Der menschliche Makel

von Philip Roth, Dirk van Gunsteren

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 9/2002

Philip Roths grandioser Roman "Der menschliche Makel" ist ein wüstes Hohelied auf das Mängelwesen Mensch.

Es mag heute zwar wie ein tief versunkenes Zeitalter anmuten, ist in Wirklichkeit aber noch gar nicht lange her, da befasste sich die großartigste Nation der Welt nicht mit der Achse des Bösen, sondern mit Präsidentensperma. Und zumindest am Athena-College in Massachusetts geriet man in helle Aufregung über das Fehlverhalten eines 71-jährigen Professors für Altphilologie, der ein Verhältnis mit einer 34-jährigen Putzfrau hatte. Grimmig merkt der als dirty old man entlarvte Coleman Silk an: "Das ist, im Jahr 1998, ihre Folter, ihre Qual, ihr spiritueller Tod. Die Quelle ihrer größten moralischen Verzweiflung: dass Faunia mir einen bläst und dass ich Faunia ficke."

Philip Roths jüngster Roman "Der menschliche Makel" beginnt als eine Art College-Melodram. Zuvor schon war Silk als Rassist gebrandmarkt worden, weil er zwei notorisch abwesende Studenten als "dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen", bezeichnete - ohne zu wissen, dass es sich bei diesen um Afro-Amerikaner handelt. Die tragikomische Pointe: Silk ist selbst Schwarzer - bloß weiß es niemand. Sein unüblich heller Teint erlaubt es ihm, seit Jahrzehnten im Schutz einer erfundenen Identität zu leben.

Was für ein Witz! Ein Schwarzer, Sohn eines Speisewagenkellners, ehemals viel versprechender Weltergewichtsprofi und nun Professor für Altphilologie, erfüllt den amerikanischen Traum vom selfmade man, indem er sich als Jude neu erfindet.

Derjenige, der das alles aufzeichnet, ist tatsächlich Jude: Nathan Zuckerman, Roths altgedientes Alter Ego, ist von Silk zum Autor seiner Leidensgeschichte als Opfer politischer Korrektheit auserkoren worden. Daraus wird aber nichts. Stattdessen beginnt mit einem Foxtrott (Silk führt) die kurze Freundschaft zweier alter Männer: Silk und seine Geliebte kommen bei einem Autounfall ums Leben, der in Wirklichkeit - davon ist jedenfalls Zuckerman überzeut - ein Mordanschlag von Faunia Farleys Exgatten Les war, eines Vietnam-Veteranen, der seit Jahrzehnten unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leidet.

Was für ein (Tanz-)Paar! Silk und Zuckerman - zwei Herren, die im Kampf mit der Welt und dem eigenen Urogenitaltrakt entgegengesetzte Wege gehen: Während Viagra Silks akademischer Karriere und Reputation endgültig den Todesstoß versetzt, dafür aber ein letztes Mal das Tier im Manne aus dem Käfig lässt, hat sich der nach einer Prostataoperation impotente und inkontinente Zuckerman längst aus der "Verstrickung in das Leben" gelöst, um die Einsamkeit in der Natur mit ein paar Kanadagänsen zu teilen. Silk hingegen stürzt sich noch einmal ins Leben, und die Freiheit, die er am Ende seines Lebens genießt, ist nicht zuletzt die Freiheit "von der dummen Herrlichkeit, im Recht zu sein".

Schriftsteller einer geringeren Gewichtsklasse hätten diesen Stoff zu einem Campus-Roman verarbeitet, der mit der Verlogenheit politischer Korrektheit abrechnet. Aber Philip Roth ist nicht Dietrich Schwanitz, und so wenig er seine Abneigung gegenüber jenen verbirgt, die lieber mit der Mehrheit irren als gegen diese Recht zu behalten, so wenig erschöpft sich sein Roman in der Attacke gegen intellektuelle Bequemlichkeit und eine zur Tugendhaftigkeit verkommenen Moral.

