Homers Heimat
Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe

von Raoul Schrott

€ 25,60
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft/Klassische Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft
Umfang: 432 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.03.2008

Rezension aus FALTER 4/2009

Als Zeus mit Hera bumste

Von Homer wissen wir nichts", schreibt Raoul Schrott im ausführlichen Vorwort zu seiner Übertragung der "Ilias" – ein alles andere als unkokettes Statement, hat Schrott doch im Frühjahr mit seinem Buch "Homers Heimat" den sehr dezidierten Anspruch erhoben, diese Wissenslücke zu schließen. Seiner These, es handle sich beim Schöpfer der "Ilias" und der "Odyssee" um einen keilschriftkundigen assyrischen Schreiber und Eunuchen aus dem (heute türkischen) Karatepe, ist zwar niemand gefolgt, aber im deutschen Feuilleton sorgte sie für gehöriges Blätterrauschen.

Ein medialer Coup, kein Zweifel – so geschickt inszeniert, dass ein Rezensent sarkastisch anmerkte, es empfehle sich, allen künftigen Goethe-Exegesen die These vorauszuschicken, dieser stamme nicht aus Frankfurt, sondern aus Offenbach. Nun hat Schrott das eigentliche Hauptprojekt nachgeschoben: eine Neuübersetzung der "Ilias".
Auf den Hexameter, dessen Transfer ins Deutsche "das schwebende Klangereignis" des Originals nicht annähernd wiederzugeben vermöge, verzichtet er ebenso beherzt wie auf alle Versuche einer "das Wörtliche liebenden" Übersetzung. An ihre Stelle tritt der Anspruch, "die Art, wie etwas von Homer formuliert wurde", durch das zu ersetzen, "was er sagt und wie er es meint".
Dass Schrotts "Ilias" anders klingt als Johann Heinrich Voß' Übersetzung von 1781 oder diejenige, die der Altphilologe Wolfgang Schadewaldt 1974 knapp vor seinem Tod fertigstellen konnte, erschließt sich schon im ersten Vers, in dem nun nicht mehr vom "Zorn", sondern "von der bitternis" des Achilleus gesungen wird. Vom "heutigen Duktus", den Schrott der "Ilias" verleihen möchte, ist das einigermaßen weit entfernt, weswegen schon in der zweiten Zeile der "groll" nachgereicht werden muss, wohingegen die beiden älteren Übersetzungen mit dem auch heute noch tadellos verständlichen "Zorn" aus dem ersten Vers ihr Auslangen finden.
Die konsequente Kleinschreibung, die Akzentuierung der Namen (achilléus, pátroklos) oder die völlig erratische Zeichensetzung sind Manierismen, die den Anspruch auf radikale Neuheit schon auf den ersten Blick suggerieren. Beim Idiom setzt Schrott auf forcierte Drastik: Beschimpfungen finden sich auch in der "Ilias" sonder Zahl, in erotischen Belangen war diese aber, wie Peter Mauritsch im Kommentar anmerkt, "für ihre Dezenz bekannt": keine Rede also davon, dass Hera mit Zeus "bumst" oder sich Paris und Helena "liebten daß die bettpfosten wackelten". Wer also wissen will, was Homer tatsächlich geschrieben hat, soll sich an die Fußnoten halten, in denen Mauritsch die vorsätzlichen und unfreiwilligen Schnitzer des Übersetzers mit dezenter Ironie kommentiert.
Er könne kein Griechisch und übersetze wie eine Wildsau, hat Wendelin Schmidt-Dengler über Schrott einmal angemerkt. Ersteres vermag ich nicht zu beurteilen, Letzteres ist evident; wobei angesichts des Deutsch, in dem hier dem Homer hinterhergedichtet wird, mitunter selbst einer Wildsau die Grausbirnen aufsteigen würden.
Dass er auch anders könnte, lässt Schrott in einigen Passagen aufblitzen, hat sich generell aber leider dafür entschieden, es stattdessen mal richtig krachen zu lassen. Kein Wortspiel ist ihm zu kindisch ("hochherrscherlicher argeier, du habgierigster geier"), kein Witzchen zu doof: "himmelherrgott", flucht Zeus; "wollt ihr den totalen krieg?", fragt Hektor; "ich bin der größte", prahlt Epeios vor dem Boxkampf.
Achill, der Agamemnon als "etappenhengst" beschimpft, wirft diesem in einer ansonsten um Austriazismen nicht verlegenen Übertragung – "zornbinkel", "angetrenzt", "wurscht", "ausgschamtes luder" (als Alternative, die man auch in Kiel und Kassel versteht, wird später "berechnende schlampe" angeboten) – den Trophäenraub gegenüber jenen vor, "die gegen dich motzen". Drei Verse später stolpert man über das zuletzt circa im Sturm und Drang gebräuchliche Wort "hundsfötterei".

