Ein Nilpferd in Lund
Reisebilder

von Claudio Magris

€ 18,40
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Übersetzung: Karin Krieger
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Reisen/Reiseberichte, Reiseerzählungen
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Reisen und Lernen: Wir sind nur Gast auf Erden

Was Reisende an fremden Orten suchen, wissen sie meist selbst nicht. Claudio Magris, Triestiner Autor und Literaturprofessor, setzt sich in seinen zwischen 1982 und 2004 geschriebenen Essays jedenfalls nicht mit Restaurants, Hotels und Shopping auseinander. Seine Reisebilder folgen dem bildungsbürgerlichen Kanon: Kirche, Museum, Geschichte, Bücher. Ohnehin haben Schreiben und Lesen sowie Reisen einen gemeinsamen Ursprung – den Aufbruch. In einem umfangreichen Vorwort wird alles herbeizitiert, was von Odysseus bis Heinrich von Ofterdingen gut und teuer ist: Dichterisch wohnet der Mensch ... Wir sind nur ein Gast auf Erden ...
Zum Aufbruch gehört die Heimkehr, zur Gegenwart die Geschichte. Erfahrung lehrt uns Fahren, bestes Beispiel dafür ist Don Quijote, der erste große neuzeitliche Reisende. "Die Innerlichkeit muss umgestülpt werden wie ein Handschuh und in die Welt geschüttet", heißt es über ihn. In Madrid hört Magris die Geschichte eines echten Bücherwurms – während des Spanischen Bürgerkriegs verbrachte ein Mann Monate in der geschlossenen Nationalbibliothek. Kurioser Fund in einem Cervantes- Museum: Dessen Bitte um nationale "Don Quijote"-Ausgaben kam Mussolini mit einer pompösen Widmung nach, Hitler schickte die "Nibelungen", Gaddafi sein "Grünes Buch". Magris konterkariert die Verrückten der Weltgeschichte mit dem Ritter von der traurigen Gestalt, der sich seiner Sache sicher war: "Ich weiß, wer ich bin."
Eine spanische Literaturwissenschaftlerin propagiert "vergleichende Landschaftskunde", und diese betreibt Magris sogleich voller Enthusiasmus am Beispiel der Cornwall vorgelagerten Scilly-Inseln. Benediktinermönche legten dort, mitten im Atlantik, ab dem 12. Jahrhundert paradiesische Gärten an. Mit einer Vignette über das Grab der realen Lotte aus Goethes "Werther" beginnen in Hannover drei Deutschlandbilder voller Sarkasmus. Da ist einmal die Begegnung mit dem apokalyptischen Erbe deutscher Sentimentalität während einer Schwarzwaldreise im Jahre 1988: Bis 1992 sollten alle Bäume tot sein. Magris bringt den grünen teutonischen Furor auf die Formel: "Der tödlich getroffne Held des Epos ist heute der Baum." Die Franzosen bezweifelten "le Waldsterben", dann fiel die Mauer.
Nach der Wende entdeckte die ehemalige BRD im Osten ihre 60.000 Westslawen, die Sorben, die in der DDR als Minderheit gleichermaßen gehätschelt wie zum Verschwinden gebracht worden waren. Die Reise in die neuen Länder führt Magris zuerst nach Dresden: Beim Anblick der spärlichen Reste der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Marienkirche sinniert er: "Es wäre besser, die Leere dieser klaffenden Wunde nicht zuzubauen. (…) Die Lücke ist voller Erinnerungen, voller Gefühle und Lektionen." Bekanntlich ist die Kirche mittlerweile wieder aufgebaut. Spätestens hier wird klar, dass Claudio Magris' Reisebilder im Wesentlichen ein Handbüchlein für Europareisende durch den erträglich gemachten Schrecken des Jahrhunderts sind: Hitler und Stalin geistern noch überall herum, aber als Schatten.
Einen erzählerischen Ausweg findet der Mitteleuropa-Denker Magris in einer doppelten Strategie: Er setzt auf Empirie und Spekulation. Eine kuriose Begegnung im Jüdischen Museum Eisenstadt ("Sie sind aber kein Jude? – Es war bloß eine Frage") nimmt er 1988 zum Anlass einer langen Fantasie über das Judentum, die von Kafkas Verehrung der Ostjuden bis zum Tanz eines Rabbiners auf einer Hochzeit in Mexiko City führt. Neben dem ewigen Exil tauchen die nicht weniger dramatischen Geschichten anderer kleiner Völker auf, die in der geteilten Welt von Jalta vergessen waren: Da sind etwa die istrorumänischen Cici und Ciribiri, die in der Umgebung von Triest leben.
Magris kommt dabei immer ohne Minderheitenexotismus aus. Prag zur Zeit der Abtrennung der Slowakei, Warschau in der Ära des runden Tisches, Zagreb und Raskolnikows Leningrad sind weitere Reiseziele – zuletzt fährt Magris in den Iran und 2004 nach Vietnam. Allein die euphorischen Beschreibungen von Licht und Luft in Norwegen und Schweden lassen den Eindruck entstehen, wirklich gefallen habe es dem Reisenden eigentlich nur in Skandinavien. Aber als guter Moralist weiß Magris: "Eine Reise, selbst die passionierteste, ist immer Pause, Flucht, Verantwortungslosigkeit, Erholung von jedem wahren Risiko. Wir kehren also nach Hause zurück, in die erwachsene, seriöse, aufdringliche Welt." Kurz gesagt: "Ein Nilpferd in Lund" ist ein Brevier für alle!

Erich Klein in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 40)


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