Väter
Eine moderne Heldengeschichte

von Dieter Thomä

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.08.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Himmelsherrscher und Haushaltshilfen

Keine Sorge, hier kommt nicht die 157. Variation von "Vater werden ist nicht schwer …". Denn Dieter Thomä ist kein Kleinkinderpädagoge, sondern Familienphilosoph. Sein aktuelles Buch versucht nicht, Vätern eine Anleitung für die nahe Zukunft zu geben, sondern eine Analyse ihrer kollektiven Vergangenheit zu sein. Eine Ideengeschichte der Vaterschaft also?
"Drei Väter sind im Repertoire, denen es an den Kragen gehen könnte: der Vater im Himmel, der poli­tische Vater und der Familienvater." Zunächst wird vernichtet. In der französischen Revolution, so die Grundthese des Autors, sind alle drei Patriarchen umgekommen. Invalide seien sie vorher schon gewesen. Allerdings: Nachfolger sind deswegen noch lange nicht in Sicht. "Alle Menschen werden Brüder – und wer ist ihr Vater?" lautet die Grundfrage des Philosophen für die Zeit danach.
Thomä suchte in den 200 Jahren nach der Revolution nach neuen Rollenbildern. Himmel, Herrscherhaus und Haushalt bilden weiterhin das Dreigestirn, auf das die Vaterschablonen passen sollen. Diese Leitgedanken beleuchtet Thomä aus verschiedenen Blickwinkeln. So entsteht ein dichtes Gewebe bunter Vatermuster – von und mit Adam Smith, de Sade, Friedrich Schiller und natürlich auch Sigmund Freud.
Auch für Detailaufnahmen beispielhafter Väter findet sich Platz: etwa für Friedrich Hebbel, der "über die Härte seines eigenen Vaters klagte und sich um seinen ersten Sohn kaum kümmerte", oder für Matthias Horx, der den "Megatrend" zur Kinderlosigkeit prophezeite, bevor er selbst Vater wurde.

Grundsätzlich lassen sich Thomäs Väter des 19. und 20. Jahrhunderts in zwei Gruppen teilen: jene, die zu viel da sind und mit ihren Allmachts­ansprüchen alles erdrücken, und jene, die zu wenig da sind, um ernsthaft Vater genannt zu werden. Neue Gefahren drohen von den neuen Ideologien des 20. Jahrhunderts. Sozialismus, Faschismus und Kapitalismus haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam – ein wohnliches Nest für treusorgende Väter bieten sie allerdings alle drei nicht.
Die Lösung findet der Autor schließ­lich in der einigermaßen gleich­berechtigten Familie der Post-68er. "Die Wiederkehr des Vaters" übertitelt Thomä sein Schlusskapitel und stellt diesen vor allem vor eine Herausforderung: überhaupt Kinder zu bekommen in einer Welt, die es ihm freistellt, in einem "Zustand der Dauer­pubertät" zu verharren.
Das Patriarchat geht hier gründlich zu Grunde – patrilinear bleibt das Werk dennoch. Es handelt von Vätern, ihren Ideen, ihren Söhnen, die wieder Väter von Ideen und Söhnen werden. Töchter fehlen. Hannah Arendt ist eine der wenigen Frauen, die ein paar Gedanken zum Thema äußern dürfen. Bei so vielen großen Namen würde man manchmal gerne auf ein kleines Namens- oder Stichwortregister zurückgreifen, das hier nicht zur Ausstattung zählt.
Dafür gibt es ein paar Schwarz-Weiß-Fotos. "Saturn verschlingt seinen Sohn" von Goya steht an einem, ein niedliches Familienbild des Autors am anderen Ende des Spektrums exemplarischer Vater-Sohn-­Beziehungen. Auch autobiografische Erinnerungen dienen als Anschauungsmaterial. Ob das menschliche Nähe oder peinliche Vertraulichkeit schafft, bleibt Geschmacksfrage. Inflationär geht Thomä mit derlei Intimitäten jedenfalls nicht um.

Der sprachlichen Herausforderung begegnet der Vater der großen Väter-Rundschau souverän. Seine historischen Interpretationen macht er dem Leser nachvollziehbar und belegt sie mit Beispielen – manchmal mit so vielen, dass man den Eindruck gewinnt, er müsse sein Projekt rechtfertigen.
Nicht immer bleibt Thomä bei der reinen Analyse. Vor allem gegen Ende, in der Jetztzeit angekommen, lässt er immer wieder seine Wünsche und Visionen einfließen. "Meinethalben bin ich ein Sozialromantiker", bezieht er abschließend Stellung zu den eigenen Vaterglücks-Ideen und fragt: "Warum ist das eigentlich ein Schimpfwort?"
Dass er den Anspruch des Unter­titels, "eine moderne Heldengeschichte" zu schreiben, nicht einlöst, liegt weniger an ihm als den handelnden Personen. Seine Helden zeichnen sich großteils durch abstrakte Ideen aus, gepaart mit konkreter Abwesenheit im Alltag. Heldenhaft bleibt der Versuch einer Zusammenschau von allem, was in den letzten 200 Jahren so über Väter gedacht wurde. Auch wenn die Spannung manchmal wegen der Fülle des Materials verlorengeht: Hier finden sich viele große, kuriose und bedenkenswerte Gedanken zur Idee des Vaters und zum realen Vater-Dasein.

Andreas Kremla in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 40)


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