Sartre
Der Philosoph des 20. Jahrhunderts

von Bernhard-Henri Lévy, Petra Willim

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 50/2002

In einer voluminösen Monografie erklärt Bernhard-Henri Lévy seinen einstmaligen Kritiker Jean Paul Sartre zum Philosophen des 20. Jahrhunderts und rekonstruiert dessen Freiheitsbegriff.

Jean-Paul Sartre war - auch in Österreich - zumindest zwei Jahrzehnte der Philosoph einer heranwachsenden Intellektuellen-Generation, seine Faszination reichte zeitlich von der Nachkriegsavantgarde bis weit nach 1968. "Existenzialismus" - das war, auch in Wien, ein Schlagwort, mit dem man erwachsen werden konnte: mit schwarzem Rollkragenpullover, einer geistigen Heimat im Quartier Latin und einem generellen Gefühl für das Absurde, das den Verhältnissen im Nachkriegsösterreich recht angemessen war. Das Bekenntnis zu Sartre war das Artikulationsmittel einer diffusen Opposition, auch wenn die Debatte, ob der Existenzialismus ein Humanismus sei und wie er sich nun zum Marxismus verhalte, für viele hermetisch blieb.

Doch wie stehen wir heute zu Sartre? Der erste Blick auf den Meter von Publikationen im Bücherregal - auf Traugott Königs unendliche "Gesammelte Werke in Einzelausgaben" - zeigt zunächst einmal eine erhebliche Staubbelastung. Die unvollendete Romantetralogie von den "Wegen der Freiheit" - wer kann das heute noch lesen? Die ungeheuren Wälzer über Genet und Flaubert, bei denen selbst der Fachmann nicht weiß, ob der Autor über sein Objekt spricht oder einfach spekulative Zuschreibungen vornimmt - wer sie als Quelle für Fußnoten nimmt, ist schlecht beraten. Die "Kritik der dialektischen Vernunft" - ein quälend scholastisches Werk. Von den Filmszenarien ist das nie realisierte zu John Hustons Freud-Film nur mehr von archivalischem Interesse, und nur "Das Spiel ist aus" taucht gelegentlich des Nachts bei "arte" auf. Die Dramen - mit Ausnahme von "Bei geschlossenen Türen" - sind aus dem Repertoire verschwunden. Was also bleibt, außer "Die Kindheit eines Chefs", "Der Ekel" und die autobiografischen "Wörter" (so weit die Prosa), sowie "Das Sein und das Nichts" und einige kleine Schriften wie die "Reflexionen zur Judenfrage" (so weit die theoretischen Schriften)?

Mehr, ja alles, die Irrtümer inklusive, behauptet Bernard-Henri Lévy in einem voluminösen Buch, das uns im deutschen Untertitel Sartre als den "Philosophen des 20. Jahrhunderts" vorstellt. Zu diesem mit dem Original nicht übereinstimmenden Titel sind wohl zwei Anmerkungen nötig: Er bezieht sich zunächst auf ein Ranking, in dem es wohl noch einige andere Kandidaten gäbe. Und dann: Wenn wir Eric Hobsbawms Idee vom "kurzen 20. Jahrhundert" akzeptieren, das 1914 begonnen und 1989 geendet hat, dann ragt Sartre (1905-1980) ins 19. und hat einen entscheidenden Teil des 20. Jahrhunderts verpasst.

Auch Lévy, geboren 1948, gehört zur Sartre-Generation, einer Generation, die in der Mittelschule den Existenzialismus als subversiv erlebte, die Sartres Anbiederung an die 68er ein wenig degoutant fand, die begeistert den Übergang zum (Post-)Strukturalismus feierte und die sich schließlich wegen Sartres Liaison mit dem Stalinismus empört von ihm abwandte. Lévy ist eine maßgebliche Figur der (dazumal) "neuen Philosophen", er selbst wurde von Sartre in der Zeit, als dieser "Antikommunisten" und "Hunde" gleichsetzte, als "Agent der CIA" denunziert. Was hat Lévy veranlasst, in diesem Aufsehen erregenden Buch "Gerechtigkeit für Sartre" zu verlangen? Und: Sind seine Argumente tatsächlich tauglich, ein "Jahrhundert" Sartres auszurufen und diesem neue Aktualität zu attestieren?

Sartre wird mehrfach freigesprochen: zunächst vom Vorwurf einer zweifelhaften und kleinmütigen Haltung gegenüber der deutschen Besetzung und der Résistance. Hier sind Lévys Argumente stichhaltig, und dass das Sexualleben Sartres und Beauvoirs von sich heute noch artikulierenden Leichen gepflastert war, geht wohl nur die erwachsenen Beteiligten etwas an und bedarf nicht des entschuldigenden Vergleichs mit den "Gefährlichen Liebschaften".

Doch was ist mit jenem Sartre, den die Wiener im Dezember 1952, anlässlich des Kongresses der Weltfriedensbewegung, kennen gelernt haben? Die gerade am Spielplan stehende Produktion seiner "Schmutzigen Hände" störte die neue Harmonie des Philosophen mit dem internationalen Kommunismus, und Sartre machte künftige Aufführungen des im Übrigen recht interessanten Stückes einfach von der Zustimmung der jeweiligen Kommunistischen Partei abhängig. Es gibt unzählige solche, die Realität verleugnenden, Demutsgesten Sartres gegenüber stalinistischen und anderen kommunistischen Diktatoren - selbst Lévy räumt ein, Sartre hätte sich Castro gegenüber als "internationaler Einfaltspinsel" präsentiert.

