Tiefer als der Tag gedacht
Eine Kulturgeschichte der Nacht

von Elisabeth Bronfen

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.02.2008

Rezension aus FALTER 11/2008

Es werde Nacht

Nach zehn Jahren als Einsiedler in einer Gebirgshöhle steigt Zarathustra bei Morgenröte empor. Noch vor den ersten wärmenden Sonnenstrahlen beschließt er, seine Lehre zu den Unwissenden ins Tal zu tragen. In der Dunkelheit hat der Weise seine Erkenntnisse gewonnen; sie sollen nun die anderen erhellen. "Die Welt ist tief –: und tiefer als je der Tag gedacht hat", schreibt Friedrich Nietzsche in "Also sprach Zarathustra". Für ihn geht allen Worten etwas Dunkles voran, eine Urnacht, die der Sprache nur als Fluchtpunkt dienen kann. Nietzsche begreift das Wechselspiel von Offenbaren und Verbergen als Grundlage philosophischen Denkens. Mit dem Titel ihres neuen Buches "Tiefer als der Tag gedacht. Eine Kulturgeschichte der Nacht" bezieht sich Elisabeth Bronfen auf den Philosophen, den das Verhältnis zwischen einer dunklen und einer hellen Seite der Vernunft stets beschäftigt hat.
"Die Grenzbereiche des Bewusstseins, die Traumwelten, Halluzinationen und Verwirrungen" würden sie besonders interessieren, hat die 1958 in München geborene Literaturwissenschaftlerin in einem Interview bekannt. Bronfen geht in ihren Studien den ästhetischen Ausformungen von Archetypen nach, denen sie mit Psychoanalyse und Gender-Theory auf den Leib rückt. In früheren Büchern hat sie sich mit der Männerfantasie der schönen weiblichen Leiche oder der bewunderten Diva auseinandergesetzt. Auch ihre Studie über die Nacht widmet sich Allegorien einer Tageszeit, die vor allem weiblicher Gestalt sind. An der Arbeitsweise der Anglistikprofessorin in Zürich fasziniert ihr müheloser Wechsel im Beackern so unterschiedlicher kultureller Felder wie Film, Oper, Pop oder Philosophie. Ihre Publikationen wurden im Vorjahr von der New York University mit dem Lehrstuhl Global Distinguished Professor gewürdigt.
Man möchte meinen, dass die Denkfigur der Nacht längst erforscht wäre, aber vermutlich schreckten sich andere Autoren vor dem Umfang eines solchen Themas. Weitgehend chronologisch schreitet Bronfen von antiker Mythologie und Altem Testament über die Philosophen der Aufklärung und Dichter der Romantik bis zu nächtlichen Reisen im Film noir und der Literatur des 20. Jahrhunderts voran. Persönlich und berührend setzt die Autorin mit Erinnerungen an ihre kürzlich verstorbene Mutter ein. Sie sei ihre "erste Königin der Nacht" gewesen. Als Nachtschwärmerin hatte die Mama zwar selten Zeit für Gutenachtgeschichten, aber sie vermittelte ihren Kindern dafür das Flair des Aufbleibens. Auch später sei es in Mutters nächtlicher Präsenz noch besonders schön gewesen, "ungehemmt alles aussprechen zu dürfen".
Von diesem Einstieg schafft das Buch einen gelungenen Übergang zu Mozarts "Zauberflöte", in der der Kampf zwischen nächtlicher Regentin und Sarastro, dem Herrscher des Tages, stellvertretend für das Programm der Aufklärung steht. Es kann nur einen geben: Schikaneders Libretto hat vordergründig die Entzauberung der abergläubischen Welt durch die Vernunft zum Ziel. Bronfen legt jedoch überzeugend dar, dass die nächtliche Macht lediglich durch einen "solaren, patriarchalen Mythos" ersetzt wird, der ebenso viel Unterwerfung wie die besitzergreifende Königin fordert. Mozarts Beispiel macht den Auftakt zu dem zentralen Topos "Dialektik der Aufklärung", jener ambivalenten Beziehung von Vernunft und Irrationalität, Gut und Böse, die quer durch die westliche Kulturgeschichte anhand der Denkfiguren von Tag und Nacht untersucht wird.
Laut Hesiod entsprang Nyx, die griechische Göttin der Nacht, dem Chaos. Aus dem Nichts geboren, brachte sie die Zwillinge Hypnos, den Gott des Schlafes, und den Todesgott Thanatos hervor. Auch Jesus kommt in der Dunkelheit auf die Welt, seine Mutter Maria wird oft auf einer Mondsichel und von Sternen umkränzt dargestellt. Die Nachtseite des Schöpfers offenbart sich jedoch am deutlichsten in Luzifer. Der gefallene Engel sucht Adam und Eva im Paradies heim und bringt so das Leid in die Welt. "Nur vor dem Hintergrund einer moralischen Verfinsterung strahlt Gottes Licht mit voller Kraft", schreibt Bronfen zur Dämonisierung der Nacht, die als Zeit des Aufbegehrens und der Transgression moralisch bedenklich wird. Lange als Ort des Verdrängten gefürchtet, streichen erst die Romantiker die tröstliche Dimension der mütterlichen Nacht hervor. In Novalis' "Hymnen an die Nacht" kommt Erkenntnis nicht wie bei Platon durch das blendende Tageslicht zustande, sondern über eine Rückkehr zu einem nocturnen Ursprung.
Anhand der Nacht gelingt es Bronfen auch, Aufklärungskonzepte von Descartes, Kant, Hegel oder Heidegger pointiert darzustellen. Es liegt auf der Hand, dass sich mehrere Buchpassagen Freuds Erkundungen des Unbewussten und der nächtlichen Produktivität im Traum widmen. Bronfen zeigt, wie sich der Psychoanalytiker mit der Annahme einer "Urverdrängung" wiederum der antiken Vorstellung eines ursprünglichen Nichts annäherte. Der Todestrieb Thanatos, den Freud annahm, strebt zurück in diesen dunklen Ursprung.
Literarische Analysen bilden das Herzstück des gelehrten Buches, auch wenn Kapitel über die Nacht in der Kunst und über den Film noir ebenso sorgsam ausgearbeitet sind. Bei Bronfen reichen sich Edgar Allen Poes "Mann der Masse" und Scorseses "Taxi Driver" die Hand, Nachtwandler von Shakespeare bis Schnitzler durchleben amouröse Verwirrungen und auch "Schauergeschichten" gehören ins Blickfeld der Studie. Zu langatmig fallen hingegen die "rites de passage" aus, die Bronfen mit Celine oder Edith Wharton referiert. Im Epilog zu Virginia Woolf steht schließlich die Tätigkeit im Mittelpunkt, für die die Schlafenszeit seit jeher prädestiniert war: Mit Betrachtungen über das Schreiben, das Woolf als Zauberkraft im Kampf gegen die Todesangst und -sehnsucht benützte, schließt.

Nicole Scheyerer in FALTER 11/2008 vom 14.03.2008 (S. 45)


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