Die Tochter der Hündin

von Pavlos Matessis, Birgit Hildebrand

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Pavlos Matessis' Roman "Die Tochter der Hündin" erzählt von zwei Frauen, die sich durchschlagen und den Preis fürs Überleben zahlen.

Epálxis, Anfang der Vierzigerjahre. Die Italiener und Deutschen haben die griechische Stadt besetzt, die Männer sind im Krieg, Frauen und Kinder am Verhungern. Rubíni, damals ein kleines Mädchen, kann sich genau erinnern: 28 Tage ohne Brot, nur eine Hand voll Kichererbsen, ein paar Kräuter. Da fasst ihre Mutter einen Entschluss, schneidet sich die Haare ab, leiht sich von der Nachbarin einen Stummel Lippenstift, marschiert zur Kommandantur, kehrt mit einem jungen Italiener zurück, Signore Alfio. Die Kinder werden aus dem Haus geschickt. Als sie zurückkommen, liegen ein Laib Brot auf dem Tisch, dazu eine Dose Thunfisch, Margarine. Ein paar Tage später kommt Alfio wieder: und wieder und wieder.
"Die Tochter der Hündin" heißt der Roman von Pavlos Matessis, der weiß, wie man handfeste Geschichten erzählt. Und die Frauen von Epálxis wissen, wie man sich durchschlägt, sie stehen mit beiden Beinen am Boden, tragen Handgranaten unter den Röcken, um den Widerstand zu versorgen, lassen sich nicht brechen vom Willen der Besatzer, leiden und lachen. Rubíni hat nichts davon vergessen. Sie ist über sechzig, als sie zurückblickt auf ihre Mädchenjahre während des Zweiten Weltkriegs: Ein Stück griechische Geschichte, wie man sie in unseren Breiten wenig kennt, erzählt in einer Vielzahl munterer Episoden.
Pavlos Matessis holt weit aus, lässt Rubíni in allen Tonlagen reden, mal verschwörerisch, mal spöttisch, mal beleidigt, häufig stolz. Der Autor ist in seiner griechischen Heimat ein berühmter Dramatiker, der Monolog der Rubíni ein solides Stück Handwerk, trotz der unbeholfenen Übersetzung: eine Serie kleiner Szenen, komisch, kurzweilig, oft auch berührend, wie die Geschichte von Rubínis Mutter: Nach Ende des Kriegs – ihr Mann ist im Feld geblieben – wird sie als Hure, Hündin und Verräterin beschimpft, kahl geschoren, mit anderen angeblichen Kollaborateurinnen auf einen Lastwagen gehievt, durch den Ort gekarrt und mit Steinen, Eiern und Gedärmen beschmissen. Als sie an diesem Tag nach Hause kommt, ist sie innerlich gestorben. Bis zu ihrem tatsächlichen Tod spricht sie nicht mehr.

Die Tochter ist entschlossen, ihre Mutter zu rächen und mit ihr zusammen das Glück in Athen zu suchen. Und siehe da, das Blatt wendet sich, weiß sie zu berichten: statt einer Kate mit Lehmboden eine Wohnung mit Parkett, fette Sonntagsbraten, ein schönes Grab. Und Ruhm: Rubíni wird zur Schauspielerin. Fräulein Raraú nennt sie sich, ihr fliegen die Herzen zu. Kanns so gewesen sein? Schon möglich. Aber nicht wahrscheinlich. "Die Tochter der Hündin" führt vor, wie man sich die Verhältnisse zurechtbiegt, um zu überleben – damals wie heute. Rubíni macht sich einiges vor, schreibt Teile ihrer Biografie einfach um. Pavlos Matessis liebt seine Rubíni, das spürt man, und doch lässt er sie nicht machen, was sie will. Sie muss, so findet der Autor, enttarnt werden. Und so schiebt er in ihren Monolog den Kommentar eines Erzählers ein, der aufrollt, wie Rubíni die Wochen und Jahre nach Kriegsende wirklich gemeis-tert hat: Als Tochter Courage, in Lumpen, aber mit violetten Stöckelschuhen, bettelt sie sich in Begleitung ihrer stummen Mutter und eines Kriegsinvaliden durchs Athen der Nachkriegsjahre.
Komödie und Tragödie in einem. Denn eigentlich sind es zwei ganz verschiedene Stoffe, die zusammengeschnürt werden, und dieses Flickwerk bemerkt der Leser auch. Die Geschichte Griechenlands während der Besatzung und des langsamen Aufbruchs Richtung Demokratie verkommt immer mehr zur Kulisse für den Monolog einer alten Schauspielerin, die sich darüber hinweg deklamiert, dass sie bloß als Statistin dritt- und viertklassiger Kompanien durch die Lande getingelt ist. Eine schlaue, beschränkte und dann wieder gewitzte Tragödin, die ihr Leben als Lustspiel inszeniert. "Mir selbst ist nie der geringste Zweifel bezüglich der Festigkeit und Stabilität meines Verstandes gekommen", erklärt Rubíni alias Fräulein Raraú. "Sollten sie doch ruhig von mir sagen, ich hätte anstelle des Hirns ein Loch, deshalb bin ich oft zum Friseur gegangen, um es mit einer Dauerwelle zu kaschieren."
Dauerwelle, Schminke und eine gutes Kostüm: Pavlos Matessis führt vor, was es braucht, um ein Leben zu meistern. Was ist nun erlogen, was erfunden? Egal, findet Rubíni, Hauptsache, man schlägt sich durch. "Im tiefsten Grund ist doch ganz Griechenland nur ein einziger Rentenempfänger." Und, kleiner Zusatz: "Ich bin Raraú, Künstlerin, und meine Heimat sind zwei Renten." Das ist ihr geblieben: zwei Renten und eine Geschichte. Wenig oder viel?

Susanne Schaber in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 5)


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