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Das Leben meines Vaters

von Carlo Feltrinelli

Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Friederike Hausmann
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 464 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.08.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Der Verleger Giangiacomo Feltrinelli gilt als eine der schillerndsten Figuren der italienischen Nachkriegsgeschichte. Sein Sohn Carlo erzählt seinen Lebensweg vom Verleger zum militanten Linken.

Der Hund eines Bauern hatte den Leichnam unter einer Hochspannungsleitung gefunden. Erst nach zwei Tagen stand die Identität des Toten fest. Es war der Mailänder Milliardär Giangiacomo Feltrinelli. Er starb im März 1972 beim Versuch, einen Teil Mailands durch das Kappen der Stromzufuhr lahm zu legen. Die radikale Linke witterte ein Komplott - sie hatte ihren finanzkräftigsten und prominentesten Mitstreiter verloren.

Diesem tragischen Kapitel sind bloß die letzten acht Seiten einer voluminösen Biografie gewidmet, die Sohn Carlo verfasst hat, der seinen Vater als Zehnjähriger verlor und mit dem er - auch noch nach dessen Abtauchen in den Untergrund - unbeschwerte Tage in Kärnten verbracht hat. Der Kriminalfall soll nicht die Leistungen dieser spektakulären Figur verdunkeln - das ist die Botschaft dieser um historische Distanz bemühten Recherche.

Am Anfang steht die unglückliche Kindheit des in eine der reichsten Industriellenfamilien hineingeborenen Giangiacomo, der als Junge gerade noch den Partisanenkampf gegen die deutsche Wehrmacht erlebt. Jahre danach gründete er ein Archiv über die Geschichte der Arbeiterbewegung, das noch heute in Mailand als "Fondazione Feltrinelli" besteht.

Sein unorthodoxer Begriff von Arbeiterbewegung, vor allem aber auch das Programm des von ihm gegründeten Verlags führten schließlich zum Zerwürfnis mit der kommunistischen Partei, die er finanziell kräftig unterstützte. So hatte sich Feltrinelli die Exklusivrechte des Bestsellers "Dr. Schiwago" von Boris Pasternak gesichert, ein Buch über die Oktoberrevolution, das in der Sowjetunion bis 1989 verboten war.

Die Entdeckung des Romans "Leopard" aus der Feder des greisen Fürsten Giuseppe Tomasi de Lampedusa gehört ebenso zu seinen verlegerischen Großtaten. Das Verlagsprogramm der Fünfziger- und Sechzigerjahre war eine wilde Mischung aus Levi-Strauss, Neruda und Che Guevara, eine Kreuzung zwischen Underground- und Suhrkamp Verlag.

Im Laufe der Sechzigerjahre wurden ihm die schöngeistigen Fächer zusehends verhasster, und er verlegte sich auf politischen Aktionismus. Carlo schildert die Radikalisierung seines Vaters vor dem Hintergrund der sich verschärfenden innenpolitischen Situation in Italien, wo links von Mafia, Geheimdiensten, Polizei und Christdemokraten lediglich ein auf Moskautreue bedachter PCI stand - bevor Ende der Sechzigerjahre die Neue Linke auf den Plan trat.



Der rechte Putsch wurde zur fixen Idee Feltrinellis, der er sich durch eine militante Politik im Geiste des antifaschistischen Partisanenkampfes zu widersetzen trachtete. Feltrinelli ist an diesem Spagat zwischen Knete und Knarre, zwischen Anti-Imperialismus und Wirtschaftsimperium schließlich zerbrochen, so die psychologische Deutung Carlo Feltrinellis.

Erwähnung findet jene legendäre Fotostrecke in der Männermodezeitschrift Vogue Uomo im Dezember 1967, wo sich Feltrinelli - zum Entsetzen von Freund und Feind - mit Biberpelzmantel ablichten ließ. Zur Glamourseite seines Lebens gehören die Fotos von Andy Warhol ebenso wie die Familienvilla am Gardasee, dem letzten Wohnsitz Benito Mussolinis.

Zu kurz kommen allenfalls die zahlreichen Gerüchte, die sich um Feltrinelli ranken, etwa, dass das Grundstück, auf dem er starb, in Familienbesitz war. Dennoch: Carlo Feltrinelli hat mit der Biografie den gelungenen Versuch unternommen, das Porträt eines politisch klugen Kopfs und wichtigen Verlegers zwischen Pathos und Lächerlichkeit zu schreiben.

Matthias Dusini in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 34)


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