Schule der Gewalt
Roman

von Norbert Niemann

€ 20,50
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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 30.07.2001

Rezension aus FALTER 32/2001

Nie wurde spannender und virtuoser beschrieben, dass eh alles keinen Sinn macht, als in Norbert Niemanns zweitem Roman "Schule der Gewalt".

Uff, denkt man sich am Ende der Lektüre - musste das sein? Schon wieder ein derart düsteres, hoffnungsleeres No-way-out-Finale? "Keine Fragen, keine Aufgabe mehr", nur mehr tote Emotionswüsten, Gleichgültigkeit, Apathie. Ein tragischer Held, zerrieben auf der großen, hehren Suche nach nichts weniger als Wahrheit und Erkenntnis. Was ist Wirklichkeit? Kann man überhaupt: verstehen? "Nein!", antwortet der Autor mit emphatischer Geste. Der mit letzter Konsequenz betriebene Erkenntnistrip führt zur Selbstauslöschung des manisch Beobachtenden: Hinter tausend Bildern keine Welt und bald auch kein Held mehr.

Niemann, klar, kann schreiben. Der Sprachfluss sanft, musikalisch, verführerisch fast, die Sprache selbst reich und doch unprätentiös, direkt. Niemann kann erzählen. In den Abschnitten eins, drei und fünf gehts dahin, mit Zug, in großen Bögen, beim zweiten und vierten Abschnitt lässt der Autor den Leser Atem holen. Der Übergang vom dritten zum vierten Teil etwa zeitigt fast schon physische Reaktionen: Nachdem Niemann den stringenten Mittelteil auf eine furiose, leidenschaftliche Klimax hingepusht hat, hat man im vierten, kakophonischen Abschnitt das Gefühl, wie ein gerade ausgeklinktes Segelflugzeug zu floaten.

Die Geschichte selbst ist schnell erzählt. Der Protagonist, Frank Beck, ist 38 Jahre alt und geschieden, seine zwölfjährige Tochter lebt bei seiner Exfrau. Beck ist Lehrer ("Geschichte, Deutsch, ausgerechnet") und verliebt sich in eine Schülerin, Nadja Sahlmann, die Sache bleibt aber im platonischen Bereich. Nadjas Freunde bekommen Wind von der Sache, die beiden werden mit Anrufen, Drohbriefen und kleineren Anschlägen schikaniert. Sie beenden ihre Treffen, Beck verliert sich in paranoiden Wahnvorstellungen.

In diesen Handlungsverlauf bettet Niemann Überlegungen zu den Themengebieten Jugend, Gewalt und Medien ein. Und da schauts ziemlich düster aus: Den Jugendlichen fehlt "etwas Maßgebendes, Fixes", sie sind "furchtbar sprachlos", stumm gemacht von einer Flut von Sex- und Gewaltberichten. Die Medien, speziell das Fernsehen, erzeugen nur Leere, sind "Fata Morgana", "Zauberbude".



Das Feindbild Fernsehen ist dem Autor so wichtig, dass er es seinem Protagonisten als imaginäres Gegenüber erscheinen lässt, an welches dieser seine Kenntnisse adressiert. Das Zentralkapitel gerät überhaupt zu einer in seiner Absolutheit fast schon peinlichen Verdammung der Television und zu einer gleißenden Glorifizierung des Schriftstellertums: "Ja, ich werde schreiben, über Menschen. Ich werde Ich sagen, so wie es ausgesprochen wird, wenn man wirklich schreibt, wie es nur schreibend noch ausgesprochen werden kann. (...) Von nun an lösche ich dich aus. Stattdessen werden Menschen sichtbar. Die Sprache schlüpft hinein in diese Unbegreiflichkeit, sie ertastet sie, von innen heraus. Ich werde mir anmaßen, was als letzte Anmaßung geblieben ist. (...) Schreiben. Ich werde es tun. Ich versuche es."

Ironischerweise ist es genau das Ich, das dem Protagonisten durch dessen obsessive Beobachterei abhanden kommt: "Mag sein, ich bin nichts weiter als ein Spiegel." Und: "Will die Wirklichkeit", haspelt er und ist nur noch imstande, diese zu spüren, indem er sich selbst verstümmelt. Der Gewalt-Versteher wird zum Gewaltverbrecher. Keine Hoffnung, keine Liebe im Niemannsland.

Wem das alles bekannt vorkommt: Ja, auch in seinem Debütroman "Wie man's nimmt" hat der Bachmann-Preisträger von 1997 seine Zentralfigur ordentlich crashen lassen, sie mit einem übergroßen Weltdurchschauungseifer ausgestattet und gegen Ende von sich als "sich selbst spiegelndem Spiegel" delirieren lassen. Man fragt sich: Wird das jetzt immer so sein bei Niemann? Alle drei, vier Jahre ein glänzend geschriebener Roman mit der Botschaft: Es gibt kein Verstehen, es gibt keine Liebe, alles ist Scheiße!? Das wäre dann doch ebenso schade wie fade.

Stefan Ender in FALTER 32/2001 vom 10.08.2001 (S. 50)


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