Der Weltensammler

von Ilija Trojanow

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.01.2006

Rezension aus FALTER 46/2008

Ein Louis Armstrong der Politik

Ilija Trojanow, 43, sitzt im Café Frauenhuber und spricht über die Welt und ihren neuen Präsidenten. Trojanow ist ein kompetenter Gesprächspartner – er ist nicht nur Schriftsteller und Verleger, sondern auch Kosmopolit. Trojanow, in Bulgarien geboren, flüchtete 1971 mit seinen Eltern nach Italien, verbrachte seine Kindheit in Kenia und Paris, lehrte in Kapstadt und bereiste später Indien. Sieben Jahre wandelte er auf den Spuren des britischen Entdeckers Richard Burton und schrieb danach den gefeierten Roman "Der Weltensammler" (Hanser). Vergangenes Jahr erschien sein Buch "Kampfabsage", in dem er die These des "Clash of Cultures" widerlegte. Trojanow lebt seit einigen Monaten in Wien-Alsergrund.

Falter: Herr Trojanow, hatten auch Sie Tränen in den Augen, als der "Weltpräsident" Barack Obama seine Siegesrede hielt?
Ilija Trojanow: Nein. Ich empfinde die momentane Stimmung als irrational. Wir erleben einen messianischen Kult. Solche Phänomene treten gerne zu Jahrtausendwenden auf. Auch rund um das Jahr 900 waren messianische Kulte in Europa weit verbreitet. Je größer die Krisen, desto größer die Sehnsucht nach einem Erlöser, der alles in den Griff kriegt. Obama wird bald die Systemzwänge des politischen Alltags erkennen.
Georg W. Bush hat das Ansehen Amerikas dramatisch beschädigt. Wie wird sich der Blick der Welt auf die USA des Barack Obama ändern?
Trojanow: "Die Welt", so es sie überhaupt gibt, freut sich über eine gewisse Symbolik, und das ist ja zunächst nichts Schlechtes. Obama scheint für die Menschen schwarz zu sein. Doch er ist schwarz und weiß. Wenn wir nicht so eine hunderte Jahre alte Obsession mit der Hautfarbe hätten, könnten wir ihn genauso gut als Weißen bezeichnen. Er wurde schließlich unter Weißen sozialisiert – bei den Großeltern und seiner alleinerziehenden Mutter.
Sie haben lange in Kenia gelebt. Sehen Sie etwas Kenianisches in Obama?
Trojanow: Nein, eigentlich nicht. Nur eines fällt mir auf: Obamas Vater ist vom Volk der Luo, so wie der jetzige Premierminister. Die Luo fühlen sich nicht nur miteinander verwandt, sie gelten in Kenia als Philosophen. Sie sind "brainy people", gescheit, können reden und begeistern. Zumindest sagt man ihnen das nach.
Wird Obama die Schwarzen enttäuschen?
Trojanow: Blicken wir zunächst in die USA. Spannend wird die Frage, ob Obama das Klischee des "American Dream" anzugreifen wagt. Die Afroamerikaner wurden jahrhundertelang mit Füßen getreten, der Traum hat sich für sie kaum erfüllt. Wird er das thematisieren? Wird er dadurch die Selbstwahrnehmung der Amerikaner verändern? Dann wäre da noch das Verhältnis zu Afrika. EU und USA haben hier ganz klare landwirtschaftliche Interessen und beuten den Kontinent durch ihre Zollpolitik weiter aus.
Obama müsste also die Interessen der amerikanischen Landwirte beschneiden.
Trojanow: Ob er das wirklich schafft, bezweifle ich. Dazu kommt die militärische Präsenz Amerikas in Afrika. Die USA bauen zwar ihre Stützpunkte aus. Ihre Politik ist aber strategischer und nicht menschenrechtlicher Natur. Ich sehe keine großen Linien im Sinne einer visionären Humanität – etwa im Kongo oder im Sudan.
Sie haben lange im indischen Mumbai gelebt. Wie sehen Sie die Reaktion des aufstrebenden Indien auf ­Obamas Wahl?
Trojanow: Exzessive Freude habe ich dort nicht wahrgenommen. Die Inder haben ein gesundes Misstrauen gegenüber den USA. Die Außenpolitik der USA war ja auch in Asien eine Aneinanderreihung von Fehlern. In der Region haben sich die Amerikaner sehr früh für Pakistan entschieden – ein Land, das in den letzten 25 Jahren eine autoritäre Militärdiktatur war. Die US-Unterstützung für die Militärs dort ist ja ein einziges Trauerspiel. Eine radikal neue visionäre Politik müsste mit der korrupten pakistanischen Elite brechen. Sie müsste die bürgerlichen Kräfte unterstützen, damit sie sich von Militär und Fanatismus befreien können. Stattdessen hofiert man eine Clique von Generälen und Mullahs.
