Candide oder Optimismus

von Voltaire, Wolfgang Tschöke

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Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 30/2002

Die beste aller Welten

Voltaires grandioser satirischer Roman "Candide" ist "der" Bestseller der Aufklärung. Nun ist er in der bislang besten deutschen Übersetzung neu aufgelegt worden.

Es gibt viele gute Schriftsteller, aber nur wenige, die ein Glücksfall in der Geschichte der Menschheit sind. Einer davon, das kann man ohne Pathos sagen, ist François-Marie Arouet, der mit vierundzwanzig Jahren beschloss, sich Voltaire zu nennen.

"Wenn die Welt heute nur noch zu zwei Fünfteln aus Schurken und zu drei Achteln aus Idioten besteht", schrieb Egon Friedell, "so ist das zu einem guten Teil ihm zu verdanken." In einer Zeit, in der die Literatur so einflussreich war wie nie zuvor und danach niemals wieder, war Voltaire ihr wirkungsmächtigster Vertreter: In seinen Memoiren erinnert sich Goethe an einen auf deutschen Jahrmärkten gezeigten Hund, welcher in der Lage war, aus einem Stück Brot ein Porträt Voltaires zu beißen; nicht nur eine beeindruckende Dressurleistung, sondern auch ein Zeichen einzigartigen Ruhms. "Voltaire", so Goethe weiter, "wird immer betrachtet werden als der größte Name der Literatur der neueren Zeit und vielleicht aller Jahrhunderte; wie die erstaunenswerteste Schöpfung der Natur."

Voltaires Leben war romanhafter, als ein Roman es sich jemals erlauben könnte: früher Erfolg in Paris, enge, doch problematische Bekanntschaft mit dem französischen Regenten, ein erster Gefängnisaufenthalt. Danach großer Erfolg mit seinem neoklassizistischen Versepos "Henriade", ein gefährlicher Streit mit einem einflussreichen Adeligen, Exil in England, dessen Sprache er als einer der ersten Franzosen lernt und von wo aus er seinem Heimatland in den "Philosophischen Briefen" ein Gegenmodell religiöser und politischer Freiheit vor Augen stellt. Beschäftigung mit der revolutionären Physik Newtons, die später durch ihn populär werden wird, Rückkehr nach Frankreich, neue Schwierigkeiten am Hof. Sechzehnjähriges Exil gemeinsam mit Emilie de Châtelet, die ihm an intellektueller Brillanz um nichts nachsteht, in ihrem Schloss in Cirey. Nach Emilies Tod geht Voltaire auf Einladung Friedrichs des Großen nach Potsdam, doch die Beziehung der "beiden Könige Europas" (Jean Orieux) ist problematisch, geprägt von wechselseitiger Bewunderung, Konkurrenzgefühlen, Misstrauen, einer merkwürdigen Hassliebe; Voltaire flieht, wird auf der Reise von preußischen Agenten verhaftet und wieder freigelassen ("Wenn er schreit", winkt Friedrich ab, "hört man es bis Sankt Petersburg!") und lässt sich schließlich in einem fürstlichen Anwesen am Genfer See nieder.

Die Nachricht von der Zerstörung Lissabons durch ein mehr als sechzigtausend Opfer forderndes Erdbeben erschüttert 1755 die gesamte intellektuelle Welt: Der Konsens darüber, dass Gott es gut mit den Menschen meine und man sich in einem gerecht eingerichteten Kosmos befinde, in dem es bloß darauf ankomme, sich von Aberglauben und Unterdrückung zu befreien, um das irdische Paradies einzurichten, wird mit einem Schlag fraglich. Kaum ein Denker, der sich nicht aufgefordert fühlt, Stellung zu nehmen; Voltaire tut es mit seinem "Poème sur le désastre de Lisbonne" und danach, nicht zuletzt auf Rousseaus Widerspruch hin, mit dem Roman "Candide".

Natürlich ist "Candide" mehr als eine Antwort auf eine zeitgenössische Debatte; es ist die Summe von Voltaires Denken und Leben, die brillante Spitzenleistung eines der besten Schriftsteller aller Zeiten, so knapp und ökonomisch erzählt, dass eine Inhaltsangabe fast genauso viel Platz einnehmen würde wie der Text selbst. Voltaire schickt Candide, einen freundlichen jungen Mann, gemeinsam mit seinem Lehrer, dem deutschen Philosophieprofessor Pangloss, durch die Wirren ihrer Zeit: Die Reise führt durch Europa, Lateinamerika und Asien, durch so ziemlich alle Kriege, Krisen und Katastrophen der Zeit Voltaires. Alles, was den beiden Helden begegnet, weiß Pangloss als richtig und notwendig zu rechtfertigen, wovon er auch nicht ablässt, als er selbst ein Auge verliert, an der Syphilis erkrankt und nur durch Zufall seine Hinrichtung durch die Inquisition überlebt.

