffiti:
",Gott ist tot.' (Nietzsche)
Nietzsche ist tot.' (Gott)"
Wie tot ist der Philosoph Nietzsche hundert Jahre, nachdem er physisch gestorben ist? Konrad Paul Liessmann: Das Schöne bei Philosophen dieser Größe ist, dass sie nie wirklich tot sind. Und wenn man sie auch für tot erklärt hat - was nicht nur Nietzsche, sondern auch Marx oder Hegel passiert ist -, dann gibt es immer wieder Auferstehungen. Nietzsche hat im 20. Jahrhundert zweifellos unterschiedliche Konjunkturen durchlaufen, die nicht unabhängig waren von den vorherrschenden politischen Strömungen der jeweiligen Epoche - was im Grunde auch für die nach wie vor anhaltende Brisanz dieses Denkens spricht. Wie verliefen diese Konjunkturzyklen?
Nietzsche war zweifellos einer der einflussreichsten Denker am Beginn unseres Jahrhunderts. Danach kam die Instrumentalisierung durch den Nationalsozialismus, die dazu geführt hat, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland kein Thema war, insbesondere nicht bei der neuen Linken in den Sechziger- und Siebzigerjahren - auch wenn er als Kunstphilosoph immer vorhanden war: Adornos "Ästhetische Theorie" gäbe es ohne Nietzsche nicht. So wurde es dann zu einer der großen Ironien der Philosophiegeschichte, dass Nietzsche in den Achtzigerjahren ausgerechnet aus den USA und Frankreich nach Deutschland reimportiert werden musste. Erst mit dieser Rezeption im Rahmen der philosophischen Postmoderne - etwa bei Michel Foucault oder Richard Rorty - wurde es auch im deutschsprachigen Raum wieder möglich, mit und über Nietzsche zu arbeiten.
In seinem autobiografischen Spätwerk "Ecce Homo" heißt es: "Das eine bin ich, und das andere sind meine Schriften." Wie sah denn die Beziehung zwischen Nietzsches Biografie und seiner Bibliographie aus?
Dieses Verhältnis ist bei Nietzsche in der Tat ein hoch spannendes und zugleich sehr spannungsvolles: Einerseits kann man bei ihm das Denken nicht vom Leben trennen, andererseits muss man Nietzsche aber auch vor einer psychologistischen Reduktion des Denkens auf sein Leben - seine Krankheiten, sexuellen Neigungen oder was auch immer - schützen. Bemerkenswert bleibt aber, dass jener Philosoph, der uns als Denker der Macht, des Starken, des Übermenschen und des Gesunden gegenwärtig ist, in seinem Leben tatsächlich das genaue Gegenteil war. Er war zeit seines Lebens krank, er war schwach, alles andere als durchsetzungskräftig. Wenn man den Zeugnissen seiner Zeitgenossen trauen darf, dann war Nietzsche ein höchst schüchterner, höflicher, zurückhaltender Mensch der sich aber als Dynamit bezeichnet hat und als der Philosoph mit dem Hammer gilt.
Es stimmt schon, dass er einmal gesagt hat, er sei Dynamit. Und der Untertitel eines seiner Bücher heißt tatsächlich "Wie man mit dem Hammer philosophiert". So ist auch jenes Bild von Nietzsche als Zertrümmerer der Ideengebäude der abendländischen Zivilisation und ihrer Moral entstanden. Es finden sich aber bei Nietzsche Passagen, die auf einen ganz anderen "Hammer" verweisen - nämlich jenes Hämmerchen, mit dem Ärzte den Kniesehnenreflex testen. Er hat sich nicht als Zertrümmerer verstanden, sondern in bestimmten Phasen viel eher als Psychologe - als einer, dem es darum ging, gesellschaftliche Reaktionen auf bestimmte Fragen herauszufordern, um damit jene Vorurteile und Selbstbetrugsstrategien kenntlich zu machen, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Und in dieser Hinsicht halte ich Nietzsche nach wie vor für einen der interessantesten Denker.
