Reise in mein vergessenes Ich
Tagebuch 1942-1951. Meridiane Mitteleuropas

von Aleksandar Tisma

€ 22,10
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Barbara Antkowiak
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Briefe, Tagebücher
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.08.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Der serbische Schriftsteller Aleksandar Tisma (1924–2003) präsentiert sich in seinen frühen Tagebüchern als epikureischer Skeptiker, der zwischen sexueller Ausschweifung und Selbstdisziplinierung schwankt.

Zugegeben: Aleksandar Tismas Jugendtagebuch hat mich zuerst ein bisschen enttäuscht. Ich habe mir von den Aufzeichnungen des im Februar verstorbenen Schriftstellers aus Novi Sad (Neusatz) nähere Aufschlüsse über persönliche Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs erwartet, über die Prägung zum Chronisten der balkanischen Gräuel. Stattdessen Eintragungen wie diese: "Nachdem ich mir Pirandellos, ,Sechs Personen suchen einen Autor' zum zweiten Mal angesehen hatte (starker Eindruck), ging ich spazieren, was bei mir heißt: auf die Jagd nach etwas Weiblichem. Zwei Stunden irrte ich umher, warf Blicke, schwitzte, bis ich eine Straßendirne traf, die es ein paar Tage zuvor umsonst gemacht hatte. Ich ging mit ihr ins Hotel, doch die rechte Lust kam nicht, ich blieb unbefriedigt. Als ich mein Geld zurückverlangte, gab sie es zögernd heraus. Ich überließ ihr dann die Hälfte."
Meistens freilich bleibt der junge Mann nicht unbefriedigt: Neben seiner sexuellen Aktivität nimmt sich ein Albert Drach geradezu durchgeistigt aus. Mit diesem verbindet Tisma nicht nur die Lebensgier angesichts der Gefahr, sondern auch die unerbittliche Selbstanalyse. So weiß er etwa genau, weshalb er sich mit Huren am wohlsten fühlt: Weil er Frauen stets als Objekt seiner Leidenschaft sehen wollte, als "Sache", und weil die käufliche Liebe ihm erlaubt, dabei zu bleiben. Die Aufzählung der vielen A.s und Dr.s, der amourösen Halb- und Vollerfolge, der strategischen Listen (im doppelten Sinne), der venerischen Ansteckungen und Genesungen ermüdet etwas. Doch in der zitierten Notiz vom 15. Mai 1943 war immerhin auch vom Theater die Rede. Weshalb der Tagebuchschreiber als Tisma Sándor in Budapest lebt, geht weder aus dem Text noch aus den spärlichen, vom Autor Jahrzehnte später beigefügten Anmerkungen hervor. Der Verlag hat sich offenbar darauf verlassen, dass die Leser Tismas Lebensgeschichte entweder kennen oder sich mit dem zufrieden geben, was der 1961 entstandene, im zweiten Teil des Buches publizierte Essay "Die Meridiane Mitteleuropas" an Information enthält.
Tismas erotischer Intensivkurs in der Großstadt verdankt sich keinem freiwilligen Aufenthalt: Als Sohn einer ungarischen Jüdin und eines serbischen Grundbesitzers und Kaufmanns erlebte er die ungarische Besetzung der Wojwodina. Dem großen Massaker von Novi Sad im Jänner 1942 entging die Familie durch Glück. Der Maturant suchte sein Heil in der Anonymität der Hauptstadt: Im Machtzentrum des mit Hitler verbündeten Horthy-Regimes war er sicherer als daheim. In kultureller Hinsicht zeigten die Pfeilkreuzler Toleranz: Gyula Krúdy, Sándor Márai, Thomas Mann, Aldous Huxley, James Joyce, André Gide und vor allem Marcel Proust bestimmten Tismas Lektüre. Das Lebensziel, Schriftsteller zu werden, gesteht er sich schon mit 18 ein, der Weg dahin führt durch die Hölle der "Ausschweifung", des Müßiggangs und Sichverzettelns und ist mit vielen guten Vorsätzen gepflastert. Tisma schämt sich seines Halbjudentums – und schämt sich dieser Scham. Von Beginn an ist ihm Nationalismus fremd, er schwankt sogar, ob er auf Ungarisch oder Serbokroatisch schreiben soll. Die "Bombardierung von Pest" lässt ihn kalt, von der Befreiung im Oktober 44 erwartet er, der die letzten Jahre "mehr oder weniger nur in mir selbst verbracht" hat, keine Veränderung.

