Abendland

von Michael Köhlmeier

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.08.2007

Rezension aus FALTER 33/2007

Ich bin ziemlich schamlos

Michael Köhlmeier, 57, zählt zu den bekanntesten und beliebtesten Schriftstellern des Landes und hat das, paradoxerweise, nur zum Teil seiner Literatur zu verdanken. Populärer noch denn als Autor ist er als Vortragender, der die Sagen des klassischen Altertums oder die Bibel auf Hörbuch nacherzählt. In den Neunzigern erschienen Köhlmeiers Homer-Neudeutungen "Telemach" und "Kalypso", in den letzten Jahren schrieb er unter anderem den Kurzroman "Nachts um eins am Telefon" oder die Novellen "Der Tag, an dem Emilio Zanetti berühmt war" und "Der Spielverderber Mozarts".
Dass er nun mit dem fast 800 Seiten starken Roman "Abendland" (siehe Rezension auf S. 50) ein in jeder Hinsicht gewichtiges Werk vorlegt, kommt doch etwas überraschend. "Abendland" erzählt die Geschichte des 20. Jahrhunderts (auch) als Familiengeschichte. Sie handelt unter anderem vom Schriftsteller Sebastian Lukasser, von dessen Vater Georg, einem Wiener Gitarrengenie, und vom Leben des Innsbrucker Mathematikers Carl Candoris, der den Lukassers in verschiedener Hinsicht Schutzengel, Mäzen und Vaterersatz ist.