"Candide" ist Voltaires wichtigster, ja sein einzig wichtiger Beitrag zur Philosophie: Das Grundprinzip des Buches nimmt Kierkegaards Methode, eine Theorie mit der individuellen Existenz zu konfrontieren, ebenso vorweg wie Karl Poppers Erkenntnis, dass Unwiderlegbarkeit nicht Richtigkeit bedeutet. Pangloss' optimistisches System ist nicht nur inhuman, weil es sich weigert, sich vom Leiden des einzelnen Menschen beeindrucken zu lassen, sondern es ist auch so konstruiert, dass es von keinem Ereignis widerlegt werden kann. Was Voltaire dem Metaphysiker entgegensetzt, ist daher nicht Widerspruch, sondern grimmige Komik: Er stellt dem perfekten System die Realität gegenüber, zeigt in immer neuen Variationen, wie sich dieses der Korrektur durch die Wirklichkeit verweigert, und stellt es so weniger zur Debatte, als dass er es - ungleich wirkungsvoller - der Lächerlichkeit preisgibt.

Am Ende ist Candide ein Voltaire'scher Skeptiker und Pangloss eine sympathische Witzfigur geworden, und als eigentliches Objekt der Satire erweisen sich nicht mehr die metaphysischen Optimisten, sondern die Vorsehung selbst. Das Buch ist, wie David Hume schon kurz nach Erscheinen feststellte, nur scheinbar eine Attacke auf Leibniz und seine Anhänger, vor allem aber der wohl wirksamste Angriff gegen die Weltordnung und ihren Schöpfer, der je in Romanform geführt wurde.

Wolfgang Tschökes Neuübersetzung ist witzig, schnell und der hinterlistigen Einfachheit der Vorlage adäquat wie keine deutsche Fassung bisher; sie lässt den Leser verstehen, warum allein "Candide" ausreichen würde, um Voltaires Rang für immer zu sichern. Voltaires Wirksamkeit allerdings, welche die Zeitgenossen damals bereits im Sinken glaubten, trat mit diesem Buch erst in die entscheidende Phase. Durch geschickte Finanzspekulationen zu einem der reichsten Männer Europas geworden, ermöglicht er finanziell und politisch Diderots Enzyklopädie und lanciert unter dem Schlachtruf "Ecrasez l'infâme!" eine Kampagne, von der die katholische Kirche sich bis heute nicht erholt hat. Seine immer kompromissloseren Kampfschriften erreichen als erste Bücher - sieht man von der Bibel ab - Auflagen von mehreren hunderttausend, aus der ganzen Welt pilgern Besucher zu Voltaires Schloss nach Ferney (darunter Casanova, dem wir eine der lebendigsten Beschreibungen des Alten verdanken), in zwei Justizaffären um Calas und Sirven bewirkt er die Revision schwerwiegender Fehlurteile.

1778 kehrt Voltaire nach Paris zurück, wird in der Académie und der Comédie Française mit triumphalen Festakten geehrt, und nur der König, welcher fünfzehn Jahre später seinen Kopf verlieren wird, weigert sich, ihn zu empfangen. Die Anstrengungen dieser Rückkehr sind jedoch zu viel für den 84-Jährigen; er stirbt nach nur wenigen Wochen in der Hauptstadt und nach einem der - in jeder Hinsicht - reichsten Leben des 18. Jahrhunderts, dokumentiert in der umfangreichsten Korrespondenz, die je ein Mensch hinterlassen hat.

Zwar wurde die Auffassung, dass wir in einer perfekten Welt leben, durch Voltaire für immer erschüttert; allerdings dürfe man, schrieb Jorge Luis Borges, hier auch Widerspruch anmelden: Denn eine Welt, die einen Voltaire hervorbringen konnte, habe doch einigen Anspruch, als die beste aller möglichen zu gelten.

Daniel Kehlmann in FALTER 30/2002 vom 26.07.2002 (S. 52)


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