Der Besuch des Leibarztes
Roman

von Per Olov Enquist

€ 24,70
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Übersetzung: Wolfgang Butt
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Historische Romane, Erzählungen
Umfang: 376 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.02.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

In seinem brillanten "Besuch des Leibarztes" stellt Per Olov Enquist den Aufbruch der Aufklärung mit historischem Personal nach.

Noch die Nachwehen der Affäre schlugen europaweit Wellen, und noch die Geplänkel der publizistischen Nachhut spiegelten die unversöhnlichen Lager wider, die sich in der Entscheidungsschlacht gegenübergestanden waren. In Frankfurt am Main etwa ereiferte sich der Senior des dortigen Predigerministeriums, Johann Jacob Plitt, "über die Ausbreitung des Unglaubens und der Freigeisterei. Sie ist nicht mehr die Pestilenz, die im Finstern schreitet, sondern die Seuche, die am Mittag verderbet. Ich warne euch vor diesem Seelengift."

Angeregt hatte den frömmelnden Geifer eine Rezension von Balthasar Münters "Bekehrungsgeschichte des vormahligen Grafen J.F. Struensee; nebst desselben eigenhändiger Nachricht von der Art, wie er zu Aenderung seiner Gesinnung über die Religion gekommen ist", die in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen vom 8. September 1772 erschienen war. Anstoß erregt hatten weniger die dort geäußerten Zweifel an der Bekehrung eines zum Tod verurteilten "Freigeists" zum rechten Glauben, als die Gründe, die für die vormalige Abkehr des Delinquenten vom rechten Weg namhaft gemacht worden waren: "allzustrenge und über die Grenzen gedehnte Religionsmoral"; dass man Struensee, wie so vielen anderen, Christus nicht als "Freund", sondern als einen "murrischen Tyrannen vorgemahlt hätte, der immer bereit ist, mit dem Donner zuzuschlagen, wo nicht höchste Vollkommenheit ist". Auf eine Beschwerde Plitts beim Frankfurter Rat hin erteilte dieser dem Herausgeber die Auflage, Theologica-Rezensionen vorab beim Predigerministerium zur Zensur einzureichen.

Die Vorgeschichte: Am 17. Jänner 1772 wurde der allmächtige dänische Minister Graf Johann Friedrich Struensee in einer Palastrevolte gestürzt. Als Leibarzt des 18-jährigen geisteskranken dänischen Königs Christian VII. hatte der Mediziner aus Altona sich die Gunst von König und Königin erworben und seinen Einfluss genutzt, um in Dänemark Reformen im Sinn des aufgeklärten Absolutismus durchzuführen. Innerhalb kürzester Zeit wurden die Frondienste der leibeigenen Bauern beschränkt, die Strafgesetze gemildert, die Sinekuren des Adels gestutzt, die Pressefreiheit eingeführt und die Verwaltung reorganisiert. Als "Geheimer Kabinettsminister" hatte Struensee das Recht, Gesetze ohne Unterschrift des Königs zu erlassen. Mit monatlich 40 Verordnungen machte er sich nicht nur beim Adel und beim einfachen Volk unbeliebt; auf den stärksten Widerstand stieß seine Politik bei der protestantisch-orthodoxen Geistlichkeit.

Per Olov Enquist, der sich im "Besuch des Leibarztes" dieses historischen Stoffs annimmt, benennt mit dem ersten Satz auch schon den Ausgang der Geschichte, die Hinrichtung Struensees - ohne allerdings dem Text auch nur ein Quäntchen an Spannung zu nehmen. Denn obwohl der Duktus des Romans mit seinen Handlung vorwegnehmenden und dann wieder retardierenden Passagen und mit seinen Leitmotiven an mündliche Erzählgenres erinnert, ist die Fabel eher der Aufhänger, Themen mit einem kleinen Ensemble an historischen Figuren durchzuspielen.

In großartigen intimen Arrangements, in ungemein dichten lakonischen Dialogen, in vor Spannung vibrierenden kammerspielartigen Szenen und inneren Monologen thematisiert Enquist die Illusion der Aufklärung als einer "stillen und sehr schönen Morgendämmerung"; das Widerstreben des Intellektuellen, sich die Hände schmutzig zu machen; den zivilisatorischen Traum von Beherrschung und Freiheit; den Widerstreit von Vernunft und Leidenschaft; Wahnsinn und Gesellschaft; und, mit am beeindruckendsten, das Unbehagen in der Kultur.

Letzteres Thema konzentriert in der Figur der dänischen Königin Caroline Mathilde: Im Alter von 15 Jahren mit Christian VII. verheiratet, um "wie ein Zuchttier gedeckt" zu werden, findet sie zu einer selbstbewusst zur Schau getragenen Weiblichkeit und gerät zur Provokation der bigotten höfischen Etikette und Moral. Aus ihrer - vom König geduldeten - Liaison mit Struensee wird man ihr schließlich den Strick drehen. Ihre gemeinsame Tochter ist eine Bedrohung für die "Reinheit" der degenerierten dänischen Dynastie, die Triebfeder der unerbittlichen Rache, welche das höfische Machtkartell an ihr nimmt, liegt aber anderswo: "Sie war ein Jucken im Glied des Hofes." Und Guldberg, der ehrgeizige Emporkömmling und Drahtzieher der Adelsverschwörung gegen Struensee, ist besessen von der "Beschmutzung" ihres königlichen Körpers durch Struensee: "Das erregte ihn, und er hasste seine Erregung."

Der Romancier Enquist, der die historischen Dokumente genauestens studiert hat, nimmt sich den Fakten gegenüber seine Freiheiten, die er in subtil im Erzähltext aufgehobenen Passagen reflektiert und argumentiert. Und er vermittelt damit vor dem Hintergrund des kurzen Sommers der dänischen Revolution brillant die ungebrochene Relevanz jener Fragen, die im Aufbruch des "Ausgangs des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" gestellt wurden.

Wo im Übrigen längst die Frage nach der Zulässigkeit der medialen Ausbeutung des Allerprivatesten gestellt wurde: Der Pastor Balthasar Münter hatte den zum Tod verurteilten Struensee zwei Monate hindurch im Gefängnis besucht. Die "Bekehrungsschrift", Protokolle der Gespräche zwischen Münter und Struensee, machte in ganz Europa Sensation - als Abbitte des berüchtigten Freidenkers und Aufklärers. Der 28-jährige Herder bezweifelte nicht nur die Authentizität der Bekehrung, er war vor allem empört über die Veröffentlichung der "Bekehrungsgeschichte"; über die Takt- und Schamlosigkeit und Eitelkeit des Seelsorgers Münter, "die Sache von Struensees Bekehrung so der Welt vorzulegen und zum Zeitungs- und Pränumerationsartikel zu machen".

Petra Rathmanner in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 10)


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