Baudolino
Roman

von Umberto Eco

€ 25,60
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Übersetzung: Burkhart Kroeber
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Historische Romane, Erzählungen
Umfang: 600 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.08.2001

Wir befinden uns im 12. Jahrhundert, zur Zeit der Kreuzzüge. Baudolino, ein gewitzter Bauernsohn aus dem Piemont, wird Adoptivsohn des Kaisers Friedrich I. Barbarossa. Den Kopf voller Flausen, Phantasien und Lügen, lenken seine irrwitzigen Ideen von nun an den Lauf der Weltgeschichte. Von den Liebesbriefen an die Kaiserin, den undurchsichtigen Machenschaften bei der Belagerung Alessandrias und dem rätselhaften Tod Barbarossas gar nicht zu reden.

Rezension aus FALTER 35/2001

Mit "Baudolino" hat Umberto Eco einen bildungsschweren Unterhaltungsroman über einen mittelalterlichen Spin-Doctor geschrieben.

Sechzehn Jahre nach "Der Name der Rose" ist der Romancier und Semiotikprofessor Umberto Eco zum Mittelalter zurückgekehrt. Sein letztes Jahr im italienischen Original veröffentlichter Roman "Baudolino" erscheint dieser Tage auch in deutscher Übersetzung. Auf 600 Seiten wird darin die Geschichte des Titelhelden erzählt - und zwar im doppelten Sinne: Der Roman handelt von dem - gleich seinem Schöpfer - aus Alessandria stammenden Baudolino, der als Kind einfacher Bauern zum Adoptivsohn Friedrich Barbarossas avanciert, und er handelt ganz wesentlich davon, wie Baudolino Geschichte macht, indem er als inoffizieller Berater Friedrichs Geschichte(n) erzählt.

Alle Geschichtsschreibung ist Lüge, Fiktion, zurechtgebogene Wahrheit - so lautet die nicht übermäßig kühne Grundthese des Buches. Dabei geht es dem fabulierfreudigen Gelehrten Eco nicht darum, die Arbeit an der Geschichte als Fälschung zu entlarven, sondern darum, diese mit den Mitteln des Romans vorzuführen. Wobei er sich, die ihm zustehende Freiheit nutzend, im Topf der Fakten und Fiktionen nach Herzenslust bedient und diese Ingredienzien mit seinen Erfindungen so abschmeckt, dass der Leser nicht immer entscheiden kann, woran er gerade kaut - Faktum oder Fiktion.

Oft ist es auch beides in einem, denn der Brief des mythischen Priesterkönigs Johannes, eine der wichtigsten Realien des Romans, ist eine echte Fälschung des 12. Jahrhunderts. Dass er von Baudolino und seinen Freunden verfasst wurde, dürfte hingegen eher der Fantasie des Autors entsprungen sein. Wichtig ist das Dokument deswegen, weil es - so wie auch die auf eine Idee Baudolinos zurückgehende Heiligsprechung Karl des Großen - Friedrich als Herrscher des Heiligen Römischen Reiches legitimiert, ohne ihn deswegen von den Launen eines Papstes von fragwürdiger Loyalität abhängig zu machen. Mit historischen Dokumenten verhält es sich indes wie mit Reliquien: Mitunter gibt es schon so viel vom Gleichen, dass man seine Ausgabe davon besser zurückhält. So führen Baudolino und seine Mitstreiter nicht weniger als sechs Reliquiare mit Schrumpfköpfen Johannes des Täufers auf ihre Reise ins Reich des Priesterkönigs Johannes mit sich; mit dem siebten hat sich der windige, aber angeblich ortskundige Mönch Zosimos aus dem Staub gemacht, der auch in die blutigen Auseinandersetzungen verstrickt ist, die in Byzanz um die Nachfolge von Kaiser Manuel entbrannt sind.