Die Amis würden sagen, sie brauchen­ die Militärs, um die Islamisten zu zähmen.
Trojanow: Genau das Gegenteil geschieht. In Pakistan wurde die Scharia eingeführt, die Wirtschaft ist völlig mit dem Militär verzahnt. Im Jahr 2001 haben die Amerikaner durch ihre Kriegspolitik eine historische Chance verpasst. Sie haben sogar die Sympathien der säkularen, extrem aufgeklärten Araber verspielt. Schon die von uns ignorierte Zahl der massakrierten Zivilisten im Irak und in Afghanistan zeigt, wie auch in uns eine Art Rassismus funktioniert. Wir ertragen es cool, wenn eine halbe Million Iraker durch den Krieg sterben.
Wird Obama hier anders agieren ­können als sein Vorgänger?
Trojanow: Ich wüsste nicht, wie. Er muss sicher aus dem Irak raus, das hat er angekündigt. In Afghanistan aber herrscht völliges Chaos, es ist unser aller Krieg, es ist eine Katas­trophe. Die Regierung Karsais ist aber mittlerweile genauso korrupt wie alle anderen. Inzwischen werden sogar Journalisten zum Tode verurteilt. Der zivile Aufbau ist zum Stillstand gekommen.
Nicht nur der Islamismus, vor allem das Wachstum Indiens und Chinas irritiert den Westen. Manche wittern gar das Ende der westlichen Dominanz.
Trojanow: So what! Jede Kultur hat ihre Blütezeit. Es ist zutiefst rassistisch, darüber zu erschrecken, dass einmal Inder, Chinesen oder Afrikaner den Ton angeben.
Es geht ja nicht um die Völker, sondern um ihre politischen Systeme. Der "Westen" verkörpert Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. Davon ist in Afrika und China wenig zu hören.
Trojanow: Wollen wir über die Realität reden – oder über die Propaganda? Wenn wir über die Propaganda reden: Ja, wir haben Menschenrechte erfunden und in der ganzen Welt verbreitet. In der Realität haben wir, "die Westler", aber die größten Genozide der Menschheitsgeschichte zu verantworten. Zunächst im 15. und 16. Jahrhundert in Amerika, dann verstärkt im 19. Jahrhundert durch das Abschlachten außereuropäischer Völker. Im 20. Jahrhundert richtete sich unser Hass gegen uns selbst – im Holocaust und im stalinistischen Terror.
Dennoch sind wir den Amerikanern dankbar für unsere Freiheit, die ohne GIs nicht denkbar wäre.
Trojanow: Es war eine Leistung der Briten und Amerikaner, gegen die Nazis zu kämpfen, aber wir dürfen die etwa 80 amerikanischen Einmischungen im Sinne von Diktaturen nicht vergessen – denken Sie nur an den Iran, Gua­temala, Indonesien, Vietnam und so weiter. Auch Winston Churchill hat viel getan, um den Nationalsozialismus zu besiegen – dennoch haben die Briten aufgrund ihrer Politik in Westbengalen ungefähr zwei Millionen Inder umgebracht. Auch das haben die Leute im Kopf, wenn sie an "uns" denken.
Warum sind so viele Leute in Asien und Afrika von Amerika dennoch so fasziniert? Wieso eifern sie den Amis in Mode, Musik und Ernährung nach?
Trojanow: Amerika ist natürlich ein grandioses Land. Die großen Errungenschaften der Moderne sind dort zu sehen. Kehren wir hier zurück zu Obama: Er steht am Ende einer Entwicklung, die kulturell längst vollzogen ist – etwa in der Musik. Trotz Versklavung, trotz Ghettoisierung der Schwarzen hat die Musik der Schwarzen, der Jazz, den Siegeszug angetreten und auch die Hochkultur erobert. Nun folgt Obama hinterher. Er ist nicht nur der Louis Armstrong der Politik, sondern er zeigt, dass man als Schwarzer auch in die "politische Hochkultur" gelangen kann.
Was muss Obama also tun, um ein ­großer Präsident zu werden?
Trojanow: Spannend wird, ob er die riesigen Rüstungsausgaben zurückfahren wird. Spannend wird auch, ob er den Wohlstand wirklich umverteilen wird. Vor allem die Schaffung einer allgemeinen Krankenversicherung wird darüber entscheiden, ob er gescheitert ist oder nicht. Sie ist seine wichtigste Forderung. Obama wird sich daran messen lassen müssen.