Es hinken die Vergleiche, es krachen die Katachresen. Viele Bilder sind schief (Odysseus etwa versucht "öl auf die sturmwogen zu gießen"; Nestor fordert die Archai­er sarkastisch auf: "schmeißt doch gleich jede taktik und strategie ins feuer"), manches ist nicht einmal deutsch: "gleich auf den ersten blick überkam ihn wieder das verlangen auf sie."
So selbstbewusst Schrott in seiner sprachlichen Saloppheit ist, so betulich ist er in realienkundlichen Details: Auf den "krampenverklammten, ganze 22 ellen langen spieß" mag er dann doch ebenso wenig verzichten wie auf die "mit menning eingefärbelte richtschnur" (ein Detail, das bei Voß und Schadewaldt fehlt).
Die Homer'schen Helden sind fast allesamt auch Maulhelden. Insofern hat sich Schrott von ihnen was abgeschaut. Den Anspruch, sie zu neuem Leben zu erwecken, hat er freilich gleich um mehrere Speerlängen verfehlt; nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Aktualisierungsbemühungen. Bei Homer sind Achilleus & Co aus guten Gründen in die Distanz versunkener, größerer Zeiten gerückt. Schrott hingegen will sie – halbherzig und patschert – in die Gegenwart holen und opfert diesem fragwürdigen Unterfangen den Anspruch auf ästhetische Kohärenz oder, zeitgemäß formuliert, auf einen "eigenen Sound".
So weiß der Leser weniger denn zuvor, was ihn das Schicksal all dieser infantilen Gottheiten und narzisstischen Scheißkerle heute noch angeht und warum die "Ilias", diese Abfolge stereotyper Schlachtenszenen, elendslanger Schiffskataloge und Schildbeschreibungen "den zentralsten Text unserer Literatur" darstellen soll, wie der Klappentext superlativisch anmerkt.

Klaus Nüchtern in FALTER 4/2009 vom 23.01.2009 (S. 32)


