Die Zimtläden

von Bruno Schulz

€ 22,10
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Übersetzung: Doreen Daume
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 232 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.03.2008

Rezension aus FALTER 46/2008

Küchenschaben oder Kakerlaken?

Die engen, düsteren Straßen einer anonymen Provinzstadt sind der Schauplatz fast aller Erzählungen von Bruno Schulz. Sie prägten sein Leben und literarisches Schaffen wie sonst nur die Figur des früh verstorbenen Vaters. Schulz mythologisierte seine eigene Biografie. In der "heilen" Kindheit, wie er sie beschrieb, schwingt immer auch etwas Bedrohliches mit: Immer und überall schleichen sich Ungeziefer, Trödel, Abfall in dieses verzerrte Spiegelbild eines privaten Universums ein.
Psychologie lehnte Schulz als "Glaube an das graue Gesetz der Ameise" rundweg ab. Auch mit der Wirklichkeit des historischen Schtetls hat seine opake Sprachgewalt, der das Wort nicht nur Bezeichnendes, sondern immer auch und vor allem Schmuck, musikalische Verzierung ist, kaum etwas gemein.
Viel eher verleiht er dem Erzittern der galizischen Provinz unter dem Schock der Moderne poetisch Ausdruck: "Es ist ein grauer Tag, wie immer in der Gegend, und die ganze Szenerie scheint in manchen Momenten ein Foto aus einer Illustrierten zu sein, so grau und so plan sind die Häuser, die Menschen und die Wagen. Diese Wirklichkeit ist dünn wie Papier, und jeder Spalt verrät, daß sie bloß imitiert ist."
Das künstlerische Werk von Bruno Schulz – geboren 1892 als Sohn eines jüdischen Tuchhändlers in Drohobycz, dem hintersten Winkel jener lange untergegangenen Welt, die bei Musil Kakanien, bei Herzmanovsky-Orlando Tarockanien hieß, 1942 ebendort bei einer Vendetta unter rivialisierenden SS-Leuten auf offener Straße erschossen – ist schmal geblieben.

Vieles wurde nie vollendet, das meiste ging im Krieg verloren. Von seinem bildnerischen Werk sind rund 300 Blatt, vor allem Grafiken, überliefert. Sein literarisches Vermächtnis beschränkt sich im Wesentlichen auf jene 28 Erzählungen, die in zwei Bänden bereits zu Lebzeiten veröffentlicht wurden: "Die Zimtläden" (1933) und "Das Sanatorium zur Todesanzeige" (1937).
In einem 1937 auf der Suche nach einem ausländischen Verlag verfassten Exposé beschrieb Schulz seine Arbeit an "Die Zimtläden" wie folgt: "In diesem Buche wird der Versuch unternommen, die Geschichte einer Familie, eines Provinzhauses nicht aus ihren realen Elementen, aus Begebenheiten, Charakteren und den wirklichen Geschicken heraus zu begreifen, sondern über diese hinaus nach einem mythischen Gehalt, nach einem letzten Sinn jener Geschichte zu suchen."
Allerdings kam das Buch aus dem Polnischen so wenig heraus wie sein Autor aus Drohobycz. Es dauerte bis in die 50er-Jahre, dass Bruno Schulz zum ersten Mal übersetzt wurde. Heute gelten seine Werke als Weltliteratur, liegen in 26 Sprachen vor.
Im deutschen Sprachraum macht sich der Carl Hanser Verlag seit vielen Jahren um Bruno Schulz' literarisches Schaffen verdient. 1961 erschienen beide Bücher in einer Übersetzung von Josef Hahn, 1992, zum 100. Geburtstag des Autors, wurden sie, in leicht bearbeiteter Form, wiederaufgelegt. Nun hat der Verlag, abgesehen von Jerzy Ficowskis biografischer Skizze "Bruno Schulz, 1892–1942. Ein Künstlerleben in Galizien", auch "Die Zimtläden" erneut herausgebracht – in einer mustergültigen Neuübersetzung von Doreen Daume.
Der neuen Übersetzung ist es nicht allein um korrekten Wortsinn, sondern wohl in gleichem Maße um lautmalerische Treffsicherheit zu tun. So im Fall der durch das ganze Buch wimmelnden Schädlinge, polnisch: Karakony, deutsch: Schaben.
Die alte Übersetzung bemühte die "Küchenschabe" ("Auf der Straße dunkelten einige Droschken, abgefahren und zerklappert wie krüppelhafte, vor sich hin dösende Krabben oder Küchenschaben"), die aktuelle nähert sich mit "Kakerlake" dem Original deutlich an ("Einige Droschken, schwärzer als schwarz, desolat und klapprig wie verkrüppelte, schlummernde Krabben oder Kakerlaken, standen auf der Straße").
Doch anstatt auf rein poetische Überformung zu setzen ("Mein Vater verfiel allmählich, welkte in den Augen"), gelingt ihr zudem das Kunststück, auch größere Klarheit zu schaffen ("Mein Vater schwand langsam dahin, er welkte vor unseren Augen").
Schulz' bilderreiche Sprache ist einem vertrackten, in sich verkanteten Surrea­lismus verpflichtet, dessen Spätfolgen man heute eventuell in den Filmen von Michel Gondry oder bei Matthew Barney finden mag. Mitunter hat es den Anschein, als würden dabei selbst die Worte ihren "Aggregatzustand" ändern. "Ein goldenes Stoppelfeld brüllt in der Sonne wie eine rote Heuschrecke, im prasselnden Feuerregen kreischen Grillen, Samenschoten explodieren leise wie Heupferdchen", beschreibt Schulz die Hitze eines Augusttages.
Überhaupt wuchert in diesem Imperium der kindlichen Finsternis manch Unerklärliches vor sich hin. "Die Wohnung hatte keine bestimmte Anzahl von Zimmern", und der Vater durchläuft Metamorphosen am laufenden Band: Gleicht einem struppigen Fuchs, bewegt sich wie eine Katze, verwandelt sich in eine Kakerlake – bis es schließlich lapidar heißt: "Wir vergaßen ihn."

Das letzte Mal sorgte Bruno Schulz vor sieben Jahren für Schlagzeilen. Anfang 2001 machte ein deutsches Filmteam in Drohobycz, seiner heute zur Ukraine gehörenden Heimatstadt, eine sensationelle Entdeckung. In einer Villa kamen unter dem Verputz mehrere Wandmalereien zum Vorschein, die Schulz um 1941 für die Kinder des SS-Offiziers Felix Landau angefertigt hatte. Sie zeigten eine Prinzessin und einen König, Reiter und Tänzer, Pferdedroschken und Zwerge, ein Ungeheuer.
Eine Expertenrunde wurde einberufen. Noch ehe diese über das weitere Vorgehen hätte entscheiden können, bemächtigten sich Mitarbeiter der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem – mit "Genehmigung" lokaler Behörden – der Malereien, stemmten Teile davon aus der Wand und flogen die Bruchstücke nach Jerusalem aus. Eine nicht ganz alltägliche Form von Restitution.

Michael Omasta in FALTER 46/2008 vom 14.11.2008 (S. 31)


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