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Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.08.2007

Rezension aus FALTER 50/2008

J.M.G. Le Clézio vor und nach dem Fieber

Es gibt nicht einen Jean-Marie Gustave Le Clézio, es gibt deren zwei. Das sollte man als Tatsache anerkennen, bevor man sich über das Werk des südfranzösisch-bretonisch-afrikanisch-indianischen Autors äußert. In der Mitte seines Werdegangs, soweit sich dieser heute überblicken lässt, steht ein Hautwechsel, der einem starken, jahrelang drängenden Bedürfnis, "in eine neue Haut zu schlüpfen", entsprach.
Das Zitat stammt aus dem autobiografischen, in seinen zahllosen Details aber auch sehr erfinderischen Roman "Revolutionen" (2003). Der Held, Jean Marro (man hört den Anklang an den Namen des Autors), vollzieht diesen Wechsel in der Stadt Mexiko. Dies entspricht, wenigstens annähernd, den realen Erfahrungen, die Le Clézio in Mexiko gemacht hatte, vor allem aber beim Stamm der Emberas in einem entlegenen Gebiet Panamas, wo er sich zwischen 1970 und 1974 oft monatelang aufhielt. Das Wort selbst, Hautwechsel, erinnert an einen Roman des Mexikaners Carlos Fuentes, "Cambio de piel" (1967). Eine Anspielung? Jedenfalls ist die Literatur des zweiten Le Clézio dem magischen Realismus Lateinamerikas verwandt, dem Fuentes (gemeinsam mit García Márquez und Vargas Llosa) zuzuzählen ist.

Den Hautwechsel hat Le Clézio nicht ganz plötzlich vollzogen. In dem 1969 erschienenen Roman mit dem programmatischen Titel "Le Livre des fuites" ("Das Buch der Fluchten") stößt man auf folgenden Satz des Ich-Erzählers: "Ich habe meine Welt hinter mir zurückgelassen und noch keine andere gefunden. Das ist das tragische Abenteuer. Ich bin weggegangen, aber noch nicht angekommen."
Die Frage, ob Le Clézio selbst inzwischen irgendwo angekommen sei, lässt sich vorsichtig bejahen: Bei den Emberas und später bei maghrebinischen Wüstenbewohnern hat er das einfache und harmonische Leben als verwirklichtes Ideal menschlicher Gemeinschaft kennen gelernt – eine ganz und gar rousseauistische Erfahrung, vom abendländischen Denken noch in der Verweigerung abendländischen Denkens geprägt.
In Gesprächen mit Gérard de Cortanze meinte Le Clézio, sein Leben bei den Eingeborenen habe ein nichtzerebrales Element in seine Literatur gebracht, also jene atmosphärischen Beschreibungen, die ein magisches Geschehen und mystisches Erleben einzufangen trachten. Zunächst hatte ihn der "mexikanische Traum" – so der Titel einer Essaysammlung – aber für Jahre vom literarischen Schreiben abgebracht.
In den 70er-Jahren veröffentlichte Le Clézio ethnologische Schriften, aber nur wenige Erzählungen (und die waren zum Teil schon älteren Datums). Mit Bezug auf den Mexikoaufenthalt Antonin Artauds, in mancher Hinsicht sein Vorläufer, verlieh Le Clézio seiner Überzeugung von der "absoluten Überlegenheit des Ritus und der Magie gegenüber der Kunst und der Wissenschaft" Ausdruck. Mit westlichen Werten wie Fortschritt, Akkumulation von Reichtümern, Streben nach Wohlstand ist das nicht vereinbar. In manchen Romanen des zweiten Le Clézio wird denn auch das Glück der Armut gepriesen: "Wir waren damals arm in Suss, aber wir waren glücklich zusammen …" Schlichte Sätze dieser Art – Klischees, wie Kritiker meinten – geben die Nomaden im Roman "Wüste" von sich.

