Das Handwerk des Dichters

von Jorge Luis Borges, Gisbert Haefs

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 50/2002

Die Harvard-Vorlesungen, die der damals bereits erblindete Jorge Luis Borges in den Sechzigerjahren hielt, liegen erstmals als Buch und auf CD vor. Ein konzentrierter Nachtrag zu einem Jahrhundertwerk.

Schwer vorstellbar, dass Jorge Luis Borges bis vor kurzem noch unser Zeitgenosse war, dass er noch Reagan, Thatcher und den Falklandkrieg erlebte: Kaum ein Schriftsteller, mit Ausnahme vielleicht Samuel Becketts, wirkt heute bereits so ins Klassische entrückt. Zugleich aber ist Borges unter allen Klassikern vielleicht der ungewöhnlichste, ist er jener, dessen Schaffen es am konsequentesten verweigert, sich zur Einheit eines Werks zu fügen. Borges hielt den Roman für eine überlebte Gattung und sich selbst für einen Spätgekommenen, einen Literaturliebhaber in unliterarischer Zeit, einen nicht wirklich zum Schreiben Berufenen, der sich mehr durch Neugier als durch Begabung, mehr als Leser denn als Schaffender ausgezeichnet hatte.

Jorge Luis Borges wurde 1899 in Buenos Aires geboren, erlernte früh die englische Sprache und wuchs in Genf auf; als junger Mann, zurückgekehrt nach Argentinien, war er Kritiker und Mitgründer verschiedener kurzlebiger Literaturzeitschriften. Sein großer Moment kam, als er, schon nicht mehr ganz jung, die Rezension des fiktiven Romans "Der Weg nach Almotasim" veröffentlichte - auf den ersten Blick ein nahe liegender Scherz, auf den zweiten eine literarische Revolution: Borges bemerkte, dass sein Text durchaus für sich bestehen konnte, dass er dem besprochenen Buch, hätte es denn existiert, zumindest ebenbürtig und wahrscheinlich überlegen gewesen wäre; mit anderen Worten: dass es nicht nötig war, einen Roman zu schreiben, wenn man stattdessen eine Besprechung dieses Romans schreiben, eine Philosophie entwickeln, wenn man eine Kritik dieser Philosophie entwickeln konnte.

Heute, da Borges' Methoden popularisiert und von so unterschiedlichen Schülern wie Marquez, Calvino oder Norfolk sowie von Epigonen wie Umberto Eco zuweilen bis zum Überdruss variiert worden sind, mag diese Entdeckung wie Allgemeingut wirken, damals war sie sensationell. Anfang der Vierzigerjahre erschien "Der Garten der Pfade, die sich verzweigen", welches später den ersten Teil von Borges' wichtigster Erzählsammlung "Fiktionen" bilden sollte.

In der Geschichte "Tlön, Uqbar, Orbis Tertius" konstruiert eine verschworene Gelehrtengesellschaft die Enzyklopädie einer fiktiven Welt, um erkennen zu müssen, dass aus dem Spaß tödlicher Ernst wird, dass die vorgestellte Wirklichkeit auch erschaffen wurde und sich als die stärkere erweist: "Die Welt wird Tlön sein." In "Die Bibliothek von Babel" spielt Borges das Gedankenexperiment einer Bibliothek unendlich vieler Bücher, welche logischerweise mit allen möglichen Buchstabenkombinationen auch alle möglichen Erkenntnisse enthalten würde, bis zu seinem verwirrenden Ende durch. In "Das Aleph" lokalisiert der Erzähler den Ort aller Orte, welcher noch einmal die geschaffene Welt in ihrer Ganzheit enthält, auf einer schäbigen Kellerstiege am Stadtrand von Buenos Aires.

