Rosenfest

von Leander Scholz

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Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Ein selten gerühmtes Stück Berlin ist das Big-Sexyland-Plakat. Darauf ist eine fast nackte Frau mit blankem Busen zu sehen. Nur die Brustspitzen bleiben hinter goldenen Sternchen dezent verborgen. Seit rund zwei Jahrzehnten schmückt dieses Plakat die Litfasssäulen der Stadt, so dass man die Blonde mit den rosa Handschuhen durchaus als stadtbekannteste Schönheit bezeichnen kann. Für ihren Dauereinsatz an der Erotikfront wird sie mit ewiger Jugend belohnt, und nur wer lange genug in Berlin lebt, weiß, dass diese Frau, die da in goldener Jugend zu erblicken ist, in Wirklichkeit längst um die fünfzig sein muss.

Immerhin hat das Big-Sexyland-Plakat nun Eingang in die Literatur gefunden. Ulrich Woelk räsoniert in seinem Roman "Liebespaare" über das Alter des Plakats. Er verortet die Silbersternchen in den Disco-Glitterzeiten und klassifiziert auch den weißen Satinslip als typisches Siebzigerjahre-Modell. Außerdem ist ihm noch ein zweites unveränderliches Plakat aufgefallen. Es wirbt für ein Theaterstück mit dem Titel "Ich bin's nicht, Adolf Hitler ist's gewesen". Kann man daraus irgendetwas lernen, fragt Woelk, dass ausgerechnet Peepshow und Hitlerstück die Plakatveteranen des alten West-Berlin sind? Er hätte seine Sammlung aber auch noch um die Reklametafel einer Zeitarbeitsfirma ergänzen können, die seit Ewigkeiten im U-Bahnhof Wittenbergplatz hängt. Eine blonde Frau, der vor langer Zeit jemand eine Zahnlücke gemalt hat, verkündet da: "Ich heiße Petra und ich mache Urlaub wann ich will." Damit wäre die heilige Trias der Berliner Unveränderlichkeit versammelt: Arbeit, Sex und Faschismus als Inseln der Stetigkeit in einer Stadt, in der sich angeblich alles andauernd verändert.

Die Protagonisten des neuen Berlin sitzen in Woelks Roman und in der Wirklichkeit gern am Kollwitzplatz im einstigen Bezirk Prenzlauer Berg, der neuerdings Pankow heißt. Am Kollwitzplatz, wo schon Präsident Clinton dinierte, findet der Westen mitten im Osten statt. Woelk führt hier den TV-Produzenten einer Daily Soap und einen Autor erotischer Konfektionsware zusammen, die sich über mögliche gemeinsame Projekte unterhalten. Draußen, vor den Fenstern ihres Restaurants, inszenieren unterdessen Demonstranten und Polizei ihre obligate 1.-Mai-Schlacht. Mittlerweile hat an dem aus dem Westteil importierten Ritual niemand mehr die rechte Freude. Nur in Kreuzberg, am Originalschauplatz, zeugt die Ruine der am 1. Mai 1987 abgebrannten Bolle-Filiale immer noch von den vergangenen Kämpfen. In Woelks Roman sind daraus Gesellschaftsspiele geworden, die nicht mehr geeignet sind, die gepflegte Langeweile des Daseins zu durchbrechen. Die Gegenwart: ein Wartezustand.Es sind seltsame Menschen, denen man heute in Berlin begegnet. Der notorische Junggeselle, der in Christoph Bauers Debütroman "Jetzt stillen wir unseren Hunger" jeden Tag exakt zwei Stunden am Landwehrkanal spazieren geht, interessiert sich nicht für die Phänomene am Wegesrand, denn er kennt sie ja, inklusive der Schwäne auf dem Wasser und der kreischenden Möwen an der Admiralbrücke. Er ist ganz in seine Spaziergangs- und Metaspaziergangsgedanken versunken und erinnert in der Pünktlichkeit, mit der er seine Gänge absolviert, eher an Immanuel Kant als an einen Zeitgenossen. Grauenvoll ist dabei nur der Gedanke, ein Gedanke könnte zu kurz sein für einen zweistündigen Spaziergang. Was dann? Dann fiele man womöglich zurück in die konturlose Welt.Wie ein Gegenentwurf zum kontemplativen Solipsisten wirkt die junge Frau, die Bianca Döring in ihrem Roman "Little Alien" durch Berlin hetzt. Ellie kommt aus der Provinz und sucht in der Hauptstadt das, was man gerne "pulsierendes Leben" nennt. Ihre erste Nacht verbringt sie, weil sie nicht weiß wohin, im Dom. Es ist der letzte ruhige Augenblick, bevor sie sich, auf der Suche nach einem göttergleich schönen Mann, der ihr auf der Straße begegnete, im Gewühl verliert. Die lustigste Szene des Buches ereignet sich im Hotel Esplanade am Lützowplatz, wo Ellie sich zusammen mit einer Freundin bei einem noblen Empfang der Businesswelt einschleicht. Weil sie keine passenden Schuhe haben, treten sie barfuß auf und sorgen mit dieser modischen Revolution für großes Aufsehen. Berlin erscheint in diesem Roman wie eine Stadt in einem expressionistischen Gemälde. Die Perspektiven sind verzerrt, die Flächen verschoben, die Wände in Bewegung. Die Menschen: ein Konfettiregen. Die Welt: ein Tanz. Da bleibt am Ende nicht viel mehr zurück als ein vages Gefühl. Alles ist Tempo, nichts ist von Dauer.Um Berlin zu erfahren, reicht es nicht aus, sich in die S-Bahn zu setzen. Die Besonderheit der Stadt ist weniger ihre Ausdehnung als ihre Tiefendimension. Die Gegenwart ist nur eine dünne Haut über der Geschichte, und ohne Erinnerung kommt man kaum bis ans nächste Eck. Der exemplarische Ort der Tiefe ist der Potsdamer Platz: einst der verkehrsreichste Platz Europas, dann eine planierte Tabula rasa der Geschichte im Herzen der zerstörten Metropole, in der sich allein der Hügel über dem Führerbunker aus der weiten Ebene erhob. Die tiefen Baugruben der Neunzigerjahre legten all diese Schichten noch einmal frei, bevor sie mit großer Geste im Zeichen des Mercedessterns zubetoniert wurden. Man möchte hier eine Zeitmaschine besteigen und den vierten Gang einlegen.