Falter: Ich habe erst vor einer Dreiviertel Stunde Ihren Roman zu Ende
gelesen und bin – durch die Episode mit Hanns Alverdes – noch ziemlich mitgenommen. Ich bin gerade noch dazu gekommen, den Namen zu googeln – habe aber nichts
gefunden.
Michael Köhlmeier: Er ist ja auch eine Erfindung: jemand, der das ganze 20. Jahrhundert erlebt, aber eigentlich nichts davon mitkriegt. Es gibt ziemlich viele Spiegelmotive und Parallelfiguren, und Alverdes ist immer wie ein Schatten neben dem Candoris gestanden. Ich könnte auch sagen: In jeder großen abendländischen Geschichte der Mythologie steigt der Held irgendwann in die Unterwelt. Da muss er durch. Sogar im Glaubensbekenntnis kommt es vor: "Hinabgestiegen in die Hölle ..." Und mir war eben von Anfang an klar, dass da am Ende noch so ein Nachtstück hinein muss.
Norbert Gstrein hat mir erzählt, er hätte mit Ihnen einmal über einen Innsbrucker Mathematiker gesprochen ...
... den Leopold Vietoris. Dass die Namen ähnlich klingen, ist natürlich schon eine Hommage, obwohl es biografisch überhaupt keine Parallelen gibt. Vietoris ist ja fast 111 Jahre alt geworden und war damals der älteste Österreicher. Ich kenne einen ORF-Journalisten, der fünf letzte Sendungen mit ihm gemacht hat: Jetzt ist der 99, da müssen wir was machen. Jetzt ist er 101, da ist wohl wirklich Schluss ...
Sie haben ja seinerzeit selber Mathematik studiert?
Ja, nachdem ich Germanistik und Politikwissenschaft abgeschlossen hatte, habe ich mit Mathematik und Philosophie begonnen, es aber bald wieder aufgegeben. Nicht, weil ich nicht mitgekommen wäre, sondern aus Liebesgründen: Ich habe die Monika (Köhlmeiers Frau, die Schriftstellerin Monika Helfer, Anm. d. Red.) kennen gelernt und bin nach Vorarlberg gezogen. Da war mir die Mathematik scheißegal. Ist eh besser. Ich habe allerdings unter den Mathematikern mehr Literaturliebhaber kennen gelernt als unter den Germanisten.
Ist es eigentlich wahr, dass man irgendwann mit den eigenen Figuren zu leben beginnt?
Ja, schon. Ich habe zu denen relativ bald eine engere Beziehung entwickelt als zu den meisten Menschen, die ich tatsächlich kenne. Und besonders schmerzlich merkt man das, wenn sie nicht mehr da sind – also wenn der Roman fertig ist.
Sie versinken in postproduktiver Depression?
Schwer!
Aber einen Moment der Euphorie muss es doch auch geben, wenn man fertig ist?
Schon, natürlich. Jetzt hab ich den letzten Satz, habe alles überarbeitet, kann es anschauen ... ah!
Und feiern Sie das dann, indem Sie fesch essen gehen oder so?
Das Problem ist, dass mir einige Genüsse verwehrt sind. Ich kann mich zum Beispiel nicht besaufen, weil ich bereits nach einem halben Glas Wein einen Heuschnupfen kriege – bis hin zu Atembeschwerden.
Und kiffen?
Habe ich ganz gern getan, aber das haut mir dermaßen die Birne zusammen ...
Bier?
Das gleiche wie mit dem Wein. Ich war einmal in Wien und habe Linsen gegessen. Dazu muss man ein Bier trinken. Eh nur ein Seidl, aber ich habe solche Atembeschwerden bekommen, dass ich geglaubt habe, ich muss ins AKH.
Da wär ich an Ihrer Stelle auch hin!
Sind Sie denn auch Hypochonder?
Und was für einer!
Also bitte, erzählen wir uns nix mehr! Ich habe nämlich seit Mai Panikattacken. Reden wir lieber übers Buch. Sie sind beim Alverdes-Kapitel irgendwie ...
Ich hatte einfach nicht mehr damit gerechnet, dass da noch so ein Hammer kommt, hatte eher einen sanften Sinkflug erwartet – hin zur großen Wiederbegegnungs-, eventuell auch zur erlösenden Sexszene nach der postoperativen Impotenz.
Ich hätte es ja auch wahnsinnig gerne gesehen, wenn Sebastian und Dagmar wieder zusammengekommen wären und es wieder eine Familie gäbe.
Aber Sie hatten es doch in der Hand!
Schon, aber die Figuren selbst wollen auch was. Und es zahlt sich nicht aus, das zu ignorieren.
In Sebastian steckt schon auch einiges von Ihnen, oder?
