Der fünfte Winter des Magnetiseurs
Roman

von Per Olov Enquist

€ 22,10
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Hans-Joachim Maass
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Historische Romane, Erzählungen
Umfang: 264 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.02.2002

Rezension aus FALTER 30/2002

Per Olov Enquist macht aus Geschichte spannende und kluge Geschichten - "Der fünfte Winter des Magnetiseurs" ist der jüngste Beweis.



Was ist die ideale Sommerlektüre für den couragierten, geistig regen und in politischen Dingen einer steten Wachsamkeit verpflichteten Falter-Leser? Richtig: ein Buch, das ein gerüttelt Maß an Aktion mit der Reflexion auf ewig gültige Themen und einer winzig kleinen Erektion des Wehret-den-Anfängen-Zeigefingers verbindet. Kann er haben, gibt es, liegt heuer auf dem Belletristiktisch: "Der fünfte Winter des Magnetiseurs" von Per Olov Enquist ist eine spannende Story, gewinnend dargeboten, wobei man sich in Enquists Erzählstrom wie in ein tiefes, weiches Sofa fallen lassen kann. Auf der Metaebene darüber noch eine fesselnde Grundsatzerörterung der großen philosophischen Essig-Öl-Paarungen Ratio und Emotio, Realität und Transzendenz, Wissenschaft und Glaube. Und zum Drüberstreuen entpuppt sich das Werk auch noch als Parabel über die Genese und die Gefahren der Demagogie.

Das narrative Fundament beschreibt eine elegante Bogenform: Am Anfang sitzt der Protagonist in einer Höhle, seine Erschlagung fürchtend, am Ende im Gefängnis, ein Gerichtsurteil erwartend. Mittendrin ist alles paletti: Da ist er der Guru, der Star, der umschwärmte Heilsbringer des kleinen bayerischen Städtchens Seefond; er: Friedrich Meisner, Wunderheiler, charismatischer Medicus, "Magnetiseur". Wie in etlichen anderen seiner Romane (etwa dem unerwarteten Erfolgsroman "Der Besuch des Leibarztes", dem nun der Verlag diesen 1964 im schwedischen Original und 1966 erstmals auf deutsch erschienenen Roman hinterherschickt) hat Enquist auch hier eine historische Persönlichkeit als Vorlage für die Zentralfigur des Romans gewählt, in diesem Fall den Deutschen Franz Anton Mesmer (1734-1815), Arzt und Begründer einer in jener Zeit wissenschaftlich heftig umstrittenen Magnettherapie. Wie gesagt: Der Autor benützt das geschichtliche Ereignis lediglich als Nukleus der Inspiration, um den herum er dann in handwerklich meisterhafter Manier seine stimmungsintensiven Erzähl- und Lehrstücke entwickelt.

Meisner kuriert kraft seines Charismas weniger die konkreten Krankheiten als die Unzufriedenheit und das seelische Unglück der Seefonder Bürger, deren Sehnsüchte nach Emotion und Ekstase in ihrem progressiven, "mustergültigen" Städtchen unterversorgt bleiben. Als ein "romantischer Künstler" wird Meisner denn auch von dem Seefonder Arzt Arnold Steiner bezeichnet. Steiner ist als Sprecher der Realo-Fraktion des Ortes der eigentliche Antipode Meisners, Enquist vernachlässigt ihn jedoch aufmerksamkeitstechnisch zu Gunsten von Claus Selinger, der zeitweise als Ich-Erzähler auftritt (Enquist wechselt immer wieder zwischen auktorialer und personaler Erzählweise). Auch Selinger ist Arzt und anfänglich Meisner-Skeptiker, wird aber - spätestens nachdem seine durch einen Schock erblindete Tochter nach etlichen Behandlungen Meisners ihre Sehfähigkeit wiedererlangt - mehr und mehr vom Wirken des Magnetiseurs fasziniert, was schließlich dazu führt, dass er als "wissenschaftlicher Kontrolleur" mit diesem zusammenarbeitet.



Verblüffend, mit welchem Raffinement Enquist den Widerstreit der Ideen inszeniert, mit welcher intellektuellen wie emotionalen Präzision er vermittels seiner drei Hauptfiguren Faszination und Sinn der konträren Weltsichten verständlich macht. "Der fünfte Winter des Magnetiseurs" ist ein Plädoyer dafür, die fatale Arbeitsteilung zwischen Vernunft und Gefühl zu überwinden, eine Warnung auch vor dem Verlust, der eintreten kann, wenn spiritueller Glaube durch jenen an den wissenschaftlichen Fortschritt ersetzt wird. Aber Obacht: "Keine Erzählung ist wahr, nur mehr oder minder gut erzählt", wie es an einer Stelle einmal heißt. Zumindest im Falle von Enquists neuem alten Roman müsste dieser Satz allerdings wieder als unwahr bezeichnet werden, denn da scheint beides zuzutreffen.

Stefan Ender in FALTER 30/2002 vom 26.07.2002 (S. 53)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb