Im Raume lesen wir die Zeit
Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik

von Karl Schlögel

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Umfang: 568 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.09.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Karl Schlögel, einer der führenden Historiker Deutschlands, hat sich in seinem neuen Buch einigermaßen verrannt.

Für seine wunderbaren Porträts osteuropäischer Städte ist der Historiker auch bei Nichthistorikern bekannt. Der an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder lehrende Karl Schlögel ist so etwas wie die deutsche Stimme des "Neuen Europa". Doch diesmal geht es ihm um mehr. Er möchte Zivilisationsgeschichte und Geopolitik zusammendenken und preist eine neue Disziplin der Geschichtsschreibung: die Analyse der Räumlichkeit und Verräumlichung menschlicher Geschichte.

Nach der Semiotik, der Sozialgeschichte, der Oral History jetzt also die Historiographie der Trottoire, Landschaften, Grenzen, Stadtpläne, Kurs- und Adressbücher: "Choreographien des Menschenverkehrs, Drehbücher menschlicher Vergesellschaftung." Schlögel will die Sinnlichkeit der räumlichen Welt zurück in die Historiographie holen: "Nicht Epochen und Zeitabläufe sind das Entscheidende, sondern Sozialkörper und Kulturkreise." Klingt stimmig.

Nur leider ist sein Buch alles andere als sinnlich. Mag sein, dass Schlögls methodische Reflexionen über eine neue Art der Geschichtsschreibung für praktizierende Historiker interessant sind. Aber er bleibt den Nachweis dafür schuldig, dass sich mit einer Betrachtung der Räume, sei es der erneuten Beschreibung des deutschen Drangs nach Osten, einem Besuch von Ground Zero, der Beschreibung von Benjamins Weg in die Bibliothèque Nationale oder dem Studium des Berliner Adressbuchs von 1932, neue Erkenntnisse ergäben. Vieles hat man so ähnlich schon einmal gelesen, anderes verliert sich in waberndem Geraune.

Besonders ärgerlich wird es, wenn er gute Themen und ungewöhnliche Perspektiven verschenkt, weil er, statt auf den Punkt zu kommen, sich in gelehrten Zitaten und Andeutungen verliert. "Das Wesentliche ist immer unsichtbar, es ist dahinter und schon daher etwas Mysteriöses. Wer sich mit dem Wesen beschäftigt, muss sich bei der Erscheinung gar nicht erst aufhalten." Heißt es ausgerechnet im Kapitel über die Geschichtsmächtigkeit von Pflastersteinen.

Ganz entgegen seiner eigenen vollmundigen Ankündigungen fehlen Schlögels Buch trotz der Materialfülle die Details. Allzu oft bleibt er mit seinen gelehrten Erwägungen in Allgemeinheiten stecken, statt am wirklich erschöpfend dargestellten Detail die Stimmigkeit seiner These zu beweisen: dass die Beschreibung von Räumlichkeiten, das genaue und reflektierte Kartenlesen zum Beispiel wirklich zu neuen Erkenntnissen führt. Was doch so abwegig nicht klingt. Und dass hier nicht ein Gelehrter krampfhaft nach Originalität heischt und wenig mehr als heiße Luft erzeugt.

Thomas Askan Vierich in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 33)


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