Das Leiden anderer betrachten

von Susan Sontag

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Übersetzung: Reinhard Kaiser
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 152 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.08.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

"Ich habe das gesehen", untertitelte Goya ein Blatt aus seinen Radierungen "Los Desastres de la Guerra" ("Die Schrecken des Krieges"). Die Darstellung des Krieges in nicht heroisierenden Bildern ist relativ neu. Doch erst mit der Fotografie verändert sich die Kriegsreportage radikal. Fotos deuten nicht an, sondern zeigen direkt, was es zu sehen gibt. Sie sind nicht künstlerische Expression, deren Glaubwürdigkeit bekräftigt werden muss, sondern direkter Beweis.
Sollte man zumindest glauben. Denn die moderne Kriegsfotografie beginnt mit einer Propagandalüge. Roger Fenton, offizieller Fotograf im Krimkrieg 1855, wird von der britischen Regierung angewiesen, Tote, Verstümmelte oder Kranke nicht aufzunehmen. Dazu kommt, dass die damals recht schwerfällige Kamera letztlich nur inszenierte Aufnahmen zulässt. "So kam es, dass sich dieser Krieg auf Fentons Aufnahmen wie ein Gruppenausflug von lauter würdigen Männern ausnimmt."
Als mediales Produkt ist ein Foto nie reines Dokument. Mediale Wirklichkeit ist immer auch eine Konstruktion. Dass Susan Sontag mit "Das Leiden anderer betrachten" angeblich einen "entsetzlich aktuellen Essay" (so der Klappentext) geschrieben hat, ist Understatement des Verlags. Sontag ist eine weltbekannte Kritikerin, und ihre Feststellungen sind treffend, zum Teil aber auch dozierend: Der Essay ging aus einem akademischen Vortrag hervor. Seinen Kontext, den breiten medientheoretischen Diskurs zum "Iconic turn", verschweigt sie. In den Siebzigerjahren hatte Sontag in ihrem Buch "Über Fotografie" mit der These Aufsehen erregt, dass Medienbilder manipulierend und abstumpfend wirken. Nun distanziert sie sich entschieden von ihrer einstigen konservativen Forderung nach einer "Ökologie der Bilder". Fotografie, sagt sie, funktionierte in einem Umfeld von Konsumismus und Verwertbarkeiten, und man könne sich der Wirkung keines noch so bedrückenden Bildes mehr sicher sein.
Es ist klar, dass Fotos auf viele Arten täuschen und lügen können. Während sie eine Spur des Wirklichen zu sein vorgeben, ist immer auch entscheidend, was das Bild nicht zeigt und welche Bilder nicht gezeigt werden. Jedes Foto ist eine Komposition, ein Arrangement, eine Inszenierung. Ist dieser Kuss echt oder für die Kamera gestellt? Sehen wir siegreiche Helden und jubelnde Zivilisten oder nur gestellte Szenen? "Wir wünschen uns, dass sich der Fotograf im Haus der Liebe oder des Todes wie ein Spion bewegt und dass diejenigen, die er fotografiert, von der Kamera nichts ahnen, dass sie nicht auf der Hut sind."

Der neutrale Berichterstatter ist eine Illusion. Aber während Leica und Nikon bald authentischere und dramatischere Reportagefotos ermöglichen, wird es auch immer schwieriger, vor und für die Kamera zu inszenieren. Zeigt denn die Ikone der Antikriegsbilder, Robert Capas Foto "Tod eines republikanischen Soldaten" aus dem spanischen Bürgerkrieg, das, was wir zu sehen meinen? Schließlich Vietnam, die Napalm-verbrannten Kinder: Hier trifft der Verdacht der Inszenierung sicher nicht, während das bei vielen weiteren Bildern unklar bleibt. "Im Zeitalter der Kameras soll die Wirklichkeit neuen Anforderungen genügen. Es kann sein, dass das Wirkliche nicht erschreckend genug ist und daher noch betont werden muss, oder es muss nachgestellt werden, damit es überzeugender wirkt."
Was also tun? Gegen die Ästhetisierung von Gewalt moralisieren, mit Schonungslosigkeiten bewusst pädagogisieren, oder gar Bilderverbote einfordern? Nein, man müsse die Bilder unbedingt wirken und ihre Schockwirkung sich entfalten lassen, sagt Susan Sontag. Dann könnten sie Ausgangspunkt für eine intervenierende Kritik und damit für eine konkrete Politik werden. Denn nicht nur die Aufmerksamkeits-, auch die kollektive Erinnerungsökonomie funktioniere in einer Ära der Informationsüberflutung am besten noch mit Fotos, die uns helfen, unsere Vorstellungen gerade vom Unvorstellbaren zu organisieren. "Erzählungen können uns etwas verständlich machen. Fotos tun etwas anderes: Sie suchen uns heim und lassen uns nicht mehr los."

Frank Hartmann in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 24)


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