Byzanz ist auch der Ort, an dem Baudolino Niketas Choniates aus den Händen plündernder christlicher Pilger befreit und ihm das Leben rettet. Niketas wird gleichsam zum Katalysator des Romans, indem er Baudolinos Erzählungen sein Ohr leiht: "Ich bin als einziger übrig geblieben. Ich brauche dich jetzt so nötig wie die Luft zum Atmen", erklärt Baudolino seinem Zuhörer. Der Icherzähler tritt freilich nur in kurzen Passagen in den Vordergrund, den weitaus größten Teil über ist der Roman in der dritten Person verfasst, wobei Erzählton und -perspektive nicht immer konsistent sind.

Mit dem Erzählen aber hat der Roman generell ein Problem. Denn Baudolino hat nicht nur schwer an der Geschichte des Reiches und an seiner Biografie (er verliebt sich in die Kaiserin, seine blutjunge Gattin stirbt, und als er endlich in reiner, nichtsdestotrotz schwangerschaftsmäßig zu Bauche schlagender Liebe zu einer ziegenfüßigen Hypatia entbrennt, muss er vor den heranstürmenden Weißen Hunnen aus der Stadt Pndapetzim fliehen) schwer zu tragen, sondern auch an der Bildung seines Autors. Geschichtliche Basisinformation wird dann in Dialogen losgeschlagen, die klappern, als würden zwei betrunkene Boten Barbarossas in eine Basilika einreiten, und weil Eco keine historische oder theologische Pointe auslassen kann, erinnert der Erzählfluss mitunter an den wasserlosen Fluss Sambatyon, der die Grenze zum Reich des Johannes bildet: "Es waren Katarakte, die aus Dutzenden von amphitheaterförmig angeordneten Felsentraufen in einen gigantischen letzten Strudel stürzten, einen unaufhörlichen Wirbel von Granit, einen Mahlstrom von Bitumen, einen Sog von Alaun, ein Brodeln von Schist, ein Branden von Auripigment an den Ufern. (...) Es war ein Rotschimmern von Blutstein und Zinnober, ein Schwarzglänzen von Phosphat wie bei atramentiertem Stahl, ein Changieren von Auripigmentpartikeln von Gelb bis zu grellem Orange, ein Blaufunkeln von Armenium, ein Weißblinken von kalzinierten Muscheln, ein Grünleuchten von Malachiten, ein Verblassen von Bleioxid in immer bleicheren Tönen (...)" und so weiter, und so fort.



Über der Freude, die es Eco ganz offensichtlich bereitet, uns die die Ergebnisse seiner Recherchen auf dem Silbertablett zu servieren, hat er es verabsäumt, für einen Handlungsfluss zu sorgen, der den Leser auch mitreißt. Nachdem Friedrich auf ungeklärte Weise gestorben ist und auf Seite 360 von Baudolino und seinen Freunden den Wassern des Kalykadnos überlassen wird, damit er überlieferungsgemäß beim Schwimmen ums Leben kommt und das Aufkommen eines Mordverdachts verhindert wird, verzichtet der Roman zusehends auf reflexive und ironische Brechungen und mutiert zum neomittelalterlichen Abenteuerroman mit Dutzenden betörenden und erschreckenden Fabelwesen. Wer dergleichen goutiert, wird freilich in Walter Moers' 700-Seiten-Epos "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" auf ungleich kurzweiligere und literarisch gelungenere Weise bedient.

Längst hat sich der Leser damit abgefunden, dass Barbarossa entsorgt wurde, da wird 200 Seiten nach seinem Dahinscheiden à la Agatha Christie die Mordnacht in den Katakomben von Byzanz rekonstruiert, ja auch der gestohlen geglaubte Gra(da)l, dessen unbezweifelbarer theologischer Existenz einst von Baudolino zur Materialisation verholfen wurde, taucht wieder auf. Baudolino aber verschwindet noch einmal Richtung Orient und endgültig aus dem Roman, der so sein wohlverdientes Ende findet.

Klaus Nüchtern in FALTER 35/2001 vom 31.08.2001 (S. 53)


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