Rezension aus FALTER 39/2008

Unser Homer

Seit nun fast einem Jahr versuche ich Lorenz Gallmetzer davon zu überzeugen, dass "Homer" ein Thema für den "Club 2" sei. Lorenz Gallmetzer ist Journalist, einer der besten, die wir haben; und ich habe ihn im Verdacht, er hält mich für einen Träumer (wäre er ein Amerikaner von der Westküste – von dort, wo die Filme gemacht werden –, er würde mich unter müden Augenlidern betrachten und meine Ausführungen respektvoll "European-like" nennen, was frei, aber intensionsgerecht übersetzt ungefähr so viel heißt wie: untauglich für die Leute).
Lieber Lorenz, soeben hat mein Kollege Raoul Schrott eine neue Übersetzung der "Ilias" vorgelegt. Ich halte das für eine Sensation – in zweierlei Hinsicht. Erstens wagt sich seit Johann Heinrich Voss endlich wieder einmal ein Poet an dieses Werk (dass Raoul Schrott ein Österreicher ist, spielt dabei keine Rolle – Homer ist schließlich der europäischste aller Dichter). Zweitens – das überwältigende Interesse im Voraus belegt das – wird mit dieser neuen Nachdichtung an Europas Stolz erinnert. Da zucken wir zusammen, ich weiß. Der Zusammenschluss Europas, soweit er über wirtschaftliche Interessen hinaus motiviert ist, hat sich in der Vergangenheit nicht über Begriffe wie Stolz, sondern primär negativ motiviert; das heißt: Wir wollen, dass nie wieder geschieht, was zu solchem zivilisatorischen Kataklysmus führte, wie er unser 20. Jahrhundert unter allen vorangegangenen Jahrhunderten auszeichnet. Soll Europa nicht nur ein Reparaturgedanke bleiben und als solcher vom Boulevard, von revanchistischen Populisten und vom Pöbel verspottet werden, müssen die Europäer innewerden, wofür es sich lohnt, Europäer zu sein.
Die Einstellung der Europäer zu Europa ist inzwischen besorgniserregend, diese Einschätzung teilen wir. Viele Menschen bemängeln, dass sich ein Gebilde, das einmal Heimat werden sollte, nur als eine Maschine zur Geldvermehrung (für die, die ohnehin genug haben) geriert. Im Gegensatz zu Amerika (USA), das seine Identität größtenteils aus einer imaginierten Zukunft bezieht – das war von Anfang an so –, ist der europäische Gedanke doch in erster Linie ein Produkt des Erinnerns. Darin liegt auch der Grund, warum viele Amerikaner respektvoll die Nase rümpfen, wenn sie das Wort Europa hören. Wir können es uns aber nicht aussuchen, und warum sollte eine Vergangenheit zu haben weniger sein, als von einer Zukunft zu träumen?
Wir beide – du, ein Journalist, ich, ein Schriftsteller – wissen, dass die Welt ist, was man von ihr erzählt; du tust es auf deine Weise, ich auf meine. Wir können uns der Vergangenheit nicht anders annähern als erzählend. Ich bin ja der Meinung, dass erzählen aneignen bedeutet. Wie wir Abendländer erzählen, wurde von Homer geprägt. Auch wenn die Amerikaner ihre Zukunft antizipieren, nehmen sie an Homer Maß; und wenn sie sich von ihren Katastrophen erzählen, wie zum Beispiel vom Bürgerkrieg, dann blicken auch sie gelegentlich in den fernen Spiegel des antiken Mythos (siehe: "Trauer muss Elektra tragen" von Eugene O'Neill). Seit Homer erzählen wir, wie wir erzählen. Mit Homer spaltete sich das Narrativum in Literatur auf der einen und Geschichtswissenschaft beziehungsweise Journalismus auf der anderen Seite.
Nachdem mich der Falter schon vor längerer Zeit gebeten hat, über Homer zu ­schreiben, will ich dies in Form eines Werbebriefes tun, der dich, Lorenz, überzeugen soll, doch einen "Club 2" über Homer stattfinden zu lassen.

