Der Fund
Erzählungen und Stücke

von Veza Canetti, Angelika Schedel

€ 24,20
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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 328 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.09.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Veza Canetti (1897–1963) trat schon Anfang der Dreißigerjahre mit literarischen Texten an die Öffentlichkeit. Lesend wie schreibend erarbeitete sie sich einen eigenen Standpunkt, der sie im Wiener Literaturbetrieb der Zwischenkriegszeit etablierte. Das in ihren Texten vermittelte Engagement lässt sich als eindeutig frauenbewegt und sozialistisch umreißen. Doch mit dem Untergang des Austromarxismus im Februar 1934 schien auch ihre literarische Karriere beendet. Erst durch die posthume, seit 1990 bei Hanser erscheinende Werkausgabe setzte die öffentliche und literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrem Œuvre ein. Canettis Texte kreisen um ein breites soziales Spektrum von Frauenfiguren, die jede auf ihre Art starke Persönlichkeiten sind. Das hilft ihnen zwar, ihr Schicksal tapfer zu ertragen, doch wird dadurch der Leidensdruck niemals so stark, dass sie den Kampf gegen gesellschaftliche Missstände aufzunehmen wagen. Das gilt auch für "Der Fund", den letzten Band der Werkausgabe, der sehr inhomogene, großteils unveröffentlichte Erzählungen und Stücke aus den unterschiedlichsten Perioden eines Lebens versammelt, das im gewissenhaft recherchierten Nachwort von Angelika Schedel dokumentiert wird. Es fokussiert Veza Canetti als Schriftstellerin und nicht als Gattin des berühmten Elias Canetti, erklärt, warum sie zuerst (als Jüdin) unter Pseudonym und zuletzt (im Schatten ihres erfolgreichen Gatten) heimlich schreiben musste. Schedels Nachwort ist ein hilfreicher und guter Einstieg in die Lektüre, da die literarisch nicht immer überzeugenden Texte durch die Konfrontation mit der tragischen Lebenswirklichkeit der Autorin an Stärke gewinnen. Da gibt es frühe Prosa, die durch den Besuch des reformierten Londoner Zoos inspiriert sein dürfte und die Frage stellt, was den Menschen sich über das Tier erheben lässt oder was Kriege aus bloßer Machtgier gegenüber dem tierischen Kampf ums Überleben rechtfertigen kann. Die Tier-Mensch-Analogie ist auch aus Elias Canettis "Masse und Macht" bekannt – ein Indiz für den regen Gedankenaustausch des Schriftstellerpaars. Bei aller Unbeholfenheit von Canettis Adjektivprosa lässt sich an der tiefen Skepsis und dem zynischen Pessimismus der unverkennbare Stil der Autorin erahnen. Schon kündigt sich die ironische Leichtigkeit der späteren Texte an, doch vom gnadenlosen Blick auf die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft, die sachlich und ohne jede Sozialromantik geschildert werden, ist noch wenig zu spüren. In den 1933 in der Wiener Arbeiter- Zeitung erschienenen Erzählungen wie etwa "Die Große" besticht die Autorin durch einen prägnanten, lakonischen Erzählton: "Und vielleicht war Käthi deshalb so heiter,weil sie von allen Leuten den besten Blick bekam, den Blick, für den ihre Mutter so wenig Zeit hatte; sie war Bedienerin. Das wusste die Käthi freilich nicht, sie hatte damals noch keine Ahnung, dass eine Mutter außer dieser hohen Funktion in ihren Kreisen immer auch noch eine sehr niedrige haben muss, will sie es sich leisten können, Mutter zu sein." Nur wenigen Figuren gönnt Veza Canetti den gesellschaftlichen Aufstieg durch das Schreiben ("Der Dichter"); in den meisten Texten scheint es kein Entrinnen vor einem vorherbestimmten Schicksal zu geben: Die Figuren, aus deren Perspektive erzählt wird, gehören meist der Arbeiterklasse an. Wer sich den Unterdrückungsmechanismen zu entziehen versucht, wird umso vehementer in seine sozialen Schranken verwiesen. Weder Glaube noch Liebe bieten Halt, und auch die Solidarität ist ein fragwürdiger Rettungsanker – von der Möglichkeit der Selbsthilfe ganz zu schweigen. Die Angehörigen der besitzenden Klasse, die als Kontrastfiguren das soziale Gefälle verdeutlichen, werden als Gefangene ihrer selbst geschildert.

Zynisch und ernst sind die Erzählungen aus der ersten Emigrationszeit in London: Die Gräuel des Krieges produzieren zwischenmenschliche Kälte anstatt Solidarität. Das lebensrettende Exil wird den Figuren zur weiteren Übung in Sachen Demut, und die Schärfe des Textes "Toogoods oder das Licht" ist wohl der persönlichen Erfahrung zu verdanken. Die Qualität der Dialoge, die ohne Pathos auskommen und kommentarlos entlarven, kommt in den Lustspielen vollends zum Tragen: "Der Tiger" ist eine Episode aus dem in den Dreißigerjahren entstandenen Roman "Die Gelbe Straße", und "Der Palankin" (1952) beweist überzeugend, dass Veza Canetti auch im Exil literarisch produktiv war. Im geistreichen Wortwechsel werden ideelle und materielle Werte einander gegenübergestellt. Die Gesellschaft wird vorgeführt, ihre Schwächen im leichten Ton preisgegeben, und – ein Lustspiel darf das – am Ende siegt die Moral. Was kann die Kunst für die Gesellschaft leisten? Veza Canetti versucht diese Grundfrage der austromarxistischen Theorie zu beantworten und ermöglicht ihren kompromisslosen Künstlerinnenfiguren eine freie Existenz. In diesem Punkt wird der Gegensatz zwischen dem Schicksal ihrer Figuren und dem eigenen am deutlichsten: Mit dem Ständestaat verstummte ihre literarische Stimme in der Öffentlichkeit, mit dem Erfolg ihres Mannes Elias versiegte das Vertrauen in das eigene Können. Zu Unrecht, wie Veza Canettis Texte beweisen.

Alexandra Millner in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 17)


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