Florian Klenk in FALTER 46/2008 vom 14.11.2008 (S. 14)


Rezension aus FALTER 11/2006

Reisen, reisen, Welt verspeisen

Ilija Trojanow wuchs in Bulgarien, Kenia und Deutschland auf und lebt unterwegs. Die Hauptfigur seines neuen Romans "Der Weltensammler" ist ein Wanderer zwischen den Kulturen - wie der Autor selbst, den der "Falter" in München traf.

An den Moment, in dem sich seine Faszination für den berühmten viktorianischen Entdeckungsreisenden, Offizier und Orientalisten Richard Francis Burton zur Grundidee für einen Roman verdichtete, erinnert sich Ilija Trojanow genau. Nämlich als er die Beschreibung einer "seltsamen Szene in Kairo" las: Burton und einige andere britische Offiziere gehen durch den Basar, wo sie auf einem offenen Platz auf eine Gruppe tanzender Derwische stoßen. Zum Missfallen seiner britischen Begleiter mischt sich Burton unter die Männer, beteiligt sich an ihrem Ritual, scheint sie zu imitieren, beherrscht die Elemente des ekstatischen Rituals aber so vollendet, dass er von den Sufis schnell als Eingeweihter erkannt und willkommen geheißen wird. Erst nach einer Weile kehrt Burton zu seinen Offizierskollegen zurück, von denen einer ihn mit den Worten begrüßt haben soll: "By Jove, Dick, for one moment there I thought you were a nigger."

Wie konnte, fragte sich Trojanow angesichts dieser Begebenheit, eine vielschichtige Figur wie Burton, ein Mann der kulturellen Brüche und fließenden Identitäten, in der schwarz-weiß gemalten Welt des britischen Empire überleben? Und wie müsste eine Erzählung gebaut sein, die einen so komplexen, widersprüchlichen und oszillierenden Charakter wie Burton zum Helden hätte?

Sieben Jahre arbeitete Trojanow an seinem Burton-Roman "Der Weltensammler". Geschrieben hat er ihn auf Deutsch im südafrikanischen Kapstadt, wo er seit drei Jahren lebt, recherchiert hat er dafür im indischen Gujarat, in Tansania, Damaskus, Triest und auf der arabischen Halbinsel, außerdem in Archiven und Bibliotheken; er hat gut 500 Bücher als Quellen angesammelt und sich dabei mit so disparaten Themen wie Kartografie, indischer Tempelprostitution, Opium, Malaria, tansanischer Hexerei, dem Hadsch nach Mekka und Medina, der Geschichte afrikanischer Sklaven in Indien oder britischer Entdeckungsgeschichte im 19. Jahrhundert beschäftigt.

Eines der besten und wahrsten literarischen Gesetze ist, dass der Text mit einem viel umfangreicheren Wissen, von dem man nur einen Teil preisgibt, gepolstert sein muss", erklärt Trojanow, während er in einem türkischen Lokal nahe des Münchner Hauptbahnhofs einen Eintopf isst. Er ist für ein paar Tage auf der Durchreise in Deutschland, kommt aus Südafrika, reist weiter nach Zürich und Mumbai (Bombay), um dann eine Woche in Wien zu verbringen, wo er seinen Roman vorstellt und beim Festival Literatur im März, dessen diesjährigen Südafrika-Schwerpunkt er mitkonzipiert hat, moderieren und lesen wird.

Deutsch, sagt der 40-Jährige, sei seine geliebte Sprache. Geboren wurde er als Sohn bulgarischer Eltern in Sofia, die Familie floh 1971 über Italien nach Westdeutschland, wo sie Asyl erhielt. Ein Jahr später zogen die Trojanows weiter nach Kenia, wo der Vater eine Ingenieursstelle angenommen hatte. Ilija sprach zu Hause bulgarisch, mit Freunden englisch, in Nairobis deutscher Schule deutsch und daneben noch "schlechtes Kisuaheli". Später studierte er in München, gründete einen auf außereuropäische, vor allem afrikanische Literatur spezialisierten Verlag, übersetzte und begann selbst zu schreiben, allem voran literarische Reisebücher und-reportagen über Indien, Ostafrika und sein Herkunftsland Bulgarien. "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" hieß schließlich Trojanows erster Roman 1996, dessen Hauptthemen Flucht, Exil und Reise sind. Der Buchtitel ist symptomatisch für das Selbstverständnis eines Weltenwanderers, der - einem Sufi-Satz folgend - "vom Ich zum Selbst" unterwegs ist und sich, obwohl nirgendwo zu Hause, überall zurechtfindet, weil "ich wie ein Chamäleon die Farben meiner Verwandlung in mir trage".

