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Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 50/2000

Für mich war Gustaw Herling die Entdeckung des Jahres 2000, eine Wiederentdeckung des Buchmarktes, einer von den Impulsen, die in den letzten fünf Jahren aus den ehemaligen sozialistischen Ländern kamen, wie etwa die Werke des Serben Aleksandar Tisma, der Ungarn Sandor Marai oder Imre Kertesz. Sie lassen sich jenseits der landesüblichen Auseinandersetzungen von kopflastiger Avantgarde und draller Realistik angloamerikanischen Zuschnitts lesen. Sie berichten von den Schrecken der Stalinära und des Nationalsozialismus, sie sind aber nicht als Breviere des Antikommunismus zu gebrauchen, denn der so genannten "freien Welt" wird, allerdings ohne existenzielle Emphase, auch der Spiegel vorgehalten.

Gustaw Herling war Pole, dessen Werk erst seit 1988 in seinem Heimatland zugänglich ist. Er lebte in Italien, wo er heuer einundachtzigjährig starb. "Tagebuch bei Nacht geschrieben" heißt das Buch, das heuer im Frühjahr in deutscher Übersetzung erschien, ein kritischer Kommentar zum Zeitgeschehen der Jahre von 1984 bis 1995, die einen sympathisch gebildeten und einen in alle Richtungen skeptischen Analytiker zeigen. "Welt ohne Erbarmen" folgte im Herbst, ein Buch, das von Herlings Zeit in einem sowjetischen Gefangenenlager bei Archangelsk berichtet, die er dort zwischen 1940 und 1942 verbringen musste.

Keine behagliche Lektüre für die Weihnachtstage, gewiss, aber so etwas ist besser zu ertragen, wenn man es vom Alltag unbelästigt lesen kann. Bertrand Russell und Albert Camus hatten gute Gründe, als sie dieses Buch bei seinem ersten Erscheinen 1953 empfahlen: Herling zitiert, ohne dass ihm der Vergleich mit dem Giganten abträglich wäre, Dostojewskis "Aus einem Totenhaus" herbei, das ist der Subtext, den man mitlesenmuss und soll, der Bericht von einer Welt, in der eigene Gesetze herrschen. Beklemmend ist der Bericht gerade deshalb, weil er ohne Emphase mit schmuckloser Präzision und ohne moralisierende Einschlüsse die Szenen im Lager nachstellt: Da herrscht nicht der simple Gegensatz von Täter und Opfer; alle sind aneinander gekettet. Die Schergen fühlen sich als Verwalter des Rechts und die Gefangenen unterwerfen sich im Gefühl der Schuld. Eine Unzahl von Einzelschicksalen lässt das Buch wie eine Romanfolge wirken, aber in der Verknappung wirkt alles nachdrücklicher - ein Text, der in seiner Ökonomie sich auf demWeg zu dem von Herling bewundertenFranz Kafka befindet.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 50/2000 vom 15.12.2000 (S. 74)


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