Die Wüste Lop Nor
Novelle

von Raoul Schrott

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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 128 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.08.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Raoul Schrott begibt sich in die Mitte der Welt und stößt dort auf sehr viel Sand: eine poetische und wissenschaftliche Herausforderung.
Raoul Schrott hat eine erlesene kleine Geschichte geschrieben, von Raoul Louper, dessen drei Frauen und exotischen Reisen; ein paar skizzenhafte Striche genügen ihm für sein Personal und ihr Schicksal (mir nicht); ein paar Körperlichkeiten und Bonmots zur Liebe. Man versteht, dass Louper für Frauen interessant ist, aber auch sie wissen nicht viel von ihm.
Das größere Thema aber ist der Sand. Deshalb hält sich Raoul gern in Ägypten auf, in der Sahara oder in China. Wüstensand: schon lange vor dem Auftreten des Menschen gerieben, daher mythischer Stoff, der dem Romantiker von der Ganzheit der Schöpfung erzählt, bevor sie vom Menschen zerfleddert wurde. Die Dünen singen. Das ist physikalisch verbürgt und poesietauglich wie das Rauschen des Meeres, das Stöhnen der Wale oder die Klänge der Äolsharfe. Die Physik reicht ja nur bis zur Logik des Naturgeschehens. Die große Sehnsucht der Raouls geht nach Musik; sie ermöglicht ein Verständnis, ja ein Einssein mit dem Ganzen jenseits der Begriffe. Gemeint ist nicht das menschliche Stückwerk unserer Komponisten (ihre Musik hat für Raoul "zu viele Töne"), sondern die Musik der Elemente.
Raoul Schrott ziehts zur Mitte der Welt (sie liegt übrigens in der Wüste Lop Nor im Nordwesten Chinas); an den Rändern, wo wir wohnen, unseren uneigentlichen Geschäften nachgehen und unsere banalen Gefühle wiederkäuen, hält er sich nicht so gerne auf. "Irgendwo dort, wenn auch noch nicht ganz da und jetzt, liegt die unberührbare Mitte der Welt, die Wüste Lop. Am Anfang war alles nur Ebene. Vom Himmel kam das Wasser, und es stieg und stieg, ohne ganz zu dieser Mitte zu gelangen. Und es dauerte, dauerte so lange, wie eine Schildkröte braucht, um das Meer auszutrinken, und eine Ameise, die Erde zu umrunden."
Schrott hat in seinen Grazer Vorlesungen unserer Gegenwartsliteratur Konzeptlosigkeit vorgeworfen. Er selbst legt in seinen Büchern als Konzept die poetische Besinnung auf Bildung und Handwerk, die Wiedervereinigung von Kunst und Wissenschaft vor (dafür hat er reichlich antike Argumente). Sieht der zeitgemäße Mythos nun so aus wie oben beschrieben? Nein, so kann nur ein Mythos aussehen, wenn man Mythologie studiert hat. Überschlagsmäßig könnten Ameisen pro Tag mindestens einen Kilometer zurücklegen; dann bräuchten sie zur Erdumrundung nicht viel mehr als hundert Jahre: erdgeschichtlich lächerlich wenig.
Selbst wenn man von kleinlichen Rechnereien absieht, haben solche metaphorischen Zeitangaben einen bibellangen Bart. Schrotts Besinnung auf unsere poetischen Wurzeln führt zu oft ins Museum statt an die frische Luft. Und sein Dichten ist leider immer auch einZelebrieren der Kostbarkeit von Dichtung. Die 101 Kapitel, oft nur wenige Zeilen lang, werden in römischen Ziffern gezählt. Je weniger Worte auf der Seite stehen, desto kostbarer sind sie. Mitunter wird die Prosazeile durch lyrischen Zeilenbruch, das Unscheinbare durch Exponierung (in einem eigens reservierten Absatz) geadelt.
Poesie ist hier weniger Beschreibung der Welt als ihrer Preziosen, ein Separee des Ungewöhnlichen. An den Farben der Wüste etwa bestaunen wir vor allem Schrotts exquisites Vokabular: "Die Quarzpartikel, türkischblau und königsblau, lapislazuli, smaragdgrün, karneol, zinnoberrot und scharlach, heliotrop und bernsteingelb, grau und weiß." So versiert ist der Dichter; dagegen kann keine Wüste an.
Schrott ist nicht nur Universitätsgermanist, sondern auch ein naturwissenschaftlich höchst interessierter und belesener Autor. Auch in der vorliegenden Erzählung werden wir wieder reichlich mit wissenschaftlicher Sachinformation versorgt, deren exklusive Terminologie dem Leser als ein weiterer Beitrag zur Erhöhung oder Entrückung der Dinge über den Leser kommt. Das Fachvokabular scheint geradezu zur Verrätselung der Dinge eingesetzt: damit sie dem Mythos zufallen? Bei aller Wissenschaft ist der Mythos wohl das vorrangige Anliegen von Schrotts Poesiekonzept. Auch die Wissenschaft dient dem Sinnbild. Warum wäre sonst das Singen der Dünen so wichtig? Außerdem weiß Schrott ja: "Über das Aufzählen der Ortsnamen wird die Erde nicht rund; (...) das ist bei allen Geschichten so."
Man kann Schrotts Anliegen verstehen, man kann Schönes finden (wie obigen Satz), aber insgesamt neige ich der Meinung jener zu, die Schrott für eine gelehrten Literaturschmock halten.

Helmut Gollner in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 16)


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