In den Epen vor Homer, die uns nur in Bruchstücken überliefert sind, werden geschichtliche Ereignisse wiedergegeben, wie sie mündlich über Generationen erzählt wurden. Natürlich werden diese Ereignisse von Personen getragen, aber diese Personen interessierten den Erzähler und seine Zuhörer nur insoweit, als sie eben Träger der Ereignisse waren. In dem verlorenen (im Einzelnen aber rekonstruierbaren) Epos über den Untergang der Stadt Theben gibt es keine auf einen Helden zugespitzte Hierarchie der handelnden Personen. Wir erfahren von den sieben Männern, die gegen die Stadt anrannten und scheiterten, und wir erfahren von den Söhnen derselben, den Epigonen (Nachgeborenen), die schließlich die Stadt zerstörten. Keine dieser Personen rührt uns, mit keiner bangen wir mit, keine schließen wir ins Herz. Es ist zweifelhaft, ob man von diesen Helden überhaupt als Personen sprechen kann; sie sind Funktionen innerhalb eines Mechanismus, den wir Geschichte nennen und der sich in alter Zeit als Mythos präsentierte. Individuen im homerischen Sinn – und in unserem Sinn – gab es nicht, jedenfalls nicht in der Erzählung. Wer auch immer der Autor dieser Gedichte gewesen sein mag, es lag nicht in seiner Absicht, unsere Gefühle aufzurufen und zu lenken. Er wollte die Geschichte einer Stadt erzählen, Aufstieg und Fall; ihre Verteidiger ebenso wie ihre Zerstörer dienten ihm als Vehikel. Die Welt der Dinge war ihm nicht weniger wichtig als die Welt der Menschen. Er hat zwischen diesen beiden Welten nicht unterschieden, von Belebtem zu Unbelebtem war für ihn nur ein gradueller Unterschied. Es war eine Welt, die uns heute nur als eine magische vorstellbar ist, in der ein Mann nicht mehr Ausstrahlung besitzt als ein Pferd und ein Hain unter Umständen mehr Lebensrecht genießt als eine ganze Familie, in der Frauen sich in weinende Steine verwandeln und Krieger mit Ross und Wagen von der Erde verschluckt werden.
Auch Homer erzählt in seinem ersten Epos von einem geschichtlichen Ereignis, nämlich von der Zerstörung der Stadt Troja. Aber die Historie bildet lediglich den Hintergrund, vor dem die Figuren ihr Leben, ihren Charakter ausbreiten. Hunderte Namen werden in der "Ilias" genannt – selten einer, zu dem Homer nicht eine Beschreibung seines Äußeren, seines Charakters, seiner Abstammung, seiner Fähigkeiten mitliefert –, aber schon in den ersten Zeilen des Gedichtes, im sogenannten Prooimion, wird klar, dass hier in Wahrheit die Geschichte eines Mannes erzählt wird, die Geschichte von Achilleus, der auf der Seite der Griechen kämpfte, damit der trojanische Prinz Paris seine Geliebte, Helena, die Königin von Lakedaimon, an ihren Gatten Menelaos zurückgibt.
"Singe, Göttin, den Zorn des Peleiaden Achilleus ..."
So beginnt die "Ilias". Die Göttin, zu der hier gebetet wird, damit sie durch den Mund des Sängers (die Hand des Schreibers) die Geschichte kundtue, ist die Muse Kalliope, die "Schönstimmige", die unter ihren Schwestern für die epische Dichtung zuständig ist. Achilleus wird der Peleiade genannt, weil sein Vater Peleus hieß. "(...) des Peleiaden Achilleus, / Der zum Verhängnis unendliche Leiden schuf den Achaiern / Und die Seelen so vieler gewaltiger Helden zum Hades / Sandte (...)"
Mit diesen wenigen Worten ist der Inhalt des gewaltigen folgenden Werks umrissen.
Im Vergleich dazu der Beginn der sogenannten "Kleinen Ilias", einem Langgedicht, dessen Verfasser unbekannt ist und in dem wir von den Ereignissen nach dem Tod des Achill bis zu der Geschichte vom hölzernen Pferd erfahren (in der "Ilias" des Homer steht darüber kein Wort): "Ilios besing ich und das Land der Dardaner mit den guten Fohlen / Um das die Danaer viel Leid erlitten, die Ares Diener ..." Ilios ist ein anderer Name für Troja; die Dardaner sind die Trojaner und die Danaer (oder Achaier) die Griechen; Ares ist der Gott des Krieges. Ähnlich wie die vorhomerischen Sänger will der Dichter der "Kleinen Ilias" also von einer Stadt erzählen, vom menschlich Allgemeinen, nicht von einer Person, dem Besonderen.