Und wo ist der erste Le Clézio geblieben, dieser hochtalentierte, jungenhafte Autor aus Nizza, der schon als Kind ernsthaft zu schreiben begonnen hatte? Schon in seinem Romandebüt "Das Protokoll" (1963) übte der Autor wortgewaltig Zivilisationskritik an der strukturellen und punktuellen Gewalt der Großstädte. Diese blieb freilich insofern ambivalent, als die Anonymität flüchtiger Begegnungen und Wahrnehmungen sowie die Brutalität hinter den hübschen Fassaden jene fiebrigen, mitunter entrückten, mitunter auch verrückten Zustände ermöglichten, die die seltsame Poesie der Werke des ersten Le Clézio freisetzten.
Die Erzählung "Das Fieber" mit ihrer das Innenleben ebenso wie die Außenwelt erfassenden Beschreibung sukzessiver Fieberschübe ist sinnbildlich für die erste Schaffensphase Le Clézios. Der Fieberanfall auf der Straße ist eine moderne und urbane Form dessen, was Goethe und seine Nachfolger den "schönen Augenblick" genannt haben (der in "Faust II" bekanntlich mit dem Tod assoziiert ist). Dabei geht es nicht um Psychologie; die Beschreibungsweise ist – fern vom Nouveau Roman, mit dem Le Clézio nie etwas am Hut hatte – mikroskopisch, sie legt die Fibern der Materie frei: "Gedichte, Erzählungen, was soll's?", schreibt Le Clézio im selbstironischen Vorwort. "Der Stil, es bleibt uns nur noch der Stil, der Stil allein, der nach seinen Wörtern tastet, der bis ins Kleinste und ins Tiefste sucht und beschreibt, nicht lockerlässt, der Wirklichkeit unnachsichtig zu Leibe rückt."
Dieses unsichere Tasten der Sprache, die im Erzählrhythmus eine unruhige Fieberkurve hervorbringt, macht die eigentliche Qualität der Werke des ersten Le Clézio aus. Etwas davon wirkt auch nach dem Hautwechsel fort – sei's im Realismus der Details, sei's im barocken Reichtum der Imagination oder in den Versuchen, magische Momente zu beschreiben. Freilich bewegt sich der längst routiniert gewordene Autor nun in jenem massentauglichen Mainstream, der seinerzeit García Márquez zum Nobelpreis trug. Der "kranke" Le Clézio hat sich aus eigener Kraft und dank der Hilfe einer vormodernen Umgebung "geheilt". Die einst ambivalente Kritik spaltet sich nun auf in die eigentliche Kritik an der städtischen Gewalt (die nun keinerlei positive Seiten mehr aufweist) und die Realutopie des naturnahen Lebens.

Am eindringlichsten und harmonischsten zeigt sich dieser Dualismus in "Wüste" (1980), wo ein von Schrift und Intellekt unverdorbenes Mädchen aus der Sahara vor einem Mann, der lokale Macht und westliche Güter besitzt, in ein Marseille flieht, das sich als wahres Sodom und Gomorrha herausstellt, und wo Lalla, die weibliche Lichtgestalt, für kurze Zeit zum gefragten Fotomodell wird.
In "Die Sintflut" (1966) setzt sich der Held einer geradezu sonnendurchpfählten Umwelt aus, um sich am Ende von den Strahlen blenden zu lassen, also das Augenlicht zu verlieren. Im Lichtexzess sieht er die erstaunlichsten Bilder, die vielleicht die "wahre Welt" darstellen – eine unmenschliche Welt, in der die Menschen nicht verschwunden sind, aber ihre Herrschaftsposition eingebüßt haben.

Beim (Wieder-)Lesen Le Clézios dachte ich mitunter an Rafael Chirbes, der auf meine Bewunderung seines ersten Romans, "Mimoun", fast wegwerfend antwortete, dieser sei das Dokument einer Krankheit – nämlich seiner eigenen. Seinen unkontrollierbaren, fiebrigen Stil hat der spanische Autor später zugunsten wohlproportionierter Romane mit klar gezeichneten Figuren aufgegeben, die die dunklen Winkel der spanischen Geschichte ausleuchten.
Eine solche Entwicklung mag erfreulich und ehrenhaft sein – auch im Falle Le Clézios, der in seiner zweiten Schaffensperiode ebenfalls gern auf historische Fakten Bezug nimmt. Ob in der Literatur allerdings therapeutischer Erfolg mit ästhetischem Wert gleichzusetzen sei, bleibt offen. Könnte es nicht umgekehrt so sein, dass das rückhaltlose, entschieden unvernünftige Unterlaufen sprachlicher, kompositorischer und ethischer Standards zu den stärkeren Ergebnissen führt? Dass also die fiebernden Erzählungen tiefer unter die Haut gehen als gemessene, ausgewogene Berichte über die Suche nach Ursprüngen, zum Beispiel auf dem angeblich unentwegt fiebernden afrikanischen Kontinent?