Viel Äußerliches. Ich habe auch einen Prostatakrebs gehabt und danach festgestellt: Scheiße, das ist ja schon ein literarischer Topos, der bei Philip Roth und auch im jüngsten Roman von Richard Ford vorkommt. Wenn das jemand beanstandet, würde ich sagen: Wenn man in der Realität keinen Prostatakrebs mehr kriegen kann, bin ich sofort dafür, ihn auch in der Literatur abzuschaffen.
Aber wo kämen wir denn da hin, wenn ein Schriftsteller sich dafür rechtfertigen muss? Zur Ausbeutung der eigenen Biografie hat er doch jedes Recht der Welt!
Das glaub ich wohl auch. Insofern stehen jetzt natürlich auch die Panikattacken an. Ich führe sogar ein Panikattackentagebuch. Allerdings nicht, um sie literarisch zu verwerten, sondern um zu sehen, ob ein Algorithmus feststellbar ist, damit ich wenigstens was vermeiden kann. Jetzt reden wir schon wieder über diesen Scheiß! Wo waren wir?
Bei den autobiografischen Zügen. Offenbar können Sie ziemlich gut Gitarre spielen?
Aber nicht so gut wie Sebastian und leider schon gar nicht so gut wie Georg Lukasser.
Dass Sie Bob Dylan und Neil Young lieben, ist ja sozusagen amtsbekannt. Dass Sie so gut über Jazz Bescheid wissen, hat mich aber gewundert.
Django Reinhardt hat mir immer schon gefallen. Und auch die Saxofonisten fand ich immer super: Lester Young, Coleman Hawkins, Charlie Parker ... Ansonsten war der Roman, was den Jazz betrifft, eine Volkshochschule. Da habe ich mir viel angeeignet.
Jemand wie Attila Zoller ist schon ein bissl was für Spezialisten.
Aaah! Gitarrenfreund, der ich bin, kenne ich natürlich die Framus AZ 10 – eine legendäre Jazzgitarre, die man seinerzeit eigentlich gerne gehabt hätte. Und das "AZ" steht eben für Attila Zoller. Den mochte ich auch immer, weil er auf eine ganz schräge Weise artifiziell ist. Auf der letzten Platte von ihm gibt's eine Nummer, die "Struwwelpeter" heißt, und von der habe ich mir eben gedacht: Die hat er für den Georg Lukasser geschrieben.
Wie lange haben Sie denn am Roman gearbeitet?
Insgesamt sechs Jahre, mit den ersten tastenden Versuchen sechseinhalb.
Wie sahen die aus?
Am Anfang habe ich, noch ohne großen Plan, einfach vorgehabt, ein paar Erzählungen zu schreiben, in deren Mittelpunkt reale Personen stehen – so ein bisschen in der Art von Heiligenlegenden. Deswegen handelte die erste Geschichte auch von Edith Stein (deutsche Philosophin, Frauenrechtlerin und Nonne jüdischer Herkunft, die in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde, Anm. d. Red.). Es war dann aber relativ bald klar, dass es eine Familienkonstellation mit einem realen und einem idealen Elternpaar geben würde, und da wusste ich dann: Es wird sehr umfangreich.
Im Grunde genommen hätten Sie es sich aber auch mit den Hörbüchern und hin und wieder einer Novelle oder ein paar Geschichten gemütlich machen können.
Die Hörbücher waren immer nebenbei ...
Aber es ist ein Einkommen, das den Lebensunterhalt sichert.
Natürlich. Ich war auch eifersüchtig auf mich selbst, weil die immer erfolgreicher waren als die Bücher. Es ist auch nicht so, dass man denkt: Jetzt schreib ich den großen Roman. Aber irgendwann war dann klar: Das wird – in jeder Hinsicht – das Größte, was ich je gemacht habe; im Umfang, in der Recherche, in der Ambition.
Apropos Recherche: Wie entscheidet man über die Balance von Fiktion und Fakten?
Wenn man mitten in der Arbeit ist, ist man ziemlich schamlos. Also jedenfalls ich bin es: Was mir und der Glaubwürdigkeit des Romans irgendwie nützt, nehm ich auch. Martin Walser hat einmal sehr schön gesagt, dass die Arbeit eines Schriftstellers eigentlich dort anfängt, wo sich der normale Mensch zu genieren beginnt. Bei manchen Figuren habe ich einfach die Namen ausgetauscht: Hinter Abe Fields steht zum Beispiel G.M. Gilbert, ein amerikanischer Gerichtspsychologe, der ein unglaublich tolles Buch geschrieben hat, das "Nuremberg Diary". Ein unfassbares Buch über die Psyche der nationalsozialistischen Massenmörder.