In der realen, politischen Welt gingen die Dinge nicht so gut: Als Kritiker Perons verlor Borges seinen Posten bei der Nationalbibliothek und musste sich mit journalistischen Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten; dennoch wuchs ihm nach und nach ein esoterischer Ruhm zu. George Steiner zählte ihn in seinem einflussreichen Essay "Exterritorial" neben Beckett und Nabokov zu den drei großen multilingualen Autoren der Gegenwart, und gemeinsam mit Beckett erhielt Borges auch den Prix Formentor, der ihn spät, aber doch in den Mittelpunkt des literarischen Weltinteresses stellte. Nach Perons Machtverlust bekam Borges den Direktorenposten der argentinischen Nationalbibliothek zurück; zur gleichen Zeit verschlimmerte sich seine langjährige Augenkrankheit, und er wurde blind. "Niemand schmähe durch Träne oder Hader", heißt es in seinem "Gedicht von den Gaben", "diese Offenbarung der Meisterschaft Gottes, der mit großartiger Ironie mir gleichzeitig die Bücher und die Nacht gab."

Der weltberühmte Schriftsteller reiste, hielt Vorträge, lehrte und schrieb mit der knapp eine Seite langen Meditation "Borges und Ich" den besten Text über das Phänomen des Ruhmes: "Ich lebe so vor mich hin, damit Borges seine Literatur ausspinnen kann, und diese Literatur rechtfertigt mich. Ich gebe ohne weiteres zu, dass ihm hie und da haltbare Seiten gelungen sind, aber diese Seiten können mich nicht retten." Mit der Sammlung "David Brodies Bericht", in der es um Messerstecher und argentinischen Machismo geht, stieß Borges viele seiner Bewunderer vor den Kopf; in der Tat verwundert bis heute die Bewunderung, die dieser feinsinnige Autor für archaische Rituale der Männlichkeit aufbringen konnte. Eben das und seine Unterstützung für General Pinochet waren wohl die Gründe, dass er den Nobelpreis niemals bekam. Wenige Monate vor seinem Tod heiratete Borges Maria Kodama, eine ehemalige Studentin, die schon seit Jahren seine Reisegefährtin gewesen war. Er starb 1986 in Genf, der Stadt seiner Jugend.

Die Vorlesungen, die Borges in den Jahren 1967 und 1968 an der Harvard University gehalten hat, galten lange als verloren. Erst vor kurzem sind die Tonbänder wieder aufgetaucht; nun liegt die deutsche Übersetzung vor. "Das Handwerk des Dichters", ein dünnes Buch, das doch mehr Substanz enthalten dürfte als ganze Bibliotheken deutscher Universitätspoetologie, ist eine freie Wanderung des vielleicht belesensten Mannes seiner Zeit durch die Weltliteratur. Man fühlt sich in der Tat an Spaziergänge erinnert: Bereits völlig erblindet und daher nicht fähig, ein vorbereitetes Konzept abzulesen, improvisiert Borges über seine Lebens- und Hauptmotive: das Rätselhafte des poetischen Gelingens, die Geschichte des Übersetzens, den Vorrang des Epischen vor dem Romanhaften, die verschiedenen Arten poetischer Metaphern, die Bedeutung der Philosophie für die Dichtung und, natürlich, den eigenen prekären Werdegang in der Literatur. Für den Borges-Verehrer ist das nichts inhaltlich Neues, aber nirgendwo anders findet sich all dies so konzise und humorvoll konzentriert. Es ist durchaus möglich, dass man "Das Handwerk des Dichters" schon bald zu Borges' Hauptwerken rechnen wird.

Die deutsche Übersetzung beschädigt allerdings manchmal Borges' rhythmische Eloquenz. Wie schön ist es zum Beispiel, wenn er die der eigenen Person gewidmete Vorlesung mit den Worten ankündigt, er wolle sich nun aber einem zweitklassigen Dichter widmen, "a poet whose words I never read, but a poet whose works I have to write" - "einem Dichter, dessen Werke ich nie lese, die ich aber schreiben muss", bedeutet nicht ganz dasselbe und ist deutlich weniger elegant. Auch deshalb muss man nachdrücklich die wunderbare CD-Originaledition empfehlen. Borges' Ansicht, dass geschriebene Literatur nur ein ärmliches Substitut des mündlichen Vortrages sei, kommt in diesen Vorlesungen mehrmals zur Sprache. Sie selbst sind der beste Beweis dafür.

Daniel Kehlmann in FALTER 50/2002 vom 13.12.2002 (S. 74)


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