So machte es der Niederländer Cees Nooteboom, der in seinem Roman "Allerseelen" den Dokumentarfilmer Arthur Daane nach Berlin schickt. Als dieser ein Foto aus den Zwanzigerjahren betrachtet, kommt es ihm so vor, als habe da jemand ein Stück aus der Zeit herausgeschlagen, das "hart war wie Marmor". Auf dem Foto stehen die Menschen zwischen ihren für alle Zeiten bewegungslosen Autos, auf dem Weg zur Straßenbahn. Noch trug niemand einen Stern am Mantel, "und an den Gesichtern ließen sich keine Täter oder Opfer erkennen, doch ausnahmslos befanden sich diese Festgefrorenen auf dem Weg zu ihrem Schicksal, sich der Schichten nicht bewusst, die sich noch im selben Jahrhundert über ihr Bild legen würden". Für Arthur Daane, der da am Bauzaun lehnt, ist der fertige Potsdamer Platz noch eine computeranimierte Zukunftsvision. Fünf Jahre später bröckeln schon die ersten Terrakotta-Platten vom Beton.In derselben Zeit spielt auch Ricarda Bethkes ebenfalls autobiografischer Debütroman "Die anders rote Fahne". Doch während Ruttmann in den Westen ging, blieb Bethke in der DDR, und auch ihrer Heldin ist klar, dass sie hierher gehört - weniger aus politischen Gründen denn aus Zugehörigkeitsbedürfnis. Bethke erzählt keine Zeitgeschichte, sondern von der unglücklichen Liebe der Protagonistin zu dem Maler Hans, der eine andere liebt. Der Mauerbau ist da mit zwei Sätzen erledigt: "Ist mir egal. Ich will sowieso nicht in den Westen." Warum auch, wenn Hans im Osten lebt? Bethkes Erinnerungen sind eine Verteidigung des Alltags und handeln davon, dass auch in der DDR die Schwierigkeiten, die man mit sich selbst hatte, größer sein konnten als das Leiden an den "Umständen".

