Ein anderes Leben

von Per Olov Enquist

€ 25,60
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Übersetzung: Wolfgang Butt
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 544 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.03.2009

Rezension aus FALTER 17/2009

Du musst dein Leben ändern

Wer seine Autobiografie verfasst, hat es nicht leicht. Vor allem, was den Titel betrifft, denn aufgrund der Thematik bewegt man sich auf engem Terrain. "Ich" überschrieb Helmut Berger seine Lebensgeschichte, "Ich nicht" Joachim Fest seine Kindheitserinnerungen. Marcel Reich-Ranicki wählte "Mein Leben", während die Vorväter der Gattung, Augustinus und Rousseau, "Bekenntnisse" verfassten.
"Ein anderes Leben" heißen nun die "Confessiones" von Per Olov Enquist, dem nicht nur wegen seiner 1,97 Meter großen schwedischen Autor. Seit Romanen wie "Der fünfte Winter des Magnetiseurs" gilt der glänzende Stilist als einer der bedeutendsten europäischen Erzähler. Seine eigene Geschichte erzählt er bemerkenswerterweise in der dritten Person, als wäre von einem anderen die Rede.
Großes Augenmerk widmet Enquist (1934 im Dorf Hjoggböle geboren) seiner Kindheit in Nordschweden, die ihn in vielerlei Hinsicht geprägt hat, obwohl er bald über die engen Verhältnisse hinauszuwachsen glaubt. Die Mutter ist eine fromme Volksschullehrerin, die der Erweckungsbewegung angehört. Deren Tüchtigkeitsethos geht so weit, dass neben Trinken und Kartenspielen auch Tanzen als sündhaft gilt.
Der Sohn ist brav, weiß nicht, was er samstags in der Kirche beichten könnte. Er folgt der Mutter, schließlich zieht sie ihn alleine auf – der Vater ist kurz nach Per Olovs Geburt verstorben. Und noch ein Schatten liegt über der Familie: Zwei Jahre zuvor hatte die Mutter eine Totgeburt, das Kind hätte ebenfalls Per Olov heißen sollen. Erste Zweifel: "Es kommt ihm unklar vor, ein wenig verdächtig. Konnte es also so sein, dass in Wirklichkeit er das Totenkind im Sarg war (…), während der Bruder lebte? Vielleicht hatte es eine Verwechslung gegeben?"
Der Knabe macht sich Gedanken, beginnt zu schreiben, nimmt den Gottesdienst nur mehr als Pflicht wahr. Er macht seinen Schulabschluss und ist der Erste in der Familie, der das Dorf verlässt. Neben dem Studium in Uppsala (Zimmernachbar: Lars Gustafsson) betreibt er intensiv Sport und nimmt als Hochspringer an der Studentenolympiade teil.

Mit 30 hat Enquist seinen Durchbruch, feiert mit einigen Romanen in den späten 60ern und frühen 70ern große Erfolge. Seine sozialdemokratische Einstellung bringt ihm zwar Schelte von radikaleren Kollegen ein ("Sozi zu sein ist wohl genauso intellektuell unanständig wie Hochspringer, denkt er, dann bin ich es eben"), aber im Prinzip legt er eine glänzende Laufbahn hin und gründet eine eigene Familie.
Dass irgendwann das Tief kommt, ahnt der Leser früh. Immer wieder stellt Enquist die Frage: "Wenn alles so gut ging, wie konnte es dann so schlimm werden?"
Vorerst gelingt ihm freilich noch einiges: Erfolge am Theater, ein Stück läuft am Broadway. Langgehegte Romanprojekte dagegen bleiben liegen, es kommt zur Trennung von Frau und Kindern, Zweifel an der Schaffenskraft machen sich breit und werden mit immer mehr Alkohol bekämpft.

Enquists Schilderungen seines Alkoholismus und der Psyche eines Abhängigen gehören zum Besten, was zu diesen Themen geschrieben wurde. Er wolle ja gar nicht sterben, verteidigt er sich seinen Verwandten gegenüber; empfindet im Gegenteil deren Versuche, ihn trockenzulegen, als Angriff auf sein Leben. Drei Entzugsversuche benötigt er schließlich, ehe er 1990 abschwört und sich fortan stolz "Totalabstinenzler" nennt. Statt seines alten Lebens wählt er ein anderes; vielleicht jenes, das dem Totenkind verwehrt blieb – und schreibt sich aus der Krise.
Mal wuchtig, mal leise: Enquist zieht in seiner Autobiografie meisterlich alle Register. Im Tonfall erinnert das Buch bisweilen an Romane aus dem 19. Jahrhundert. 1970 ist der Autor in Berlin und erlebt das Aufkeimen der RAF mit. Und was macht er? Er macht sich Sorgen um Ulrike Meinhof: "Sie wirkte ja eigentlich so nettig." 

Sebastian Fasthuber in FALTER 17/2009 vom 24.04.2009 (S. 32)


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