Der kommunistische Aufbruch ins neue Jugoslawien reißt ihn dann doch für kurze Zeit mit, Tisma versucht eine "Karriere" beim Belgrader Parteiblatt Borba, bis sein "epikureischer Skeptizismus" wieder die Oberhand gewinnt. Er nennt sich einen "prostituierten Mann", dem die Entscheidung zwischen dem Sozialismus und einem Harem nur allzu leicht fiele. Er sieht sich als Despot im kleinen, als Feigling ohne Standpunkt und erkennt doch, dass er zur permanenten Lüge nicht fähig ist. So etwas wie Glück stellt sich erst ein, als er schreibend bei der Stange bleibt. Auch dem Militärdienst kann er etwas abgewinnen: "An Frauen denke ich nicht. Das kommt vom Brom – eine sehr gute Sache. Mit einem so klaren Kopf kann man Wunder vollbringen."
Hier blitzen auch Gedanken über die "menschliche Verführbarkeit durch den Hass" auf, Beobachtungen über den Zusammenhang von Dummheit und Brutalität (Soldaten misshandeln einen Schäferhund), die den späteren Autor von "Die Schule der Gottlosigkeit" und "Der Gebrauch des Menschen" ahnen lassen. Stets bleibt der junge Tisma aber beides: "Ein seiner künstlerischen Begabung bewusster Beau und ein seiner Schönheit bewusster begabter Mensch." (Weshalb man, ganz auf die Wahrheitsliebe des Autors vertrauend, es dem Verlag auch übel nimmt, dass er kein Jugendbildnis aufgetrieben hat.)
Aleksandar Tismas frühes Tagebuch ist ein Instrument der Selbstzüchtigung: "Ich muss mich vor allen Eitelkeiten hüten: in der Karriere, in der Liebe, beim Schreiben." Wer je mit dem Autor geredet hat, weiß, dass ihm das geglückt ist, auch als er in deutschen Landen bereits hochberühmt und österreichischer Staatspreisträger war.
Als der Nobelpreis, den er nicht bekam, das letzte Mal an einen Jugoslawen, an Ivo AndricŽ, ging, war Tisma mit einer Verlagsdelegation in Polen unterwegs. Von dieser Spurensuche "auf mitteleuropäischem Terrain" berichtet er in seinem Reiseessay, der die jugendlichen Torheiten um wunderbar luzide Einsichten ergänzt, wenngleich die (sehr gute) Übersetzung der Hamburgerin Barbara Antkowiak nicht das mitteleuropäische Deutsch rekonstruiert, das Tisma gesprochen hat. Ergreifend sein erster Besuch in Budapest nach vielen Jahren. Da sucht er in den verwandelten Straßen nach der eleganten Metropole von einst, da speist er wie früher bei Onkel und Tante zu Mittag. Und als er endlich, mit der Hoffnung auf ein Abenteuer, die Adresse von Ana, der einstigen Geliebten, ausfindig gemacht hat, erfährt er, dass sie zwei Monate zuvor an Leberkrebs gestorben ist.

Ein Gustostück für unsereins ist freilich Tismas Bericht von seinem ersten Aufenthalt in Wien, im Westen, "wo ich indes den Westen nicht fand" – nicht nur, weil der Hotelier denselben Namen trägt wie Tismas Elektriker in Novi Sad. Ein historisches Dokument aus dem Wien um 1960, Eindrücke von der Imitation eines Nachtlebens in den Animierlokalen um den Stephansdom, Impressionen aus Grinzing, aus dem Burgtheater, in dem die jungen Besucher den alten bis aufs Haar gleichen, und, als Höhepunkt der Tristesse, aus dem heute legendären "Wök", dem gemeinnützigen Selbstbedienungslokal, das unglücklichen Alten am Sonntag, wo alle "Privatrestaurants" geschlossen haben, Zuflucht bietet. Tisma flüchtet aus "dieser verriegelten Wohnung mit etwas abgestandenem Geruch", einem Mitteleuropa, in dem es sich bequem leben lässt und das sich "aus der Verantwortung für dieses Jahrhundert voller Unrecht und Gewalt gestohlen hat".

Daniela Strigl in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 4)


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