Ganz selbstverständlich verteilt Bethkes jugendliches Alter Ego agitatorische Flugblätter im Westteil und meldet sich freiwillig zum Produktionseinsatz in einer Fabrik in Treptow. Da steht sie dann frühmorgens am S-Bahnhof Ostkreuz, wo auf dem oberen Bahnsteig immer ein scharfer Nordostwind bläst. Die fröstelnden Menschen, die sich da 1959 zusammendrängten, findet man auch heute noch: morgendliche Massen auf dem Weg zur Arbeit. Rücksichtslos drängeln sie treppauf und treppab, wehe dem, der in die andere Richtung will. Weil jeder flieht, so schnell er kann, gehört das Ostkreuz zu den seltenen Orten, an denen sich nichts verändert. Die Emailschilder, die vor der Lücke zwischen Zug und Bahnsteig warnen, stammen noch aus den Zwanzigerjahren. Die anstehende Renovierung wird von Jahr zu Jahr aufgeschoben, so, als resignierte auch die Bahn vor so viel historischem Beharrungsvermögen.Die Jüngeren graben biografisch bedingt nicht so tief in der Vergangenheit. Oder sie erfinden sie sich neu. Leander Scholz, 1969 in Aachen geboren, erzählt die Geschichte der RAF als Liebesgeschichte zwischen Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Er beginnt am 2. Juni 1967 und führt seine beiden Helden auf der Demonstration zueinander, auf der Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde. Weil das in der Krummen Straße, schräg gegenüber der Deutschen Oper, geschah, hat er eine literarische Idee und lässt über den Schlachtenlärm schicksalhaft die Klänge von "Figaros Hochzeit" wehen. Andreas und Gudrun, das ist klar, werden nun nicht mehr voneinander lassen.

Doch auch ihnen geht es nicht so sehr um Politik. Bei Leander Scholz ist der militante Aktivismus bloß die Bewegungsform, in der sie zueinander finden. Der Bombenanschlag auf ein Kaufhaus wird so zur erotischen Gemeinschaftsaktion. Dass in der Sehnsucht nach Weltveränderung der beschauliche Liebeswunsch wohnt, ist die sehr gegenwärtige, eher reaktionäre These dieses Romans, der ganz entgegen seiner Absicht belegt, dass man Geschichte nicht leichtfertig erfinden kann.Ostdeutsche Autoren derselben Generation sind da vorsichtiger. Sie haben nach 1989 auf radikale Weise erlebt, wie die Gegenwart in der Vergangenheit versinkt. Jetzt erzählen sie davon, wie es in dem verschwundenen Land war, als sie noch zur Schule gegangen sind. Und sie erzählen immer noch ein wenig befremdet vom Alltag, der sie heute umgibt, mit all seinen Supermärkten, Baustellen und Bürobauten, die die offenen Baulücken schließen und mit ihnen die Erinnerung auslöschen.

Die Literatur springt ein und sagt, wie es war. Erzählen hat Konjunktur, im Osten Berlins. Allabendlich versammeln sich auf den Vorlesebühnen, die zumeist in verrauchten Kneipenkellern siedeln, kleine Gruppen Bier trinkender Autoren vor einem neugierigen, sehr jungen Publikum. Ihre Geschichten erzählen vom Wandel der Stadt nach der Wende und - mal mit sarkastischem Witz, mal mit zarter Melancholie - von der verlorenen Heimat der Jugend.

Jochen Schmidt war der Erste, der das sichere Refugium der Off-Literatur verließ und seine Geschichten in Buchform als "Triumphgemüse" veröffentlichte. Nun zieht Ahne nach, ungekrönter Meister des Berliner Untergrunds, dessen Geschichten sich bisher gerade durch die Flüchtigkeit auszeichneten, mit der er sie notierte. Bei Ahne wird alles zur Erzählung, jede Fliege im Zimmer, jeder abstruse Gedanke. Und so heißt sein Buch konsequent: "Wie ich einmal die Welt rettete". Auf der Bühne der "Surfpoeten" tritt er stets mit einer zerfledderten Kladde unterm Arm auf, aus der seine Texte als kaum zu bändigendes Konvolut herausquellen. Manchmal krakelt er sogar noch in ein Heft, wenn er schon auf der Bühne sitzt: So frisch müssen die Worte sein, weil sich ja immer alles verändert.

"Es gibt so viele Sachen auf der Welt", schreibt Ahne in einem Tonfall, den man sich gesprochen denken muss beim Lesen, "da wird man traurig von. Wenn man sieht, wie eine alte Frau mit krummem Rücken in der Mülltonne wühlt, auf der Suche nach etwas Essbarem zum Beispiel. Oder Alkoholiker, die zittern und unsicher in der Gegend rumgucken. Da werd ich traurig." Noch schlimmer dran sind eigentlich nur die Krallenbären im Tierpark Friedrichsfelde, die immer so blöde herumrutschen, weil der gesamte Fußboden gekachelt ist. Auch ihnen hat Ahne eine Geschichte gewidmet. Das ist gut so. Denn was wäre Berlin ohne seine Bären? Und was wären die Bären ohne die Literatur?

Jörg Magenau in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 3)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Jetzt stillen wir unseren Hunger (Christoph Bauer)
Die anders rote Fahne (Ricarda Bethke)
Little Alien (Bianca Döring)
Liebespaare (Ulrich Woelk)
Wie ich einmal die Welt rettete (Ahne)
Allerseelen (Cees Nooteboom, Helga van Beuningen)

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