Anils Geist
Roman

von Michael Ondaatje

€ 22,10
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Melanie Walz
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 328 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.08.2000

Anil Tissera kehrt nach Jahren zurück in ihre Heimat Sri Lanka. Als Rechtsmedizinerin soll sie Beweise dafür liefern, dass in dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land nicht nur Rebellen Terror ausüben, sondern auch die Regierung. Es beginnt eine spannende Spurensuche, die ganz unterschiedliche Menschen zusammenführt. Sarath, der Archäologe, Ananda, der Künstler und Anil suchen jeder auf seine Weise nach der Wahrheit, der Liebe und nach der Ursache eines Verbrechens.

Rezension aus FALTER 35/2000

Anil ist 33 Jahre alt, sie besitzt mittlerweile einen britischen Pass, möchte keineswegs als verlorene Tochter des Landes gelten und hat sich an die westliche Lebensart so weit gewöhnt, dass ihr der Mangel an Anonymität in Sri Lanka einigermaßen zusetzt. Dem ihr beigestellten einheimischen Archäologen, Sarath Diyasena, der ihr bei der Untersuchung von Gerippen anonymer Ermordeter hilft, misstraut sie; sitzt doch sein Cousin in der Regierung, die guten Grund hat, die Aufklärung etwaiger Gewalttaten zu vertuschen. Sarath wiederum zeigt sich gegenüber der Heimkehrerin reserviert, die "wie ein Journalist aus dem Ausland" redet.
Im Verlauf des Romanes werden sich die beiden näher kommen - und dennoch auf Distanz bleiben. Eine gewisse Sprödheit und Unzugänglichkeit zeichnet alle Figuren aus, geschwätzige Bekenntnisfreude gehört nicht zu ihren hervorstechenden Eigenschaften, wobei der Leser - dank wiederholter Perspektivenwechsel - mehr von den Personen weiß, als diese voneinander wissen.
Ondaatje ist ein diskreter Erzähler, der seine Personage gleichsam aus dem Augenwinkel heraus beobachtet und beschreibt. In dieser Art von lateraler Wahrnehmung wird in "Anils Geist" die Zentralperspektive gleichsam aufgehoben. Niemand hat den Durchblick, und so ist es nur konsequent, dass sich Ondaatje mit einer äußerst knappen Vorbemerkung bescheidet, um dem Leser den politischen Hintergrund von Sri Lanka zu skizzieren: Terror und Gegenterror zwischen der Regierung, den Aufständischen im Süden und den Separatisten im Norden.
Es gibt ihn nicht, jenen privilegierten Ort, von dem aus sich die Wahrheit erkennen, Gut und Böse klar unterscheiden ließe. Die zentrale Erkenntnismetapher des Romans ist nicht der Lichtstrahl, sondern das Palimpsest: Mehrfach überschrieben, muss das Dokument erst Schicht für Schicht entziffert werden, so wie es Saraths charismatischer Lehrer, der Archäologe Palipana, mit einer berühmten Inschrift macht; eine Lektüre, die in wissenschaftlichen Kreisen umstritten bleibt.
"Anils Geist" nimmt mitunter Züge eines Politthrillers an, verweigert aber eine klassische Lösung. Es gibt keine Apotheose der Erkenntnis, weil der Heroismus des Detektiven/Helden noch lange keinen Sieg über die Missstände und das Leiden bedeutet, die im Laufe der Untersuchung dem Dunkel entrissen wurden. So wird eben keine Verschwörung aufgedeckt und die Schuldigen bleiben unbenannt. In einem der zahlreichen Einsprengsel, in denen der Roman vom Pfad der fortlaufenden Handlung abweicht, wird die Ermordung eines Regierungsbeamten in einem vollbesetzten Zug geschildert - als anonymer, sozusagen technischer Akt, über dessen Hintergründe wir nichts erfahren.
Immerhin: Eine Wahrheit wird doch buchstäblich zutage gefördert: Bei dem Skelett des vor wenigen Jahren ermordeten Mannes, das an historischer Stätte zwischen uralten Gerippen gefunden wurde, handelte es sich um den vermutlich 28-jährigen Ruwan Kumara, einem Palmsaftzapfer, der zuletzt in einer Edelsteinmine gearbeitet hat.
Großartig! Die Geschichte zu untersuchen, als wäre sie ein Leichnam!", ruft Saraths Bruder, der Arzt Gamini aus. Genau dieses "als ob" wird hier zur Wirklichkeit: Unter Mithilfe eines versoffenen Künstlers rekonstruieren Anil und Sarath die Identität des Ermordeten. Die zahlreichen Quellenhinweise, die Ondaatjes intensive Recherchen belegen, sind nicht das einzige Indiz für den großen Respekt, den der Autor der professionellen Kompetenz seiner Figuren entgegenbringt. Es scheint so, als würde das entsprechende Ethos dem Beruf selbst immanent sein.
Erzählt wird zum Beispiel der Fall eines Nobelarztes, der von Rebellen entführt wird und der über seiner Arbeit in einem improvisierten Lazarett seine Familie vergisst; eine Mentalität, die sich unter dem Drang der Ereignisse wie von selbst herauszubilden scheint: "Die Ärzte, die diese Zeit im Nordosten überlebten, sollten niemals vergessen, dass sie nie in ihrem Leben mehr gearbeitet hatten und nie jemandem nützlicher gewesen waren als jenen Fremden, die geheilt wurden und ihnen wie Getreidekörner durch die Finger glitten. Kein Einziger von ihnen kehrte später in die wirtschaftlich sichere Karriere einer Privatpraxis zurück. Hier lernten sie alles Wichtige. Was ihnen Kraft verlieh, war keine abstrakte oder moralische Qualität, sondern physisches Können."
Auch Gamini, eine der eigenartigsten und berührendsten Gestalten des Romans, "war damals am glücklichsten, als er aus der Unordnung der Jugend in die Ekstase der Arbeit trat". Nachdem seine Ehe und etwaige amouröse Ambitionen gescheitert sind, geht er, aufgeputscht von Amphetaminen, völlig im Beruf auf. Das von einer Mine zerfetzte Bein ist die Realität, die er (an)erkennt und die letztlich zu einer völligen politischen Abstinenz führt: "Er wollte mit niemandem zu tun haben, der einen Krieg befürwortete. Oder Grundbesitz oder Privatbesitz oder auch nur individuelle Rechte. All diese Motive endeten letztlich in den Armen gedankenloser Gewalt. Man war nicht besser und nicht schlechter als der Feind."
Längst haben sich die klaren Demarkationslinien aufgelöst, die Gegner reichen sich "bei heimlichen Waffengeschäften die Hand", und dennoch muss Anils Mitarbeiter Sarath, der von sich behauptet, auf keiner Seite zu stehen, am Ende eine Entscheidung treffen. Sie wird ihm das Leben kosten. Und nichts spricht dafür, dass die zu Ende geführte Untersuchung die allgemeine Befindlichkeit im Lande, wie sie Sarath zu Beginn des Romanes einmal beschreibt, ändern wird: "Jeder hat Angst, Anil. Das ist unser Nationalleiden."

Klaus Nüchtern in FALTER 35/2000 vom 01.09.2000 (S. 53)


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