Suche Traum, biete mich
Verstreute Kurzgeschichten

von Kurt Vonnegut

€ 20,50
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Übersetzung: Harry Rowohlt
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.09.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Kurt Vonnegut schrieb seine verstreuten Kurzgeschichten, bevor er zu Kurt Vonnegut wurde, und ernährte damit seine Familie. Der Leser wird nicht wirklich satt.

Es gibt zwei unterschiedliche Traditionen der kleinen Form. Jene Elemente, die man bei uns gemeinhin mit der amerikanischen Kurzgeschichte gleichsetzt – offene Schlüsse, geschliffene Knappheit, unspektakuläre Themen, meist aus dem privaten Bereich, stilisierte Bedeutsamkeit jedes Details – gehen auf Anton Cechov und Rudyard Kipling zurück, wurden eine Generation später von Fitzgerald und Hemingway aufgenommen und nach dem Krieg von jungen Schriftstellern des New Yorker, J.D. Salinger, John Cheever und John Updike, zur Perfektion gebracht. Ihren bislang letzten Meister fand diese Traditionslinie in Raymond Carver, ihre viel versprechendsten jungen Vertreter in Richard Bausch und Jhumpa Lahiri. Es ist dies eine beispiellose Erfolgsgeschichte; während der Roman des 20. Jahrhunderts in seiner Wurzel experimentell ist, ist die Kurzgeschichte vielleicht die genuine realistische Gattung der Gegenwartsliteratur. Kurt Vonneguts eben erschienene Geschichtensammlung "Suche Traum, biete mich" erinnert daran, dass es neben dieser noch eine zweite Genealogie gibt, die wir häufig übersehen. Diese andere Tradition verläuft von Maupassant über Somerset Maugham (ökonomisch gesehen der erfolgreichste Kurzgeschichtenschreiber aller Zeiten, der noch in seiner Autobiografie "The Summing Up" gegen die Cechovsche Form polemisierte) bis zu Roald Dahl oder eben dem jungen Kurt Vonnegut, die den boomenden Magazinmarkt der Vierziger- und frühen Fünfzigerjahre mit abgerundeten, um Pointen herum konstruierten Erzählungen versorgten. Immer wird hier im ersten Absatz eine ungewöhnliche Situation, werden im zweiten die wesentlichen Charaktere umrissen, auf den ersten zwei Seiten wird ein Konflikt exponiert und zuverlässig mit dem Schluss der Geschichte (stets einer überraschenden Wendung) zu seinem Ende geführt.
Die Lektüre dieser Erzählungen lässt uns ans Fernsehen denken, weniger um dieses Schemas selbst als vielmehr um der Entschlossenheit zum Schema willen, der Selbstverständlichkeit, mit der von diesem trotz seiner Durchschaubarkeit nicht abgewichen wird. Und wirklich war es das Fernsehen, das diesem Magazinmarkt durch sein noch trotzigeres Beharren auf dem Konventionellen das Wasser abgrub. Kurt Vonnegut schrieb solche Erzählungen, um sich und seine Familie zu ernähren; mittlerweile ist sein Ruhm so groß, dass sie gesammelt und nachgedruckt wurden, obwohl in ihnen, wie Vonnegut selbst ohne Koketterie im Vorwort anmerkt, "keinerlei Größe zu finden" ist.
Diese Offenheit ist entwaffnend, und es bleibt einem nichts übrig, als dem Autor zuzustimmen. Man liest dieses Buch nicht ungern, es ist im besten und im schlechtesten Sinn unterhaltsam. Das eigentliche Wunder ist nur, dass der Autor dieser durch und durch harmlosen Bagatellen wenige Jahre später Romane wie "Mutter Nacht", "Schlachthof 5" und "Katzenwiege" schreiben konnte.
Denn buchstäblich gar nichts deutet auf solch eine Entwicklung hin; das an mittelmäßige Debüts gerne verliehene Adjektiv "viel versprechend" lässt sich hier nicht einmal in der Rückschau gebrauchen. Sogar im Wissen, dass Vonnegut berühmte Zeitgenossen wie Mailer, Vidal und Kerouac bald schon an Wagemut und visionärer Kraft überflügeln sollte, gelingt es nicht, hier solche Möglichkeiten vorgezeichnet zu sehen.

Am bedrückendsten, gerade für Bewunderer von Vonneguts Zynismus, ist der Zwang zum Happy End. So deutet sich in "Eine Nacht für die Liebe" das Potenzial zur Beschreibung paralleler Ehehöllen an, zwei Paare ahnen nicht, dass jedes von ihnen der Gegenstand des Neides und der unerfüllten Sehnsüchte des jeweils anderen ist. Die Situation eskaliert, als die Tochter des einen mit dem Sohn des anderen ausgeht – doch dann bringt eine hastige Deus-ex-Machina-Heirat der Kinder alles wieder ins Lot.
Nach dem gleichen Muster muss in "Die Kreuzfahrt der Jolly Roger" die zunächst berührende Geschichte eines einsamen Korea-Veteranen und seiner frustrierenden Begegnung mit einer Gruppe junger Leute durch eine plötzlich auftauchende, rührend kontaktfreudige Frau ins Positive gewendet werden. Am ehesten an den späteren Vonnegut erinnern noch die Geschichten über den in gezähmtem Wahnsinn lebenden Mittelschulkapellmeister Helmholtz oder "Eine Schnupftabaksdose aus Bagombo" (in der Originalfassung die Titelgeschichte des Buches), in der ein biederer Familienvater seiner Exfrau vortäuscht, ein weit gereister Abenteurer geworden zu sein.
Es überrascht allerdings, dass gerade die Erzählung "Thanasphere", die in ihrer Verbindung von Science-Fiction-Elementen und existenzialistischer Spekulation für die an Vonneguts Entwicklung interessierten Leser (und es sind wohl hauptsächlich sie, die zu diesem Buch greifen werden) wichtig gewesen wäre, in der deutschen Ausgabe weggelassen wurde. Auch ist die Übersetzung des aus niemandem so recht begreiflichen Gründen berühmten Harry Rowohlt zwar korrekt, aber in ihrer gewollten Flapsigkeit immer wieder lästig. Natürlich kann man "publicity hack" mit "Werbefiffi" übersetzen. Aber muss man?

Verdienstvoll ist natürlich, dass der Hanser-Verlag sich dieses bei uns noch immer zu unbekannten Schriftstellers annimmt. Aber er tut es seltsam plan- und glücklos: Zuletzt brachte er den Roman "Zeitbeben", der von Vonnegut selbst als Rückschau auf das eigene Werk, als ein Spiel für Kenner angelegt war. Doch ein Science-Fiction-Klassiker wie "The Sirens of Titan", die wunderbare Politsatire "Jailbird" oder der zutiefst erschreckende Gefängnisroman "Hocus Pocus" bleiben weiterhin unübersetzt, und alle großen Romane außer "Schlachthof 5" sind vergriffen. "Suche Traum, biete mich" ist zweifellos eine amüsante Lektüre. Aber wer von ihm nur diese Erzählungen kennt, sollte nicht glauben, etwas über Kurt Vonnegut zu wissen. Denn dass dieser alles, was er hier nicht versprach, später doch halten sollte, ist ihnen beim besten Willen nicht anzumerken.

Daniel Kehlmann in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 12)


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