Warum Klassiker lesen?

von Italo Calvino, Susanne Schopp, Barbara Kleiner

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Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Ein Kabinettstück ist der Essay zur "Anabasis" Xenophons, dem autobiografischen Bericht über den Zug der zehntausend griechischen Söldner durch Kleinasien, dessen Schicksal es war, im Gymnasium zur Einführung in die Lektüre griechischer Originale zu dienen und auf diese Weise seines dubiosen Charmes völlig entkleidet zu werden. Calvino hingegen erkennt, wie diese Truppe sich ihrer Identität unsicher wird, nicht weiß, ob sie Opfer oder Unterdrücker ist, und so würde dieses Werk "eine symbolische Angst" einflößen, "die vielleicht erst wir heute ganz verstehen können".

Auf diese Weise zieht Calvino die Texte ohne billige Aktualisierungen in seine Gegenwart hinein, verrechnet bewusst den Horizont, vor dem das Werk gelesen wurde, mit seiner Gegenwart. So geht er bereits 1954 auch klug mit Hemingway um, der beileibe nicht ungeschoren bleibt, aber doch gepriesen wird, da er für seine problematische Lebensauffassung den adäquaten Stil gefunden habe. Calvinos Aufsätze über Diderot, Conrad, Balzac, Mark Twain, Tolstoi und Stendhal können als Einführungen zu deren Werk gelten, die die Lektüre ganzer Monographien ersetzen. Dringend empfehle ich die Essays zu Gerolamo Cardano, Galileo Galilei und Carlo Emilio Gadda: Das macht Lust, sich für die nächsten Jahre auf das Studium der italienischen Literatur zu verlegen.

"Warum Klassiker lesen?" - der Titel der Sammlung ist freilich irreführend, denn im ebenso überschriebenen Essay ist Calvino ehrlich genug, die verbindliche Antwort zu verweigern, die jeder Bibliothekar und Literaturdidaktiker bei der nächstbesten Publikumsdiskussion zur Begründung verwenden kann, warum Lesen durch nichts ersetzt werden könne. Calvino schlägt zwölf Definitionen vor, die hier zu diskutieren müßig wäre. Zwei jedoch seien - weil im privaten Denkhaushalt durchaus brauchbar - zitiert: "Ein Klassiker ist ein Buch, das unablässig eine Staubwolke kritischer Reden über sich selbst hervorruft, diese aber auch unablässig wieder abschüttelt." Und: "Klassiker sind Bücher, die, je mehr man sie vom Hörensagen zu kennen glaubt, unerwarteter und unbekannter findet, wenn man sie zum ersten Mal richtig liest."
Ganz anders lesen sich Ecos Essays: Hier schreibt einer, der sich dauernd die Hemdsärmel aufkrempelt, um ein Problem fachmännisch anzupacken. Die meisten Texte sind im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts entstanden, Vorträge für Kongresse, bei denen Ecos Wort offenkundig im Mittelpunkt stand. Im Vertrauen auf sein semiotisches Rüstzeug widmet er sich unterschiedlichen Gebilden wie Dantes "Paradiso" und dem "Kommunistischen Manifest", streicht die Bedeutung von Borges für die moderne Literaturtheorie und für das eigene Schreiben heraus, präsentiert sich als ein Entdecker der aristotelischen Poetik für Italien, lässt sich auf die Feinheiten der Joyce-Philologie ein und bietet unter dem Titel "Die Kraft des Falschen" den für mich besten Text des ganzen Bandes: Da geht es um krause Theorien, die lange Zeit eine unerhörte Suggestivkraft entfalteten (etwa die dereinst berühmte Welteislehre Hans Hörbigers). Doch macht Eco diese nicht aus der Sicht des später Geborenen lächerlich, sondern benutzt die Irrtümer der Vergangenheit als Warnungen für die Gegenwart, um das, was wir für unumstößlich richtig halten, doch auch skeptisch zu befragen.

Eine bündige Antwort, warum wir lesen sollen, wird sich auch in diesem Buch nicht finden. Es zeigt aber, warum es sich lohnt, einen Text auch unter Aufbietung eines subtilen theoretischen Instrumentariums zu lesen. In jedem Falle wird eines klar: Durch die Lektüre von Texten, literarischen wie philosophischen, konnte Eco seine Argumentationstechnik entwickeln. Eco hat im Vorjahr den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur erhalten; Bundeskanzler Schüssel überschlug sich in seiner Laudatio vor Begeisterung. Die Bildungspolitik seiner Regierung läuft darauf hinaus, das, woran sich Eco (und Calvino) schulten, auf der Mülldeponie der Geistesgeschichte zu entsorgen. Dass Berlusconis Bildungspolitik noch schlimmer aussieht, ist nur ein schwacher Trost.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 20)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Bücher und das Paradies (Umberto Eco, Burkhart Kroeber)

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