Erst mit Homer wird das Individuum zur geschichtsmächtigen Kraft erhoben. Damit teilt sich der Erzählstrom in story und history. Die ältere Tradition etabliert sich als Wissenschaft von der Geschichte, beginnend mit Herodot, oder nimmt eine dokumentarisch-journalistische Form an, am Beginn dieser Entwicklung steht der unbestechliche Thukydides. Eine scharfe Trennungslinie zwischen diesen beiden Traditionen zu ziehen wäre freilich wenig erkenntnisfördernd. Von den allegorischen Erzählungen des Mittelalters, die das Individuum auslöschten, indem sie es ins Sakrale hoben, bis zum Naturalismus des 19. Jahrhunderts (zum Beispiel bei Emile Zola, der in seinen Romanen den Dingen nicht weniger Gewicht zugesteht als den Menschen), bis hin zum Surrealismus und James Joyce, der, paradoxerweise Homer paraphrasierend, zum großen Sänger der Dingwelt wurde (wie ich meine, auf Kosten der Charakterisierung der Personen, die an keiner Stelle ein eigenes Dasein behaupten, das den Leser das Wollen des Autors vergessen lässt), reichen die Beispiele der Überschneidungen dieser beiden Erzählmethoden. Wenn wir "Manhattan Transfer" von John Dos Passos lesen, so begegnen wir einem Roman, der an die Erzähltradition anknüpft, die durch Homer und seine beiden Epen durchbrochen worden war; in Dos Passos' Epos ist der Held wieder eine Stadt, New York, ähnlich wie Troja in der "Kleinen Ilias" oder wie in den vorhomerischen Gesängen, Epen und Erzählungen Theben, Iolkos oder Kolchis.
Homer hat mit seinen beiden Epen bis heute die Vorstellung geformt, die wir uns in Europa und überall dort, wohin wir Europa ausgesät haben, vom Erzählen machen. Erzählt wird, wie Homer erzählt hat. Die homerische Dramaturgie finden wir in der Poetik des Aristoteles genauso wie in amerikanischen TV-Vorabendserien. Wenn wir uns unser Leben erzählen, dann in den allermeisten Fällen nach Art und Weise des Homer.
Ich will mich nicht auf die Debatte einlassen, ob die "Ilias" und die "Odyssee" von einem oder von verschiedenen Autoren verfasst worden sind, und schon gar nicht erörtern, ob an jedem einzelnen Gedicht verschiedene Dichter gearbeitet haben (noch am Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Wissenschaftler, die der Meinung waren, bis zu 20 verschiedene Dichter seien an der "Odyssee" beteiligt gewesen), deren Ergüsse dann von einem oder mehreren Redaktoren in die uns heute bekannte Form gebracht wurden. Der Einfachheit halber, und weil eine Frage, die nicht beantwortet werden kann, keine Frage mehr ist, sondern nur noch unfruchtbares Spekulieren, gehe ich davon aus, dass die beiden Epen von einem Dichter verfasst worden sind. Auch wenn derselbe nur ein Gedankenkonstrukt ist, kann das die Auslegung des Werks im Grunde nicht tangieren.
Zum ersten Mal – tatsächlich zum ersten Mal! – treten also in der Erzählung Individuen auf. Den Einwand, dass wir im "Gilgamesch"-Epos im Titelhelden und seinem Freund Enkidu ebenfalls Individuen begegneten, lasse ich nicht gelten: Erstens ist Gilgamesch zu zwei Dritteln ein Gott, und zweitens ist die Geschichte der beiden in einem religiösen Sinn exemplarisch, sodass der individuelle Anteil sich eigentlich nur auf die Namen stützen kann. In der "Ilias" hingegen begegnet uns der Held in der Handlung, und zwar ausschließlich in der Handlung. Auch die anderen Figuren neben Achilleus – Agamemnon, Menelaos, der telamonische Aias und der lokrische Aias, Diomedes, Hektor oder Priamos – offenbaren ihren Charakter in dem, was sie tun. Reflexionen spielen nur insofern eine Rolle, als sie eine Handlung ankündigen, niemals als innere Beratschlagung, ob zu handeln sei oder nicht (wie zum Beispiel in "Hamlet"). Der Mensch in Untätigkeit, nachdenkend, betrachtend, ist nicht existent; als würde ein Ruhender in die Namenlosigkeit zurücksinken. Der Schlaf gilt nur dann, wenn in ihm geträumt wird, der Traum gilt nur dann, wenn in ihm – meist göttliche – Anweisung zum Handeln erteilt wird.