Ryszard Kapuscinski, Lobo Antunes, Le Clézio – sie alle haben die Afrika-Faszination als Fieber beschrieben, das jemand, der nicht dort war, trotz intensiver Lektüre nur schwer nachempfinden wird. Anstecken lassen kann man sich freilich von jenem Sprachfieber, das auf dem Humus der europäischen Moderne gewachsen ist, Lichtjahre entfernt von den alten, unpersönlichen Berichten der Azteken über die Eroberung ihres Landes, die Le Clézio in "Revolutionen" mit dem gegenwartsnahen Massaker von Tlatelolco (1968) kreuzt.
Die Collagetechnik gehört übrigens zu den Dingen, die der zweite vom ersten Le Clézio geerbt hat. Die Mexikanerin Elena Poniatowska verwendete sie, um kurz nach den Ereignissen die "Nacht von Tlatelolco" zu beschreiben. Sie verwendete dabei dieselben, ursprünglich in der Nahuatl-Sprache formulierten Zeugenberichte, die dann unter dem Titel "La visión de los vencidos" ("Ansichten der Besiegten") herausgegeben wurden.

Leopold Federmair in FALTER 50/2008 vom 12.12.2008 (S. 35)


Rezension aus FALTER 42/2008

Nobelpreis: Das einzige auf Deutsch lieferbare Buch von Jean-Marie gustave Le Clézio

Während Kiepenheuer & Witsch in wenigen Tagen eine Reihe lang vergriffener Titel Le Clézios wieder auflegen wird, ist der bei Hanser erschienene "Afrikaner" momentan das einzige auf Deutsch lieferbare Buch des Literaturnobelpreisträgers 2008. Es handelt sich um eine kleine autobiografische Erzählung, in der die großen Motive und Motivationen sichtbar werden, die sich durch das Werk des 1940 geborenen Autors aus Nizza ziehen: Reisen, Interesse für sogenannte exotische Kulturen und für ein Leben im Einklang mit der Natur.
Le Clézios Vater war 1928 aus Abenteuerlust als Arzt nach ­Afrika gegangen und ist dort bis zu seiner Pensionierung Anfang der 50er-Jahre geblieben. Lange lebten er und seine Frau als die einzigen Weißen in einer abgelegenen Region, die heute das Grenzgebiet zwischen Nigeria und Kamerun bildet. Als sie schwanger wurde, schickte er sie zur Geburt ihres ersten Sohnes 1938 nach Frankreich, bei einem Besuch 1939 wurde Jean-Marie Gustave gezeugt. Der Zweite Weltkrieg machte eine baldige Vereinigung der Familie unmöglich.
Erst 1948 konnte die Mutter mit den Söhnen nach Afrika reisen: "Der Mann, den ich (…) in meinem achten Lebensjahr dort traf, war verbraucht, durch das äquatoriale Klima vorzeitig gealtert, reizbar wegen des Theophyllins, das er einnahm, um sein Asthma zu bekämpfen, verbittert durch die Einsamkeit und darüber, dass er die ganzen Kriegsjahre abgeschnitten vom Rest der Welt gelebt hatte (…)."
Mit "Der Afrikaner" hat Le Clézio seinem Erzeuger ein kleines Denkmal errichtet, ohne ihn im Nachhinein zu beschönigen. Das stellt keine geringe literarische Leistung dar und hat auch seine berührenden Momente. Hier ist ein Schriftsteller zu entdecken, der der deutschsprachigen Leserschaft bis dato weitgehend unbekannt blieb. Ob seine Bedeutung so weit reicht, dass man ihm den Literaturnobelpreis verleihen musste, darüber lässt einen dieser dünne Band freilich im Zweifel zurück.

Sebastian Fasthuber in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 31)


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