In Ihrem Buch geht es um genau dieses Wissen, das sich eine Gesellschaft nicht eingesteht. Die Frage ist aber, ob es heute in unserer Medien- und Wissensgesellschaft, in der etwa das Hässliche in der Kunst längst zum Common Sense geworden ist, tatsächlich noch solche "verbotenen Seiten des Denkens" gibt?
Es stimmt schon: Die Arten und Weisen, in denen wir uns belügen, sind zweifellos nicht mehr dieselben wie im 19. Jahrhundert. Natürlich sind wir etwa aufgrund der Entwicklungen in der modernen Kunst unendlich abgebrühter geworden gegenüber ästhetischen Schocks, als man es vor 100 Jahren war. Trotzdem glaube ich nicht, dass wir deshalb schon zu einer existenziellen Ehrlichkeit gegenüber unseren Abgründen gefunden haben, wie das Nietzsche vorschwebte. Zwar ist das Hässliche und Obszöne zu einer etwas abgegriffenen Spielmarke des Kunstbetriebs geworden, auf der anderen Seite wurden einer Gesellschaft noch nie so viele ästhetische Normen aufgedrückt wie der unseren. Jede junge Frau weiß, wie sie auszusehen hat - und der Spielraum ist dabei relativ begrenzt. Dagegen war das 19. Jahrhundert ein Ausbund an ästhetischem Pluralismus.
Und wie sieht es mit der Wahrheit und den Werten aus? Haben wir uns von denen in der Zwischenzeit nicht auch schon längst verabschiedet, wie es Nietzsche forderte?
Ich bin mir da nicht so sicher. Man denke nur an die ganze Sokal-Affäre und die Reaktionen der Naturwissenschaftler auf die Infragestellung ihrer "Wahrheiten". Es scheint offensichtlich, dass wir sowohl in der Wissenschaft wie im Alltag mit Nietzsches radikalem Perspektivismus oder Relativismus nicht leben können. Wir wollen und wir brauchen immer noch Wahrheiten - sei es in den Wissenschaften oder in der Politik: Der Europäer Nietzsche wäre zweifellos in Gelächter ausgebrochen, wenn er die jüngste Diskussion über europäische Werte als die neue Wahrheit unserer gemeinsamen Identität hätte verfolgen müssen. Das zeigt, wie weit wir nach wie vor von jedem Perspektivismus oder Relativismus entfernt sind. Und sei es deshalb, weil wir eingesehen haben, dass die Einklage von verbindlichen Werten einfach politische Notwendigkeit ist. Damit sind wir bei Nietzsche als dem politisch unkorrekten Denker schlechthin. Ist es nicht das, was ihn - möglicherweise gerade auch für Sie - so aktuell macht?
Nietzsche zu aktualisieren kann nicht bedeuten, irgendwelche Ideologien zu legitimieren. Das Faszinierende an Nietzsche ist eher dieser böse Blick, den er auf bestimmte politische und gesellschaftliche Entwicklungen hatte, was bedeutete, dass er sich diesen Blick nicht durch irgendwelche Wunschvorstellungen trüben lassen wollte: Dass ein Volk, nur weil es als Volk auftritt, auch schon Recht hat - diesen Irrtum wollte Nietzsche nie mitmachen. Deshalb auch seine Skepsis gegenüber der Demokratie. Das Gefährliche daran ist aber wohl vor allem, dass er das so schonungslos formuliert und wohl auch zum Teil affirmiert hat.

Klaus Taschwer in FALTER 34/2000 vom 25.08.2000 (S. 48)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Nietzsche, Friedrich (Friedrich Nietzsche, Giorgio Colli, Mazzino Montinari)
Nietzsche (Rüdiger Safranski)
Friedrich Nietzsche (Ivo Frenzel)
Philosophie des verbotenen Wissens (Konrad Paul Liessmann)

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