Die unendliche Aufgabe
Zum Übersetzen

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Verlag: Hanser, Carl
Genre: Geisteswissenschaften
Erscheinungsdatum: 03.02.2003


Rezension aus FALTER 12/2003

Klaus Reichert war Lektor von Paul Celan und übertrug unter anderem James Joyce ins Deutsche. Nun liegen seine gesammelten Arbeiten über die Kunst des Übersetzens vor.

Als Nick Bottom, im Deutschen "Zettel" genannt, einem der grotesk-komischen Handwerker aus Shakespeares "A Midsummer Night's Dream", ein Eselskopf angezaubert wird, ruft sein Gefährte entsetzt aus: "Bless thee, Bottom, bless thee. Thou art translated" (3. Akt, 1. Szene). Wie soll der letzte Satz nun im Deutschen wiedergegeben werden? "Du bist transferiert" (August Wilhelm Schlegel)? "Verhext" (Friedrich Gundolf)? "Transplantiert" (Erich Fried)? Oder wörtlich: "Übersetzt"? Welche Lösung Klaus Reichert für die überzeugendste hielte, verrät er allerdings nicht.

Sonst schöpft er aus der Fülle seiner Kenntnisse. Reichert kann das, weil er nicht nur Professor für Anglistik und Amerikanistik an der Universität Frankfurt am Main und Direktor des dortigen Zentrums zur Erforschung der Frühen Neuzeit ist, sondern auch Herausgeber von H.C. Artmann und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, der ehemalige Lektor von Paul Celan im Suhrkamp Verlag, selbst Lyriker und auch Übersetzer von unter anderem Lewis Carroll und James Joyce. Seine Arbeiten über Geschichte, Praxis und Theorie des Übersetzens aus den letzten zwanzig Jahren liegen nun gesammelt vor.

"Der liebe Gott steckt im Detail" - dies war eines der Motti, die sich der Kunst- und Kulturwissenschaftler Aby Warburg für sein erstes Seminar an der Hamburger Universität 1925 notierte. Seither ist es ebenso sehr zu einem Inbegriff intellektueller Redlichkeit wie zu virtuoser Darstellungskraft geworden. Vor allem verleiht es der Tätigkeit des Übersetzens im Sinne Reicherts Ausdruck, die sich im Übergang zwischen zwei Bewegungen ereignet. Zwischen "Appropriation" als kolonisierender Einverleibung und "Assimilation" als überstürzter Annäherung schaffen gelungene Übersetzungen einen dritten Raum.

Wird im ersten Fall, was fremd war, zum Verschwinden gebracht, und im zweiten ausgelöscht, was Habitus und Heimat darstellte, so soll im Erfolgsfall "das Eigene als das radikal Andere und Fremde Kontur" gewinnen. Reichert stellt hier auch die Frage, ob die "Aufgabe des Übersetzers" - Gegenstand eines berühmten Essays von Walter Benjamin - nicht auch mit "Aufgeben" zusammenhinge: damit nämlich, zwischen Eigenem und Fremdem ent- und unterscheiden zu müssen.

Darum gilt Reichert 1922 als das Wunderjahr für alle, denen am Übersetzen gelegen ist. Denn in jenem Jahr vollzog sich ein Paradigmenwechsel, weil nicht mehr auf den Leser, sondern auf den Text geachtet wurde. Der "Ulysses" von James Joyce und die Übersetzung der Zionsgedichte Jehuda Halevis durch Franz Rosenzweig markieren diesen Übergang. Da ist einmal der Text, der jedwede gängige Vorstellung von dem übersteigt, was Literatur zu sein vermag, und in die größte nur mögliche Fülle von Sinn und Bedeutung eintaucht. Da ist zum anderen der Versuch, in einer, der deutschen, Sprache nicht nur die Bedeutung, sondern auch Atem und Geist einer anderen, der hebräischen, wiederzugeben. Darum hieß die später gemeinsam von Rosenzweig und Buber geleistete Arbeit an der Bibel auch "Verdeutschung": Die Sprache selbst wurde neu.

Übersetzen kann aber auch anders und Dekonstruktion von Sinn, "Non-Sense", sein, wie zum Beispiel bei Ernst Jandls Experiment der "Oberflächenübersetzung". Auch von ihr berichtet Reichert. Sie stellt "einen mehr als nur lustigen Sonderfall" dar, "der sich ausschließlich auf die Laute konzentriert und die lexikalische Bedeutung der Wörter dabei unberücksichtigt lässt". Eine Zeile des romantischen Dichters William Wordsworth, "My heart leaps up when I behold", liest sich bei Jandl dann so: "mai hart lieb zapfen eibe hold."

Martin Treml in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 32)


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