"Ich handle, also bin ich" könnte als Motto über dem Heldenleben der "Ilias" stehen. Das "Erkenne dich selbst", das in Delphi über dem Tempel des Apoll prangte, ist der Welt der "Ilias" fremd. Der erkennende Mensch, der Mensch in Kontemplation, der seine Gedanken auf sich selbst richtet und in diesem Moment nicht handelt, wird im Drama der Ereignisse nicht mehr wahrgenommen.
In der "Ilias" beschreibt Homer zwar nur einen kleinen Zeitausschnitt des zehn Jahre dauernden Krieges, in dem kunstvollen Geflecht aus Rückblicken aber entfaltet sich das Panorama des Krieges in seiner vollen Farbigkeit – übrigens bei immer gleich schönem Wetter. Die Frage von Ernest Hemingway – eine der klügsten Fragen, die je an die Literatur gestellt wurde – nämlich, was eigentlich bei einer Handlung geschehe, wird in der "Ilias" mit einer Präzision beantwortet, wie sie in der Literaturgeschichte nicht ihresgleichen hat. Dies nämlich geschieht: Der Mensch wird Individuum dadurch, dass er handelt. Nur wer handelt, kann "ich" sagen. Nur in der Handlung wird das Ich mit Sinn erfüllt. Wer leidet, hat durch sein Handeln das Leid auf sich gezogen. Den passiv Leidenden kennt die "Ilias" nicht. So gesehen führt uns die "Ilias" eine Mechanik der Menschwerdung als Individuum vor – und darüber hinaus eine Weltwerdung, denn im Gegensatz zu den Erzählungen und Liedern vor Homer findet die Welt erst über die Individuation des Menschen zu ihrer Existenz. Welt unabhängig vom Menschen existiert nicht länger.
Siehe: Agamemnon, der Heerführer, ist eifersüchtig auf die Kraft und den Glanz des ihm in diesem Krieg unterstellten Achilleus. Er nimmt ihm, um ihn zu demütigen, seine Lieblingssklavin weg. Achilleus tobt vor Zorn. Hier beginnt die Geschichte, die Geschichte dieses Zorns und seiner Folgen wird erzählt. Achilleus und die Seinen nehmen aus Protest nicht mehr an den Kämpfen teil. Das Kriegsglück wendet sich gegen die Griechen. Schließlich erlaubt Achilleus seinem Freund Patroklos in seiner Rüstung gegen die Trojaner zu kämpfen. Patroklos wird von Hektor, dem Anführer der Trojaner, erschlagen. Achilleus' Zorn wandelt sich in Schmerz. Er nimmt wieder an den Kämpfen teil. Es kommt zum Zweikampf gegen Hektor. Achilleus tötet Hektor. – Die Handlung ist an jeder Stelle zweifellos.
Hemingways berühmte Frage aber setzt den Zweifel voraus. Der Mensch erfährt sein Ich auch oder gerade in der Kontemplation, auch oder gerade, wenn die Handlung unterbricht oder gar abbricht. Nur als Nichthandelnder stellt sich mir die Frage, was eine Handlung sei. Hemingway konnte seine Frage erst formulieren, nachdem Helden aufgetreten waren, die entweder selbst gar nicht am Tun beteiligt waren oder aber deren Leiden in keiner eigenen Handlung eine Ursache fand.

