Pedro Páramo

von Juan Rulfo, Dagmar Ploetz

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 32/2012

Subkutaner Krieg in Mexiko

"Pedro Páramo" von Juan Rulfo gilt als einer der wichtigsten Romane der Welt. Während sich Kuba seit Jahrzehnten im sozialistischen Schlaf befindet (siehe große Rezension), geht es in Mexiko lebendiger zu. In dem Land herrscht ein von mafiosen Kreisen angezettelter Bürgerkrieg, was aber nur selten offen ausgesprochen wird. Wer verfolgt, wie Mexiko sich in Gewalt­orgien verliert, muss Rulfo lesen. Ein ­Mexikaner sucht in dem Buch seinen Vater, einen ­tyrannischen Großgrundbesitzer, der sein Dorf aus Rachsucht in einen Ort der Untoten verwandelt hat. Lebende und Geister sind hier nicht mehr zu unterscheiden; überall ängstliches Geflüster und seelische Narben, Furcht und Terror. Rulfo erzählt im Stil des Magischen Realismus, wie sehr Gewalt und subkutaner Krieg eine Kontinuität der mexikanischen Geschichte darstellen.

Wolfgang Zwander in FALTER 32/2012 vom 10.08.2012 (S. 16)


Rezension aus FALTER 50/2008

Die Toten sind so geschwätzig wie wir

Es ist ein Dorf ohne Geräusche und Farben, in das der junge Juan Presciado kommt, um seinen Vater zu suchen. Sterbend hatte ihm das seine Mutter aufgetragen und hinzugefügt: "Bettle ihn ja nicht an. Fordere, was uns zusteht." Doch in Comala, im Norden Mexikos, findet Juan nur menschenverlassene Straßen vor, durch die ein giftiger Hauch zieht, und die Schutthaufen zerfallener Häuser.

Die paar Leute, die er trifft, benehmen sich seltsam genug, eine alte Frau behauptet gar, "dass ich um ein Haar deine Mutter geworden wäre". Da vernimmt er in der gespenstischen Stille dieses ferne, vielstimmige Murmeln. Es dauert eine Weile, bis man lesend begreift, dass Comala ein Dorf der Toten ist und Juan sich unter den Geistern der Abgeschiedenen bewegt. Und es dauert noch eine Weile, bis man dahinterkommt, wer diese Geschichte einer vollständigen Erosion – von Landschaft und Gesellschaft – eigentlich erzählt.
Was wir hören, einen unheimlichen Chor, aus dem einzelne Stimmen laut werden und wieder verstummen, dringt aus dem Grab zu uns herauf, denn auch Juan ist tot, er liegt im Grab, das er mit Dorotea, der Bettlerin, teilt. Im Grubengespräch mit ihr versucht er Klarheit zu gewinnen über den Vater, der das Dorf beherrschte und in den Abgrund riss, und über das Leben in dieser verdammten Provinz, in der so viele Menschen hingemetzelt und so viele Felder abgebrannt wurden, dass die Erde verdorrte und die Einwohnerschaft verschwunden ist. Aber das Echo ihrer Stimmen ist geblieben, und im beständigen Murmeln kann Juan nach und nach einzelne identifizieren. Sie gehörten jenen, die gemordet haben oder ermordet wurden, die sich der Drangsal widersetzten oder entsetzt die Augen vor dem Elend verschlossen.