Bis 1966 hat Sartre neunmal die Sowjetunion besucht; selbst bei solchen betreuten Reisen sieht man einiges, das belegt etwa das Beispiel von André Gide, der nach seiner Reise von 1936 in "Zurück aus Sowjetrussland" sein wohlwollendes Urteil über die SU einer drastischen Revision unterzog. Was Sartre sah, war, dass der Sowjetbürger "die volle Freiheit der Kritik" besitze und dass die UdSSR Frankreich im Lebensstandard demnächst um dreißig bis vierzig Prozent übertreffen würde. Was ist mit jenem Sartre, der den Gulag leugnete und statt Pasternak lieber Michail Scholochow ("Der stille Don", "Neuland unter dem Pflug") den Nobelpreis zuerkannt hätte? Lévy findet hier eine pragmatische Begründung für seinen Freispruch und keiner, der im Glashaus sitzt, soll den ersten Stein werfen: Das Leben der Intellektuellen ist nun einmal vom Irrtum beherrscht. Doch damit argumentiert er gegen Sartre, zumindest gegen jenen Sartre, der in seiner Debatte mit Merleau-Ponty auf der Existenz einer von der Perspektive unabhängigen Wahrheit insistierte und der lieber gestorben wäre, als in einem Interview einen Irrtum einzugestehen - was ihn allerdings nicht daran hinderte, gelegentlich sein gesamtes Denken infrage zu stellen.

Und damit sind wir bei Lévys grundlegender Argumentation. Sein Sartre besteht aus zwei einander überlappenden Persönlichkeiten, die von einer manifesten Ambivalenz zusammengehalten werden: Sartre war, um es auf eine knappe Formel zu bringen, lebenslang auf der Suche nach einem Kollektiv; und er fühlte sich gleichzeitig als extremer Individualist von jeder Form von sozialer Gebundenheit eingeengt. Der eine Sartre ist ein Fanatiker, ein Apologet des Terrors und des Personenkults, ein Autor stalinistischer Delirien und ihrer maoistischen Neuauflage. Der zweite schwärmerisch gefeierte Sartre ist der Autor des Frühwerks, keineswegs ein Humanist, sondern der Philosoph der Freiheit, "der die Erinnerung an jene erste Emanzipation bewahrt, die den Menschen aus der Knechtschaft des Gesetzes der Matrizes, der Natur und der Wurzeln befreit".

In Sartre, dem Mann, der beständig im Namen seiner momentanen Freiheit gegen sein eigenes Denkmal anschrieb und sich die Freiheit gestattete, sogar den Nobelpreis abzulehnen, dem Denker des prinzipiellen Selbstverrates, der seine eigenen Schriften vergaß und sich von seinem Image nicht erschlagen ließ, findet Lévy das wichtigste Ausdrucksmittel des "Geists der Revolte in der Unstimmigkeit zwischen dem Bewusstsein und den Dingen".

Es ist eine große Qualität des Buches, dass Lévy akribisch beschreibt, wie Sartre seine Freiheitskonzeption erarbeitet und begründet hat. Ebenso akribisch wird rekonstruiert, wie sich dessen Fähigkeit, "einen Stein philosophisch zu beschreiben", von Husserls Phänomenologie herleitet. Dieser Sartre, der Autor, der es verstanden hat, buchstäblich über alles philosophisch zu schreiben, hat tatsächlich Modellcharakter. Angesichts von Lévys Hymnus auf Sartre ließe sich freilich einwenden, dass heute die Frage nach stabilen, selbstgewählten und gerechten Bindungen von größerem Interesse ist als die rigide Sartre'sche Freiheitskonzeption. Lévys fast 700 Seiten starke Monografie berührt diese Frage freilich nicht.

Bernard-Henry Lévys Buch glänzt mit einer Fülle von wertvollen Details und hat in Frankreich eine Debatte über die Neubewertung Sartres initiiert. Doch ist das Buch, dessen Autor das Wort "Ich" inflationär verwendet, auch wirklich ehrlich? Eine seiner zentralen Fragen lautet: Wie wird man ein großer Intellektueller, "populär und global", wie hat es Sartre verstanden, selbst mit unbedeutenden Artikulationen zum Medienereignis zu werden? Kurz: es sind nicht nur die Inhalte, die Lévy bewundert, es ist auch - in manchen Partien des Buches überwiegend - der rücksichtslose Wille zum Erfolg und zur Macht, der öffentlich zelebrierte Gestus des "Staates" Sartre. Tatsächlich ist es die Einheit von (non-professoralem) Philosophen, von Künstler, Journalist und Herausgeber, ist es die offensichtliche intellektuelle Leidenschaft und ein geschicktes "Networking", die Sartre seinen Konkurrenten haushoch überlegen machte.

Doch was einstmals eine Neuheit darstellte, können heute viele. Vor allem darf man eines nicht vergessen: Auch die - vor allem politischen - Fragestellungen, bei deren Beantwortung Sartre brillierte, waren damals einfacher. Frankreichs Haltung gegenüber Algerien war falsch, und es war richtig, wichtig und mutig, dass Sartre hier Position bezog. Doch wer könnte heute mit Sartres Mitteln eine Lösung für das vertrackte Algerien-Problem vorschlagen? Sartres Denken lebt - auch - von der großen Einfachheit, die in den Zeiten des Kalten Kriegs und der Befreiungsbewegungen herrschte; wenn es ein "Jahrhundert Sartres" gab, dann ist es wohl von der "Neuen Unübersichtlichkeit" beendet worden.

Alfred Pfabigan in FALTER 50/2002 vom 13.12.2002 (S. 76)


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