Seinem Romanhelden Sir Richard Francis Burton, der Dutzende Reiseberichte hinterließ, an der Entdeckung der Nilquellen beteiligt war, in Verkleidung als erster Europäer Mekka betrat und die erste vollständige Übersetzung der Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht" und des indischen Kamasutra anfertigte, fühlt sich Trojanow in einem Punkt wirklich nahe: "Wie er glaube ich, dass man sich fremde Kulturen und Religionen tatsächlich ein Stück weit einverleiben kann."

Der Weltensammler" zeigt Burton als einen Menschen, der Identitäten abstreift und wechselt, flimmernd und widersprüchlich, ein Eigensinniger, Dickköpfiger und Streitlustiger, besessen von der problematischen Anverwandlung durch Verkleidung, ein Mann, der in seinem von viktorianischem Forschergeist geprägten Wunsch, alles zu verstehen und zu durchdringen, bei den Einheimischen mitunter auf Unverständnis stößt.

Der Roman zeigt Burton als Kolonialoffizier in Indien, er verfolgt ihn auf seiner Reise nach Mekka und der strapaziösen Ostafrikaexpedition bis zu den letzten Lebensjahren in Triest. Wobei die außereuropäischen Kulturen, denen Burtons Blick gilt, im "Weltensammler" ihrerseits vertreten sind und die Blicke zurückwerfen. Sie sind nicht Statisten oder Schatten wie in europäischen Romanen über außereuropäische Kulturen üblich, sondern Erzähler auf Augenhöhe. "Beide Perspektiven gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen, war für mich politisch der einzige Weg", erklärt Trojanow, "und auch literarisch hat es mir sofort eingeleuchtet, weil man durch eine solche Struktur wunderschön alle Konflikte, Missverständnisse, Täuschungen, Lügen und Illusionen zum Vorschein bringen kann". Naukaram, Burtons indischer Diener, und Sidi Mubarak Bombay, Begleiter Burtons auf seiner Ostafrikareise, sind Trojanows wichtigste Erzählstimmen - beide besitzen Vorbilder in realen Figuren, beiden hat Trojanow einen ihrer Herkunft spezifischen Erzählduktus auf den Leib geschrieben.

Auf Burtons Spuren reiste Trojanow drei Monate lang durch Tansania, er ließ sich ein Jahr lang in Mumbai von jungen Islamisten im Koranstudium unterweisen und folgte ihnen auf den Hadsch nach Mekka und Medina - Spin-off dieser Burton-Rechercheetappe ist Trojanows Bericht "Zu den heiligen Quellen des Islam" (2004) -, sein indischer Guru stand Pate für die streng-heitere Figur des Upanitsche, eines Gelehrten, der Burton in Sanskrit und spirituellen Fragen unterweist. Wie in dessen Namen, der "oben-unten" bedeutet und außerdem an die philosophische Schriftensammlung der Upanishaden erinnert, verstecken sich in Trojanows Roman eine Vielzahl von Bezügen, um die man nicht wissen muss, die aber zusätzliches Vergnügen bereiten, wenn man sie zu entschlüsseln versteht: So entspricht das Indien-Kapitel in seinen 64 Unterkapiteln hinduistischer Zahlenmystik und auch den 64 Teilen des Kamasutra, welches seinerseits eine Rolle in Burtons Liebesgeschichte mit der Tempelprostituierten Kundalini spielt, deren Name wiederum auf das Prinzip der Kundalini-Energie anspielt.

Wie gesagt: All das kann man, muss man aber nicht in Trojanows Buch entdecken. Man kann es auch einfach als eine übersprudelnd üppige, kluge, hoch ambitionierte und fein geschriebene Geschichte über einen maßlosen Mann und seine gierigen Welteinverleibungssehnsüchte lesen.

Julia Kospach in FALTER 11/2006 vom 17.03.2006 (S. 10)


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