Der König verneigt sich und tötet

von Herta Müller

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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.08.2003

Rezension aus FALTER 49/2003

Die luziden und sinnlichen Essays der Herta Müller handeln von Macht und Ohnmacht der Sprache und dem Leben in der Diktatur.

Aufgewachsen in einem abgelegenen banatschwäbischen Dorf, in einem "Haus ohne ein einziges Buch", hat die Schriftstellerin Herta Müller ihre Kindheit als Schule des Schweigens erlebt, wo, was man tat, nicht im Wort verdoppelt werden musste, man aber gerade deswegen ein "Übergewicht der Dinge" im Kopf herumtrug. Die Städter im nahen und doch so entfernten Temesvar hingegen, wo Müller ab ihrem 15. Lebensjahr aufs Gymnasium ging und Rumänisch lernte, liefen mit diesem "überstrapazierten Ich im Mund" herum - zwei Pole, um die das Schreiben Müllers seither kreist und die auch das Terrain ihrer neuen Essays abstecken. "Der König verneigt sich und tötet" handelt von Dorf und Stadt, Gegenständen und Wörtern, Freiheit und Unterdrückung.

Auf Rumänisch heißt Gaumen "cerul gurii." Und wo der Gaumen ein "Mundhimmel" ist, werden Flüche "poetisch böse Tiraden der Verbitterung. Ein gelungener rumänischer Fluch ist eine halbe Revolution am Gaumen, sagte ich damals zu meinen rumänischen Freunden. Darum mucken die Leute in dieser Diktatur nicht auf, das Fluchen erledigt ihren Zorn."

Herta Müller besitzt eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Sprache - des Dorfes, der Stadt, der Diktatur, des Westens -, aber Sprache bedeutete ihr nie Allheilmittel und Fluchtpunkt. Der Glaube, "Reden komme den Wirrnissen bei" - ein Romantizismus des Westens. Dagegen steht die eigene bittere Erfahrung: "Wenn der Großteil am Leben nicht mehr stimmt, stürzen die Wörter ab." Dennoch bleibt der Wunsch, etwas sagen zu können. Dennoch sind es Wörter bzw. die von ihnen bezeichneten Gegenstände, von denen Müller eindrücklich erzählt und von denen die Erinnerungen ihren Ausgang nehmen: der Hirnhut oder der Leichenzucker, die Schraubenzieherängste oder die Hobelschatten. Die Gegenstände nämlich pflegen eine Komplizenschaft mit der Vergangenheit, die unvermutet in der Gegenwart wieder auftaucht.

Es ist eine Vergangenheit, von der die vom Ceausescu-Regime verfolgte und 1987 ausgebürgerte Autorin auch heute noch nicht losgelassen wird. Weil sie nicht durchschaut wurde. Weil sich die Welt damals gegen den Verstand zusammenbaute, umgedeutet wurde durch Repression und Angst, bis an den Rand des Wahnsinns. "Eine aus einem armseligen Land Dahergelaufene mit kaputten Nerven" nennt sich Müller nonchalant. Wobei sie sich beeindruckenderweise von der Schwere des Schicksals weder gefangen nehmen lässt noch das Leiden als eine Auszeichnung vor sich her trägt. Der "Fremde Blick", ein Wahrnehmen mit Deutungszwang, misstrauisch, feindselig und überempfindlich, erklärt sie lakonisch, habe weder mit der Einwanderung nach Deutschland etwas zu tun noch mit dem Schreiben. "Wer glaubt, er habe sich den Fremden Blick erarbeitet durch stilistische Übung und Sprachverständnis, weiß nicht, wie viel Glück er hatte, dass er dem Fremden Blick entgehen konnte."

Im Titelessay "Der König verneigt sich und tötet", auch als Schlüssel zu ihren Gedichtcollagen "Im Haarknoten wohnt eine Dame" (2002) zu lesen, gibt Müller Auskunft über ihre Poetik, über das Schreiben als Gratwanderung zwischen Preisgeben und Geheimhalten: "Wirklich Geschehenes lässt sich niemals eins zu eins mit Worten fangen. Um es zu beschreiben, muss es auf Worte zugeschnitten und gänzlich neu erfunden werden."

Vor der Brutalität verliert jede Schönheit ihren Eigensinn, sie stülpt sich ins Gegenteil, wird obszön", heißt es einmal über die Ambivalenzen des Lebens in der Diktatur. Herta Müller beschreibt diese Brutalitäten, die Ausweglosigkeiten und die Strategien dagegen so glasklar, erkenntnisreich und sinnlich-prall, dass man sich fühlt, als ob man, sagen wir, sieben Romane gelesen hätte. So betörende und eben schöne, dass man sich ein wenig schämt, imstande zu sein, aus fremdem Leiden ästhetischen Genuss zu ziehen.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 49/2003 vom 05.12.2003 (S. 70)


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