Welche Recherchen waren denn besonders aufwendig?
Ein Riesending war das Manhattan Project. An dem haben 150.000 Menschen mitgearbeitet, und es gibt sehr viel Literatur dazu. Erinnerungen von Physikern: "Wie ich die Atombombe mitbaute ..." Sehr widersprüchlich.
So etwas kann einen doch auch erdrücken?
Natürlich. Es ist fast besser, wenn die Quellenlage dürr ist. Da kann man sich dann sagen: Ich habe getan, was ich konnte, aber von jetzt an muss ich erfinden.
Wahrscheinlich hat man aber immer Angst, dass jemand kommt und sagt: So kann's aber nicht gewesen sein.
Wenn jemand sagt: "So kann es nicht gewesen sein", ist es schlecht. Wenn er sagt: "So war es nicht, aber es könnte so gewesen sein", ist es okay.
Der Inspiration bleibt noch genug zu tun. Das Gitarrengenie in Ihrem Roman, Georg Lukasser, beharrt sogar darauf, dass seine Soli von Gott kommen. Wie ist das mit dem Schreiben?
Ich glaube, dass ich beim Schreiben gescheiter, imaginativer und überhaupt besser bin, als wenn ich's nicht tue. Aber auf die Inspiration kann man nicht warten, die kommt mit der Arbeit – je regelmäßiger, umso besser.
Wie sieht denn Ihre Arbeitsroutine aus?
Vormittags ist Pflicht, nachmittags Kür: Wenn ich nichts tue, ist es nicht schlimm, wenn ich was tue, ist es gut.
Gibt's ein Pflichtpensum?
Wenn ich auf alle Fälle drei Stunden sitzen bleibe, hat das eine gewisse biografische Redlichkeit. Ich habe vielleicht nichts zusammengebracht, aber ich habe mich wenigstens bemüht.
Ich kann mir schwer vorstellen, dass Sie da sitzen und Ihnen nichts einfällt.
Das kenn ich in der Tat nicht, glaube aber auch, dass es nur ein Scheinprob-lem ist: Man meint manchmal, dass einem nichts eingefallen ist, dabei hat man es bloß nicht geschafft, die vielen Einfälle in eine Form zu bringen.
Was war bei "Abendland" das Schwerste?
Rückblickend eindeutig die Makrostruktur. Wenn man auf so vielen Ebenen erzählt beziehungsweise die Figuren erzählen lässt, dann sollte der ganze Roman auch irgendwie an die Dramaturgie eines lebendigen Gesprächs erinnern. Man kann dann die Dinge nicht chronologisch abhaken, sondern muss zeitliche Vor- und Rückgriffe machen. Manche Dinge müssen auch offen bleiben. Ich mag Romane nicht, in denen alle Fäden zu Ende geknüpft sind.
Wie sieht es mit Ihrem nächsten Projekt aus? Wobei: Eigentlich können Sie sich jetzt auch mal ein bisschen zurücklehnen.
Hab ich eh getan, aber es geht mir nicht gut dabei. Am liebsten würde ich eigentlich denselben Roman noch einmal schreiben: "Jahre später ..."
Wie lange geben Sie sich noch?
Zum Leben?!
Nein, um Gottes Willen! Fürs nächste Buch.
Das ist eine gute Frage. Ich sollte eine Novelle schreiben. Bei Deuticke warten sie schon drauf. Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass im Frühling schon wieder was Neues rauskommen soll. Also habe ich mir vorgenommen: Spä-tes-tens am ersten Werktag im neuen Jahr ziehe ich mir ein weißes Hemd an und fange an. Bis dahin habe ich die große Aufgabe, mein Arbeitszimmer aufzuräumen. Es ist furchtbar.
Aber wenn "Abendland" nun ein Riesenerfolg wird, lastet ein großer Druck auf dem nächsten Buch. Insofern sollten Sie vielleicht doch schnell damit anfangen, sonst sind Sie zu befangen.
Thomas Mann hat seinen Kollegen geraten, einen großen Roman niemals abends zu beenden, sondern gegen Mittag, sodass man am Nachmittag schon den ersten Satz des nächsten Buchs schreiben kann und zumindest einmal einen Fuß in der Tür hat. Das verstehe ich. Den ersten Satz, die ersten zwei Seiten habe ich schon. Gestern habe ich sie durchgelesen. Haben mir nicht so gut gefallen.
Aber der Fuß ist in der Tür.
Ja. Und es ist der Fuß von Sebastian Lukasser

