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Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Auf der Suche nach Mr. Wright

Zum Selbstverständnis moderner Architekten gehörte es, den Menschen zu zeigen, wie sie zu leben haben. Entsprechend groß ist das Interesse daran, wie die Meister der Moderne selbst zu leben pflegten. Die Erinnerungen seiner Ehefrauen zeigen Adolf Loos als Pedanten. Nathaniel Kahn führt in dem Dokumentarfilm "My Architect" seinen Vater Louis Kahn als Egomanen vor, der sich zeitlebens auf Bauaufträge und Frauen konzentrierte, es an väterlicher Zuneigung zu seinen Kindern aus zahlreichen Ehen und Affären aber missen ließ. Und der amerikanische Schriftsteller T. Coraghessan Boyle stellt in seinem neuen Buch "Die Frauen" einen Architekten vor, dessen Lebensführung jener Kahns verwandt ist.
Frank Lloyd Wright (1867–1959), bekannt durch das New Yorker Guggenheim- Museum und die Fallingwater- Villa, ist der amerikanischste aller Architekten. Wohnen war bei ihm vom Pioniergedanken geprägt. Im Zentrum der sogenannten Prairie Houses stand die Feuerstelle als Treffpunkt der Gemeinschaft; Landschaft und Gebäude bilden eine Einheit. Boyle überspringt die Architektur Wrights und beschränkt sich auf sein Eheleben. Aus der Sicht eines japanischen Architekten geschildert, bekommt man auch Einblick in Wrights autoritäre Büroführung und sein kaufmännisches Unvermögen.

Boyle übersetzte bereits mehrere amerikanische Mythen in fiktionale Rekonstruktionen. In "Drop City" (2003) schildert er etwa das Scheitern einer Hippiekommune. Worauf Boyle mit seiner Annäherung an die Figur Wrights abzielt, bleibt allerdings unklar. In ermüdendem Detailreichtum wird der Alltag in dem Wohn- und Bürogebäude der Ortschaft Taliesin beschrieben. Wohl als Beispiel für die Brutalität und Bigotterie der amerikanischen Medien werden die Skandale in Erinnerung gerufen, die Wrights Scheidungen begleiteten. Die betrogenen Gattinnen wirken zu hölzern und sprachlos, als dass in der konventionell erzählten Geschichte Mitleid mit ihnen aufkommen könnte. Die Versionen der Boulevardjournalisten waren sicher besser.
Die Nähe Boyles zum Protagonisten – der Schriftsteller lebt seit Jahren in einer von Wrights Prärie-Villen – erwies sich nicht als Recherchevorteil. Selten einmal findet der Autor Sätze für die Sinnlichkeit von Wrights organischen Baustoffen, sein Entwurfstalent und die Qualität seines offenen Raumprogramms. Und selbst der Blick in das Schlafzimmer, von dem man sich Aufschluss über Wrights Persönlichkeit erwarten könnte, bleibt merkwürdig zurückhaltend. Sein Hang zum Okkultismus wird zwar erwähnt, nicht aber dessen Auswirkungen auf Wrights "organische" Weltanschauung.
Noch der schmalste Architekturführer informiert besser, wie Leben, Denken und Bauen bei Wright zusammenhängen. All dies deutet auf eine schlappe Organisation des Erzählstoffes hin, wodurch selbst die finale Katastrophe, das Massaker eines Angestellten in Taliesin, merkwürdig aufgesetzt wirkt.
Am Ende steht weder eine unterhaltsame Skandal-Bio noch ein informativer Architekturband. Ein Buch wie ein schlechtes Fertigteilhaus.

Matthias Dusini in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 10)


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