Über das Wasser

von H.M. van den Brink, Helga van Beuningen

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Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 49/2000

Wieso erlebe ich das so selten? Ein Buch zu finden, in dem ich so tief versinke, dass ich nach den letzten Seiten atemlos wieder auftauche. Unlängst ist mir das endlich wieder einmal passiert, mit der Novelle "Über das Wasser" des niederländischen Autors H. M. van den Brink: Knappe 150 Seiten, die Staunen machen. "Glück?" heißt es gleich zu Beginn. "Darüber spricht man nicht. Ein Wort zu viel, und es ist lächerlich. Zwei Worte, und es ist verschwunden, fort." Anton weiß das - und kann nicht anders: Er muss von jenem Sommer im Holland der späten Dreißigerjahre erzählen, da er sein Glück fast schon angreifen konnte,sich dessen sicher, es nie mehr zu verlieren. Anton ist 17, als er zum ersten Mal in einem Ruderboot sitzt. Kurz darauf wird er dazu ausersehen, zusammen mit David einen Zweier zu übernehmen. Aus zwei Burschen, die der Zufall zusammengespannt hat, wird ein Team. Die beiden verständigen sich über den Schlag der Ruderblätter, über den Druck der Beine auf das Stemmbrett, über die Anspannungen in Schultern und Oberarmen, die sie aneinander beobachten. Sie werden eins.
Was hat dieses Buch, das es so eigen und unwiderstehlich macht? Es passiert nicht viel: zwei Jungen in einem Boot, endlose Trainingsfahrten, endlose Ansichten des Wassers bei allen Wetterlagen. Aber gerade die langsame Schilderung dieses Lebens am Fluß entwickelt einen mitreißenden Sog. Zumal die Sprache des Autors mit ähnlicher Präzision, Kraft und Leichtigkeit durch die Novelle zieht wie der Ruderschlag der beiden Burschen durch die Wellen des Stroms. Gleichzeitig fügen sich die Erzählsequenzen, in denen Bilder und Leitmotive rhythmisch wiederkehren, in einen dramaturgisch raffiniert gebauten Bogen. Und doch weiß man über weite Strecken nicht, wohin dieses Buch, das Helga van Beuningen souverän übersetzt hat, wirklich läuft. Anton und David rudern den anderen davon. Dann kommt plötzlich der Krieg. Als Anton Jahre später an den Fluß zurückkehrt, ist David verschwunden. Er war Jude.
"Glück existiert nur, wenn man es berühren kann", heißt es. "Über das Wasser" ist eine wunderbare Novelle über die Vergänglichkeit des Glücks, über die Möglichkeiten, es festzuhalten und in seinem Herzen zu verschließen. "Ich höre das leise Murmeln des Wassers", liest man, "und tief in meinen Knochen spüre ich noch immer die Wärme des Holzstegs." Wer dieses Buch zuklappt, der weiß, wie sich das anfühlt. Und noch viel mehr.

Susanne Schaber in FALTER 49/2000 vom 08.12.2000 (S. 62)


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