Anglomania
Europas englischer Traum

von Ian Buruma

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Übersetzung: Hans Günter Holl
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Historische Romane, Erzählungen
Umfang: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.02.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Voltaire war vielleicht der erste und vermutlich der einflussreichste Liebhaber englischer Kultur. Ein Land, das die Freiheit seiner Bewohner rechtlich verbürgte und seinen Dichtern und Denkern Denkmäler setzte, konnte der Schriftsteller nicht anders als rühmen. Seine "Letters from England", die unter anderem in die Welt setzten, wie Newton unter einem Apfelbaum schmerzhaft die Schwerkraft entdeckte, fanden in England reißenden Absatz. Die französische Ausgabe wurde dagegen sofort verboten und Voltaires Verleger in die Bastille gesperrt.
Unter dem Ladentisch geriet sein Bekenntnis zu England freilich zum Renner. Bald waren die Franzosen verrückt nach englischen Romanen, Kleidern, Gärten, Spielen, ja selbst nach englischen Speisen. Als sie auch noch für Shakespeare zu schwärmen begannen, fragte sich Voltaire, was er angerichtet hatte, verkörperte jener für ihn doch das Gegenteil des skeptischen Rationalismus, den er seinen Landsleuten als wichtigste englische Tugend nahe gebracht zu haben glaubte.
Shakespeare nahm auch die Deutschen für England ein, angefangen von Goethe bis zu den Nazis, in deren Theatern mehr Stücke des englischen Dramatikers aufgeführt wurden als von Goethe und Schiller zusammen. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. hasste das Land, dem er seine Mutter und seine Erziehung verdankte, und sehnte sich zugleich nach Englands Anerkennung. Ebenso wie Hitler, dessen Lieblingsfilm, "Lives of a Bengal Lancer", ein Loblied auf das britische Empire war.
In ähnlichem Maße wie heute die USA war es früher England, dessen Kultur, Mode und Politik die Geister schied. Einerseits liberal und fortschrittlich, klaffte zugleich eine Lücke zwischen Reichen und Armen, zwischen Gebildeten und Banausen. Viele, die England aus der Ferne bewunderten, waren vom Land selbst schockiert oder zumindest verwundert. Mazzini fragte sich zeit seines englischen Exils, wie es unschicklich sein konnte, in Anwesenheit einer Dame Wörter wie Hemd oder Hose zu benutzen, während er auf Schritt und Tritt von Nutten angesprochen wurde.
Humorvoll und belesen sucht Ian Buruma in "Anglomania" das Bild von England nicht nur in den Größen der letzten drei Jahrhunderte, sondern auch in sich selbst. Von seiner Mutter in englische Flanellshorts und Kniestrümpfe gekleidet, lief er als Kind durch Den Haag wie Little Lord Fauntleroy und verschlang Abenteuergeschichten, die in englischen Internaten spielten. Das Verhältnis der sprachlich versnobten deutschen Übersetzung zur unprätentiösen Originalausgabe entspricht leider einem Bild, das Buruma aus seiner Kindheit haften geblieben ist: Die Mitglieder des Den Haager Cricket Clubs gaben und kleideten sich englischer als die Spieler jener Gastteams, die von der anderen Seite des Kanals kamen.

Stefan Löffler in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 30)


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