"Freiheit ist sehr gefährlich", heißt es an einer Stelle, und diese Einsicht wird von Roth zu einem Roman von überwältigender Wucht und stupendem Ideenreichtum verarbeitet. "Sie lösten alle Bremsen. Sie spielten Mahler", kommentiert Zuckerman die Begräbnisfeierlichkeiten für seinen Freund, bei denen der letzte Satz der dritten Symphonie erklingt. "Wenn er einen am Kragen packt, um einen zu schütteln, hört er einfach nicht auf", urteilt Zuckerman über den Komponisten. Roth, der Roman-Symphoniker, muss Ähnliches im Sinn gehabt haben. Selbst der zurückgezogene Zuckerman wird durchgebeutelt, seitdem er mit Silk befreundet ist und "alle Bosheit der Welt" wieder auf ihn einstürmt. Nicht ohne Wut registriert er all die Gesten der Reue und der Abbitte, die nun, an Silks Grab, zu spät kommen, weil das Leben eben nicht nach dem Muster antiker Dramen abläuft und am Ende weder Katharsis noch Vollendung stehen. Der Roman selbst spielt auf hintergründige Weise mit dem Pathos der Erlösung und führt uns am Schluss in eine blitzsaubere Landschaft: Auf einem einsamen, von sauberem Quellwasser gespeisten See, geht Les Farley - getreu seinem Motto "fern von den Menschen, nahe bei Gott" - der Eisfischerei nach. Lediglich ein völlig fertiger Vietnam-Veteran klammert sich noch an die Utopie der Reinheit.

Der menschliche Makel" ist voll von solchen Pointen. Und er ist zu intelligent, um dem fragwürdigen Bedürfnis nach Sauber-, Eindeutig- und Endgültigkeit einfach eine Apologie des Lebens entgegenzuhalten. So wie es ist, ist es noch lange nicht gut; und das Wissen darum, dass man es nicht richtig machen kann, entlastet nicht von der Anstrengung, es zu versuchen. Roths Roman verhandelt the making of Americans im Spannungsfeld zwischen dem Recht des Einzelnen, sein Glück anzustreben (schon die Unabhängigkeitserklärung von 1776 verbürgt "the pursuit of happiness"), und den Ansprüchen der Gemeinschaft, die "das einzigartige Tier" zähmen wollen. Coleman Silks Selbsterfindung als Jude ist notwendig prekär - Ausdruck des Freiheitswillens ebenso wie von dessen Unterdrückung, denn schließlich reagiert er auf Rassendiskriminierung nicht durch Gegenwehr und Bekenntnis zu seinen schwarzen Wurzeln, sondern durch deren Verheimlichung. Silks Bruder Walt erblickt in diesem Verhalten denn auch wenig mehr als schieren Egoismus.



Roths Roman entscheidet sich nicht, schlägt sich weder auf die liberalistische noch auf die kommunitaristische Seite. Jedes Ich ist defekt und ramponiert, wird - wie es uns "Der menschliche Makel" in minutiös durchgearbeiteten Details vorführt - im "Würgegriff der Geschichte" geformt. Ein breiteres Spektrum lässt sich kaum auffächern: Es reicht von der als Kind missbrauchten Faunia, die ihre Kinder durch einen Brandunfall verliert, von ihrem Mann terrorisiert wird und sich zur Analphabetin stilisiert, bis zu Silks intriganter Gegenspielerin Delphine Roux, einer Absolventin der École Normale Supérieure des Fontanay von adeliger Abkunft. Was sich ein bisschen nach Reißbrettkonstruktion anhört, ist mit einer Fülle an Beobachtungen und Details ausgestattet, die jeglichen platten Dualismus unterlaufen. Delphine Roux ist gewiss keine übermäßig sympathische und zur Identifikation verlockende Figur, aber auch sie handelt unter jenem permanenten Druck, den ihr Herkunft, Beruf und das Streben nach Autonomie auferlegen.

Das Buch, mit dem Roth seine - mit "Amerikanisches Idyll" begonnene und mit "Mein Mann, der Kommunist" fortgesetzte - "amerikanische Trilogie" beendet, ist zu grimmig und wütend, um als überzeugende Illustration des Satzes "Alles verstehen heißt alles verzeihen" gelten zu können. Aber es bietet all seine Kräfte auf, um die Einsicht in die Abgründe des Mängelwesens Mensch zu befördern. Und es beinhaltet die schönsten Zeilen über Krähen, die die Weltliteratur je gesehen hat. Allein dafür gebührt Philip Roth der Nobelpreis.

Klaus Nüchtern in FALTER 9/2002 vom 01.03.2002 (S. 66)


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