Was sprechen die Toten? Ach, sie sind wie die Lebenden: hart, berechnend, verletzlich, sentimental – und geschwätzig. Sie sagen, was sie vorzubringen haben, dann treten sie widerwillig ab, denn: "Ich habe den Mund voller Erde." So setzt sich aus ihren Berichten bruchstückhaft die Geschichte des Dorfes und seines Tyrannen, Pedro Páramo, zusammen, die nichts anderes ist als die Geschichte der mexikanischen Revolution selbst; diese hatte zur jahrzehntelangen Herrschaft einer Partei geführt, die den so kuriosen wie treffenden Namen "Partei der institutionalisierten Revolution" erhielt und deren Programm es bis heute ist, mit staatlicher Gewalt einer kleinen Schicht von Revolutionsgewinnlern die errungenen Pfründe zu sichern.
"Pedro Páramo" erschien 1955. Es ist das zweite von zwei Büchern, die Juan Rulfo geschrieben hat (sieht man von ein paar Arbeiten für den Film und postum edierten Briefen ab). Zusammen haben die Erzählsammlung "Der Llano in Flammen" (1953) und "Pedro Páramo" kaum mehr als 300 Seiten. Aber eine ganze Bibliothek ist über dieses schmale Werk geschrieben worden.

"Pedro Páramo" ist das meisterliche Eingangsportal der modernen lateinamerikanischen Literatur, die seit den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts unter der längst zum Markenbegriff verkommenen Bezeichnung "Magischer Realismus" Abermillionen Leser in aller Welt findet. Bei Juan Rulfo, von dessen Roman Gabriel García Márquez behauptete, er habe ihn in seiner Jugend so oft gelesen, bis er ihn auswendig kannte, ist allerdings nichts von der barocken Überfülle vorhanden, die den Magischen Realismus sonst prägt, nichts von der ausschweifenden Sinnlichkeit der Figuren, der tropischen Farbenpracht, dem ausladenden Stil. Rulfo erzählt, so fantastisch seine Geschichte anmutet, geradezu lapidar, mit strenger Disziplin. Das ist umso bemerkenswerter, als seine überlebensgroße Hauptfigur ein wilder, ungebärdiger Caudillo ohne jede Disziplin und Selbstbegrenzung ist.
Pedro Páramo ist der erste jener Tyrannen und Patriarchen, deren schauerliche Leidenschaften, die Gewalt und die Macht, später so viele magische Realisten zugleich entsetzten und faszinierten. Der Titelheld, die Personifizierung des "wandelnden Grolls", nimmt sich von Jugend an, wonach es ihn gelüstet: Er greift sich die Frauen des Dorfes, macht sie zu Müttern unehelicher Söhne, von denen er Miguel besonders liebt – der als notorischer Vergewaltiger ein frühes Ende findet – und Abundio besonders verachtet, einen oft gedemütigten Tagelöhner, der ihn erstechen wird. Er verleibt seinem Besitz die Ländereien der Gegend ein, indem er ihre Besitzer ermorden lässt; oder er heiratet die Erbin, um sie bald darauf zu verstoßen, wie es der Mutter von Juan widerfuhr. Und als die Revolution ausbricht, kauft er sich die Guerilleros.

Die Bilanz der mexikanischen Revolution, wie sie der Roman zieht, könnte düsterer kaum ausfallen. Gegen die Diktatur des Porfírio Díaz, der das Land zur Beute der Kaziken machte, jener feudalen Grundbesitzer, die sich, wie Pedro Páramo, aneigneten, was immer sie kriegen konnten, entflammte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Bauernrevolution des Pancho Villa. Der später verklärte, bis heute verehrte Volksheld besorgte mit seiner Revolution aber das Geschäft von wohlhabenden Bürgern, die ihn für sich kämpfen ließen und beseitigten, als er ihren Interessen zu schaden begann. In Pedro Páramo findet das Scheitern der Revolution seinen jähzornigen, hochmütigen, schlauen Repräsentanten. Ein Herrenmensch der alten Ordnung, korrumpiert er auch die neue.
Manche historischen Verhängnisse wirken lange fort; und dass wir heute aus Mexiko so schlechte Nachricht erhalten, daran ist auch jener Pedro Páramo schuld, den es tausendfach gegeben und dem Juan Rulfo ein einzigartiges literarisches Denkmal gesetzt hat.

Karl-Markus Gauß in FALTER 50/2008 vom 12.12.2008 (S. 34)


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