Auch für diese Art von Helden liefert Homer den Prototyp – nämlich in der "Odyssee". In der "Odyssee" ist das Prinzip, dass der Mensch nur als Handelnder in der Geschichte sichtbar wird, brüchig geworden; ja, manchmal scheint es, als ob dieses Werk geschrieben worden wäre, um dieses Erzählprinzip zu widerlegen.
Der Aufbau der "Odyssee" ist um ein Vielfaches komplizierter als der Aufbau der "Ilias". Das aber kann nur heißen, dass die Charaktere, aus deren Interaktion sich die Erzählung entwickelt, komplexer sind; so komplex, dass sie nicht mehr allein aus einem Ursache-Wirkung-Handlungszusammenhang erklärt werden können. Auch die Charaktere der Götter sind komplexer geworden – der Charakter einer Gottheit jedenfalls. Während in der "Ilias" noch der ganze Götterhimmel in seiner bisweilen komischen Pracht geschildert wird – die Götter kämpfen vor Troja ebenso wie die Menschen –, verkommt der Olymp in der "Odyssee" zur Folklore.
In Wahrheit herrscht in der "Odyssee" ein merkwürdiger Eingottglaube, denn für unseren Helden Odysseus gibt es nur eine Gottheit, nämlich Pallas Athene. Pallas Athene aber erscheint – wie ihr Schützling – als eine private Person, die man sich eher olivenessend und weintrinkend vorstellen kann als ein geharnischtes Wunderding, das aus dem Kopf des Göttervaters Zeus steigt. Poseidon, der Gott des Meeres, der Odysseus so viel Kummer bereitet, schafft es nicht weiter als bis zur Allegorie. Die Götterversammlung am Beginn des ersten und am Beginn des fünften Gesangs kann als eine ironische Replik auf die "Ilias" gelesen werden.
In der "Odyssee" wird nicht mehr von einem historischen Geschehnis erzählt; die "Odyssee" ist weniger ein Epos als ein Roman. Sie ist die erste Geschichte des Privaten. War das Thema der "Ilias" noch die Ehre und der Angriff auf dieselbe, so wird in der "Odyssee" von einem Sohn erzählt, der ohne Vater aufgewachsen ist – Telemachos –, von einer Frau, die seit 20 Jahren auf ihren Mann wartet – Penelope –, von einem Mann und seinen Obsessionen gegenüber Frauen – man bedenke: Die Irrfahrt des Odysseus dauerte in Wahrheit nicht viel länger als ein Jahr, denn von den zehn Jahren war er fast zwei bei Kirke und sieben bei Kalypso.
Um in dieser Thematik Charaktere entstehen zu lassen, benötigt der Autor kein historisches Kriegsgemälde, ja er benötigt nicht einmal immer eine Handlung. Penelopes Charakter – der des Achilleus wirkt dagegen wie ein monolithischer Klotz – zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie nicht handelt, dass sie sich nicht entscheiden kann, dass sie die Zeit (die Protokoll und somit Beweis einer Handlung ist) anhalten will. Sie hat den Freiern versprochen, sich für einen von ihnen zu entscheiden, wenn sie das Leichentuch für ihren Schwiegervater Laertes fertiggewebt hat – am Tag webt sie, in der Nacht trennt sie ihre Arbeit wieder auf. Penelope lebt dem Prinzip der "Ilias" entgegen.

Die Bedeutung von Homer für uns heute braucht ebenso wenig diskutiert zu werden wie die Bedeutung von Shakespeare. Ohne die beiden würden wir anders denken, anderes erzählen, anderes miteinander sprechen, uns aus anderen Gründen die Köpfe einschlagen und uns anders lieben – und wir würden etwas anderes meinen, wenn wir "Europa" sagen.

Lieber Lorenz Gallmetzer,
konnte ich dich überzeugen, wie spannend und lehrreich, charmant und aufregend, aktuell und journalistisch top ein "Club 2" über Homer wäre? Sag ja!
P.S.: Solltest du dir Sorgen machen, ich könnte als Nächstes einen "Club 2" über Shakespeare vorschlagen – diese Sorgen sind berechtigt.

Michael Köhlmeier in FALTER 39/2008 vom 26.09.2008 (S. 30)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Telemach (Michael Köhlmeier)

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