Klaus Nüchtern in FALTER 33/2007 vom 17.08.2007 (S. 20)


Rezension aus FALTER 33/2007

Triumph des Eigensinns

Michael Köhlmeier hat etwas von einem Volksbildner: Er hat die Bibel nacherzählt, Shakespeare, das Nibelungenlied und die Sagen des klassischen Altertums. Auch seine letzten beiden großen Romane, "Telemach" (1995) und "Kalypso" (1997), bedienen sich bei Homer. Was danach an eigener Prosa erschien, war zwar nicht wenig, bewegte sich aber hauptsächlich im 150-, 100-, ja zuletzt gar im 50-Seiten-Bereich ("Der Spielverderber Mozarts"). Und jetzt das! Auf 776 Seiten legt Köhlmeier sein Opus magnum vor, und damit so richtig geklotzt wird, heißt der Roman auch noch gleich "Abendland".
Es ist das mit Abstand ambitionierteste Buch eines österreichischen Autors, das in diesem noch jungen Jahrhundert erschienen ist, und man muss sogar weit ins vergangene zurückgehen, um auf ein ähnliches Unterfangen zu stoßen. Ehrgeiz ist freilich keine hinreichende Voraussetzung fürs Gelingen, und wer sich die Latte hoch legt, kann noch immer einen halben Meter drunter durchsegeln. Aber, um es gleich vorwegzunehmen: Das passiert hier nicht.
Inhaltsangaben sind der Tod jeder Rezension. Im Falle von "Abendland" würde der bloße Versuch einer solchen aber nicht nur jeden Rahmen sprengen, sondern auch die literarische Leistung des Romans verfehlen. Diese besteht nicht zuletzt darin, dass die gewaltige Stofffülle nicht chronologisch abgespult, sondern in ein dichtes Erzählgeflecht voller Vorgriffe, Rückblenden, Ellipsen und Umwege verwandelt wird, in dem man den roten Faden dennoch nicht verliert. Es ist nicht verwunderlich, dass ein so sehr dem mündlichen Fabulieren verpflichteter Autor wie Köhlmeier diesen Urmodus des Erzählens auch seinem Roman zugrunde gelegt hat. Darin erzählt der hochbetagte Mathematiker Carl Jacob Candoris dem Schriftsteller Sebastian Lukasser (1950 geboren und damit ein Jahr jünger als sein Autor) sein Leben – nicht ohne Kalkül: "Manche Geschichten wollte Carl in präzise kalkulierte Choreographie gebettet sehen. Schon zu Anfang meines Besuches hatte ich vermutet, dass er nicht einfach sein Leben von mir nacherzählen lassen, sondern dass er es inszenieren wollte; dass er sich vorher genau überlegt hatte, in welche Themenkreise er es aufteilen und auch welche Schauplätze als szenischen Hintergrund zu welchen Geschichten er auswählen wollte."
Es stellt sich allerdings die Frage, ob diese Unterscheidung zwischen einer vermeintlich unverstellten Nacherzählung und einer perspektivierenden Inszenierung überhaupt zulässig ist. Das weiß auch der Autor; denn, selbst wenn man Köhlmeier – wofür vieles spricht – für eine Art natural born narrator hält, so ist er dies gewiss nicht im Sinne eines naiven Naturburschentums, dem die Geschichten und Gschichtln nur so aus der Feder fließen. Das Erzählen im Sinne eines auktorialen Verfügens über Lebens- und Weltgeschichte ist ihm so problematisch wie irgendeinem; im Unterschied zu seinen weniger begabten Kollegen hat er es bloß nicht nötig, Defizite in der Imagination durch eine zur Schau gestellte Intellektualität zu camouflieren. Der Widerstand und die Skepsis Sebastian Lukassers gegenüber dem, was ihm sein väterlicher Freund diktiert (in des Wortes ganzer Bedeutung!), bleibt spürbar, ohne dass dies gleich zu eitlen Exkursen über die Fragwürdigkeit aller (Auto-)Biografie führen würde. In einer der schönsten Szenen des Romans wird die Konfrontation zwischen dem Ersatzsohn und dem imaginierten Idealvater geradezu körperlich spürbar: Da verlangt der herrische, nur durch Morphinpflaster schmerzfrei gestellte Greis von dem ohnedies postoperativ geschwächten und mit seiner temporären Inkontinenz kämpfenden Sebastian, im Rollstuhl durch den Schnee an einen unsinnig beschwerlich zu erreichenden Ort geschoben zu werden.
