Gefährliche Zeiten
Ein Leben im 20. Jahrhundert

von Eric Hobsbawm, Udo Rennert

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Knapp zehn Jahre nach seiner famosen Geschichte des kurzen 20. Jahrhunderts legt der 1917 geborene Historiker Eric Hobsbawm unter dem Titel "Gefährliche Zeiten" seine Autobiografie vor.

"Das Zeitalter der Extreme" nannte Eric Hobsbawm seine erschienene Geschichte des "kurzen 20. Jahrhunderts", die zu Recht zu einem Klassiker der Zeitgeschichtsschreibung geworden ist. Nun, knapp zehn Jahre später legt der begeisterte Jazz-Kenner die, wie er es selbst formulierte, "B-Seite" dazu vor: nämlich seine Autobiografie, die auf Englisch "Interesting Times" heißt.

Mit dieser Welt- und Lebensgeschichte liegt fürwahr eine der faszinierendsten Einladungen vor, dieses Jahrhundert in seinem ganzen Glanz und Elend zu besichtigen. Geleitet wird man dabei von einem radikalen, weisen Linken, der sich den Teufel schert, das öffentlich geforderte Büßerhemd unter allgemeiner Häme der Besserwisser auszustellen. Dafür ist ihm die Sache zu wichtig, die eigene Person aber nicht wichtiger als die Welt: narzisstische Inszenierungsmanöver, Ich-Blähungen, Bettgeflüster und rechthaberische Rhetorik sucht man bei Hobsbawm vergeblich.

Nicht nur weil sie befreundet waren: eine methodische Verwandtschaft mit Pierre Bourdieus autobiografischem Selbstversuch ist unverkennbar, wenngleich Hobsbawm sich mehr Raum für empirisch gesättigte Milieuskizzen gibt. Die Tugend dieses Intellektuellen, Argumente zu prüfen, warum er so und nicht anders gedacht hat und denkt, beschert dem interessierten Leser eine welthaltige Geschichte der westlichen kommunistischen Intelligenz im 20. Jahrhundert. Und sie bietet differenzierte Erklärungen dafür, warum der Kommunismus die Besten aus Hobsbawms Generation angezogen hat.

Diese Tugend macht aber auch verständlich, warum er, der 1936 in England in die KP eingetreten ist, trotz allem rund fünfzig Jahre in dieser Partei geblieben ist. Bei der Rekonstruktion der schweren Krise der Partei im Gefolge von 1956 gibt Hobsbawm jetzt als Historiker und als Autobiograf eine Erklärung für seinen Verbleib in der Partei.

Historisch-politisch rechnet sich Hobsbawm zur Ära der antifaschistischen Einheits- und Volksfront, was noch heute sein strategisches politisches Denken bestimme. Emotional gehöre er aber zu der Generation, "die eine fast unzerreißbare Nabelschnur mit der Hoffnung auf die Weltrevolution und ihrer Heimat, der Oktoberrevolution, verband". Zum persönlichen Gefühl, wenn man so will, zu seiner sympathischen "Bockigkeit", gehört der Stolz, trotz KP-Mitgliedschaft akademische Karriere zu machen - auch in den USA.

Das ist ungefähr in der Hälfte dieser Autobiografie nachzulesen, die mit bewegenden Abschnitten über die Kindheit im von der Inflation gebeutelten Wien der Zwanzigerjahre beginnt: Hobsbawms Mutter war Wienerin und heiratete 1915 in Zürich den Engländer Percy Hobsbaum, den sie noch vor dem Krieg in Ägypten kennen gelernt hatte. Eric kam 1917 im ägyptischen Alexandria zur Welt und wurde als Hobsbawm für diese Welt registriert. Er verlässt Wien 1931 als Vollwaise, um mit dem Onkel im Spätsommer 1931 nach Berlin zu ziehen.

Mit großer Emphase beschreibt Hobsbawm die beiden Berliner Jahre - die Zeit der Weltwirtschaftskrise und des Aufstiegs der Nationalsozialisten, der Einfärbung der Welt in Braun und Rot - als "die beiden entscheidendsten Jahre" seines Lebens. Sie "machten einen lebenslangen Kommunisten aus mir, oder zumindest einen Mann, dessen Leben ohne das politische Projekt, dem er sich als Schuljunge verschrieben hatte, seinen Charakter und seine Bedeutung verlieren würde, auch wenn das Projekt nachweislich gescheitert ist".

Mit der beruflich-akademischen Etablierung und der zweiten Heirat 1962 lockert sich die chronologisch-lineare Verknüpfung zugunsten einer räumlich strukturierten Erfahrungsorganisation. Die wahrhaft weltumspannende Aktivität und der bürgerlich-akademische Lebensstil inklusive Landsitz in Wales kommen der Vorliebe für Entdramatisierung und der politisch-sozialgeschichtlichen Skizze entgegen: Beschreibung und Argumentation statt Erzählung.

Die niemals trivialen Diagnosen zur politischen und ökonomischen Situation in den Sechzigerjahren - 1968 wird sehr distanziert zurechtgerückt - oder zur englischen Historiographie zeigen ein erzählerisch ausgeblasstes Ich als Verknüpfungsfigur einer Sozialgeschichte des Intellektuellen im 20. Jahrhundert, der dieses Interesse wie die Geschichte der Intellektuellen nachhaltig bestimmt hat.

Was die universitären Institutionen angeht, ist diese Autobiografie ein Dokument für die wissenschaftliche Vielfalt, das skurrile Durcheinander der unterschiedlichsten Lebensstile, die Toleranz und das kreative Ausprobieren neuer Fragestellungen und ihrer kollegialen Erprobung in lokalen wie internationalen Zusammenhängen. Auch das ein Abschied vom kurzen 20. Jahrhundert - mit was für einen lapidaren letzten Satz: "Von selbst wird die Welt nicht besser."

Karl Wagner in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 33)


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