Das Uhrenstellinstitut
Roman

von Mark Kirchner, Ahmet Hamdi Tanpinar

Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Gerhard Meier
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 432 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.08.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Gleichschritt zerstört Gleichgewicht

Ideen muss man haben. Hayri Irdal hat meistens keine, gerät aber immer wieder in Situationen, die ihn aus Lebensverlegenheiten retten oder gar die Karriere­leiter hinaufstolpern lassen. Er verbringt seine Zeit in Istanbuler Kaffeehäusern, mit Alchemisten, Mystikern, Weltverbesserern und anderen schrägen Vögeln, während das alte Osmanische Reich untergeht und die Türkei neuen, kemalistischen Zeiten entgegensteuert.

Hayri wundert sich zuweilen gehörig darüber, dass er mehr Glück als Verstand hat. Über die Dreistigkeit seiner Mitmenschen rätselt er auch. Das hindert ihn allerdings nicht daran, an deren Fantasiegebilden mitzubauen. Hayri Irdal, geboren zum Tagedieb, wird langsam zum Pragmatiker und bleibt doch ein einfacher Mann ohne große Leidenschaften, ein im Grunde melancholischer Typ, der immer auf dem ­schmalen Grat zwischen Tragik und Komik entlangbalanciert und lange auf keinen grünen Zweig kommt – und als er es ­eines Tages doch schafft, bricht schließlich das Ästlein, auf dem er sitzt.
In Ahmet Hamdi Tanpınars wunderbar satirischem und ausschweifend humorvollem Roman "Das Uhrenstellinstitut" läuft einiges gegen den Uhrzeigersinn – ­allen voran das titelgebende Institut. Es verdankt seine Existenz unter anderem Hayri Irdals eher unglücklich verlaufener Lehre beim Uhrmachermeister Nuri Efendi, einem Mann, der sein Handwerk mit weisen, unverständlichen Sprüchen schmückte: "Wer die Uhr richtig stellt, ist hinter jeder Sekunde her", lautet etwa einer seiner Leitsätze. Eines Tages macht Hayri die Bekanntschaft von Halit Ayarci. Eine folgenreiche Begegnung: Ayarci erweist sich als einnehmender, gewiefter Geschäftsmann und Manipulator, ein Organisationsgenie, das sofort das Potenzial in dem ehemaligen Uhrmachergesellen Hayri erkennt.
Ein Gespräch über eine kaputte Uhr inspiriert Ayarci zur Idee eines Instituts, das es sich zur Aufgabe macht, alle Uhren im Land in Gleichklang zu bringen – samt ausgeklügeltem Bußgeldsystem für jene, die der Zeit hinterher oder voraus sind. Ayarci wird zum Direktor des Uhrenstellinstituts, Hayri unversehens zu seinem Stellvertreter – und zum Buchautor; er verfasst die Biografie des großen Ahmet Zamani Efendi, eines Uhrmachers und Philosophen aus der Zeit Sultan Mehmets IV., der freilich niemals existiert hat. Alles basiert hier auf Lüge; die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft sind reine Erfindungen.
Der Verwaltungsapparat nimmt ungeheure Dimensionen an. Maßgebliche Stellen sind Feuer und Flamme für das Institut, die Presse ist – bis auf einige Spielverderber – ganz auf der Seite des Fortschritts. Und so gerät der Ich-Erzähler immer tiefer hinein in ein nutzloses System, das allen über den Kopf zu wachsen droht.
1962 in der Türkei erschienen wurde "Das Uhrenstellinstitut" als Kritik an der Modernisierungseuphorie der jungen türkischen Republik verstanden, wie aus Mark Kirchners erhellendem Nachwort zu erfahren ist. Der Roman ist aber weit mehr als das: Das im Jahr seines Erscheinens posthum veröffentlichte Buch, sein Autor wurde nur 61, reiht sich ein in die großen Zeitromane des Jahrhunderts. Im Geist ähnelt er Italo Svevos "Zeno Cosini" und beschreibt ein europaweit spürbares Unbehagen über die Umbrüche des 20. Jahrhunderts. Gerade in einer heterogenen Gesellschaft wie der Türkei, in der die Uhren tatsächlich unterschiedlich gingen, konnte man diese Veränderungen genau beobachten. Dass es hier um Zeit in mehrfachem Sinne geht, die Struktur des Romans aus Rück- und Vorblenden besteht, macht "Das Uhrenstell­institut" auch in ästhetischer Hinsicht zu einer Entdeckung.

Die Schraube des Grotesken dreht Tanpınar mit faszinierendem feinmechanischem Gespür immer gerade so weit, dass die Realität zwar aus dem Gleichgewicht gerät, aber nicht in sich zusammenstürzt. Es ist ein leichtes, humorvolles, plauderndes Erzählen, das uns in der brillanten Übersetzung von Gerhard Meier die Zeit vergessen lässt. Tanpınars "Uhrenstellinstitut" darf man mit Fug und Recht als große europäische Literatur bezeichnen – ein Buch, das nicht nur jedem Verwaltungsangestellten wärmstens empfohlen sei.

Ulrich Rüdenauer in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 11)


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