Die Grundkonstruktion von "Abendland" erinnert an Helmut Kraussers im Herbst vorigen Jahres erschienen Roman "Eros". Auch dort werden die wichtigsten Stationen der (deutschen) Kriegs- und Nachkriegsgeschichte in der persönlichen Lebensgeschichte sichtbar, die diesfalls ein schwerreicher Industrieller einem Schriftsteller zu Protokoll gibt. Der Unterschied zu "Eros" besteht aber nicht nur in der weitaus breiteren Zeitspanne, die Köhlmeier wählt und die über die Vorfahren der Protagonisten bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, sondern auch darin, dass dieser zum Exemplarischen und Illustrativen tendierende Ansatz von der reichen, aber kaum je verwirrenden Fülle an Episoden, Schauplätzen und Figuren immer wieder überdeckt, ja nachgerade überwältigt wird.
Man kann darin einen Mangel an erzählerischer Disziplin erblicken, sehr wohl aber auch eine paradoxe ästhetische Souveränität, die gelassen darauf verzichtet, souverän sein zu wollen (der Vorwurf, dass Köhlmeier stilistisch nicht immer auf der Höhe seines erzählerischen Könnens ist, kann mit diesem Einwurf freilich nicht vollständig ausgeräumt werden). Es ist gewiss keine Nachlässigkeit, dass die wichtigsten Stationen des 20. Jahrhunderts nicht mit gleicher Schrittlänge durchmessen werden. Statt mit vorzugsschülerhafter Akribie alles abzuhaken, beweist Köhlmeier Mut zum Episodischen, das sich gegenüber allen Sinnkonstruktionen störrisch behauptet. Die Faszinationskraft linksterroristischen Denkens etwa wird anhand zweier wunderbarer Nebenfiguren – der "Intellektuellen" Dagmar aus dem Schwabenland und dem unterprivilegierten Tatmenschen Chucky aus dem westlichsten Zipfel Österreichs – abgehandelt, die dann auch einigermaßen sang- und klanglos aus dem Roman entlassen werden.
Vieles wird bloß angesprochen und angedacht, vieles an Fakten und Zusammenhängen auf eine Weise rapportiert, die an enzyklopädische Schnellkurse erinnert. Das wirkt mitunter etwas unelegant, hält aber das Bewusstsein dafür aufrecht, dass der Fundus der Realität, aus der sich der Roman bedient, nie auch nur annähernd ausgeschöpft werden kann. Da muss man durch, liest es in den meisten Fällen ohnedies gern. Und man begegnet abseits dieses "Bildungsprogrammes" immer wieder Figuren und Szenen, deren grandioser Eigensinn alles Exemplarische unterläuft.
Da ist Sebastians Vater Georg, das versoffene Wiener Gitarrengenie, das sich vom Schrammelquartett bis in den Olymp des internationalen Jazz spielt, schließlich auch diesem ade sagt, um als Musiklehrer in einem Vorarlberger Kaff an einer hochidiosynkratischen Musik zu basteln, die es bis zu den berüchtigten Darmstädter Ferienkursen bringt. Alleine diese – zum Teil ziemlich komische – Episode wiegt ganze Romane auf. Der Titel von Georg Lukassers erstem Stück "neuer Musik" lautet übrigens: "Ich kann mir genauso gut vorstellen, ich fahr von jetzt an mit dem Bus in die Stadt, weil, was soll ich mich durch das Churertor drücken und dann find ich eh keinen Parkplatz am Marktplatz."
Da ist Sebastians in Liebesdingen zunächst rührend zielstrebige Mutter Agnes, die dem Protagonisten und dem Roman aber dann vorerst verloren und ins Kloster geht; da ist Carls warmherzige und im betrunkenen Zustand erstaunlich derbe Frau Margarida aus Lissabon, die den sexuellen Kontakt zu ihrem ehemaligen Verlobten aus undurchsichtigen Gründen über Jahre aufrechterhält, was ihren Gatten ganz ernsthaft auf Mord sinnen lässt; da sind Franzi und Kuni, Mutter und Tochter, die in verzweifelt zynischer Welt- und Selbstverachtung ineinander verkrallt und zum Doppelselbstmord entschlossen sind; da ist Sebastians etwas undurchschaubare Geliebte Maybelle, Lichtblick in dessen "tintendunklen" amerikanischen Jahren, oder Tadeusz Zukrowski, ein ebenso freundlicher wie irrsinniger Nachbar in der Ödnis von North Dakota. Nicht zu vergessen das versponnene japanische Mathematikgenie oder die heiliggesprochene Philosophin oder …
Die Reihe ließe sich – bis ins dritte Glied an Nebenfiguren – noch schier endlos fortsetzen, bloß wozu? An der Lektüre dieses Romans führt in diesem Herbst ja doch kein Weg vorbei

Klaus Nüchtern in FALTER 33/2007 vom 17.08.2007 (S. 50)


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