Tod einer Untröstlichen
Die letzten Tage von Susan Sontag

von David Rieff, Reinhard Kaiser

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.03.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Susan Sontag stirbt in Nüchternheit und ohne Pathos

Die Ordination des Dr. A. Es treten auf: die berühmte, gefürchtete und umstrittene Essayistin Susan Sontag, ihr Sohn David Rieff und ein Mediziner, der nichts beschönigt. Ausgehend von der Krebsdiagnose schildert der Sohn die letzten Lebensmonate seiner Mutter im Jahr 2004.
MDS – das Kürzel umfasst eine ganze Gruppe von Knochenmarkserkrankungen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in Leukämie übergehen, im Volksmund auch Blutkrebs genannt. Realistisch betrachtet sind die Heilungschancen minimal, zumal die Autorin schon 71 Jahre zählt. Dieser Anfang vom Ende ist der Ausgangspunkt für David Rieffs Bericht vom Sterben der Susan Sontag. Wie viel Wahrheit die Medizin ihren Patienten zumuten soll, ist eine der Fragen, die er anhand ihres Überlebenskampfs umkreist. Vom Talent der Essayistin hat er einiges geerbt. Aus seinem Brotberuf leiht sich der Journalist die Präzision.
Eine Lebensgeschichte? Liebhaberinnen und Freunde werden erwähnt, ein durchgeplantes Leben skizziert, eingespannt zwischen Vorträgen, Reisen, Schreibprojekten, unterstützt von Assistentin und Haushälterin. Man erfährt einiges über die privaten Verhältnisse der gefeierten Literatin.

David Rieff macht auch ihr Sterben öffentlich. Doch er löst sich nicht von der Situation des langsamen Leidens. Hier bleibt er Journalist, der minutiös aus dem Kampfgebiet berichtet. "Ich komme mir vor wie der Vietnamkrieg. Invasion und Kolonisierung gegen meinen Körper gerichtet. Sie wenden chemische Waffen auf mich an. Ich muss Hurra schreien." Vom O-Ton Susan Sontags wünscht man sich manchmal mehr. Beim Werk seiner Mutter beschränkt sich Rieff konsequent auf Zitate, die mit ihrer Krankheit zusammenhängen.
Chemotherapie, Knochenmarktransplantation, schließlich ein noch kaum erprobtes neues Medikament. Keine Möglichkeit wird ausgelassen, um dem Schicksal einen Strich durch die Rechnung zu machen. Susan Sontag schaut nicht zurück, sie blickt starr nach vorne – den Tag im Auge, an dem sie das Krankenhaus wieder verlassen wird. Sie schmiedet Pläne für nachher: neue Reisen, Bücher, Theaterbesuche.
Und sie recherchiert. Jede Information über ihre Krankheit und mögliche Therapien wird registriert und ausgewertet. Bei allem Schaudern vor dem medizinischen Apparat und der chemischen Keule, ihr Grundvertrauen in die Wissenschaft lässt sich nicht erschüttern. Informationen, die bestmöglich abgestimmten Therapien, glaubt sie, werden Heilung bringen.

Die Vergänglichkeit hat viele zu geistigen Höhenflügen inspiriert, sobald sie bei ihnen persönlich vorstellig wurde. David Rieff und Susan Sontag zählen nicht dazu. Abschied, Rückblick und Endgültigkeit sind keine Themen, so nahe sie auch lägen. Susan Sontag kämpft, und ihr Sohn unterstützt sie dabei. "Ich vermute, es war eine folie à deux", gesteht er selbst: "Sie wollte es nicht wahrhaben und ich konnte es nicht." So närrisch, alle Diagnosen und Prognosen einfach abzutun, sind die beiden Intellektuellen dabei aber nicht. Sie schwanken zwischen Hoffnung und Resignation, klammern sich verzweifelt an jeden Strohhalm. So geht zwar die Gelegenheit für große letzte Worte verloren; aber die Gefahr des Pathos ist damit gleichzeitig ebenfalls gebannt. Susan Sontag stirbt in klinischer Nüchternheit.

"Im Tal des Jammers breite deine Flügel aus." Mit diesem Satz schließt David Rieff das schmale Büchlein. Er selbst hat die poetische Aufforderung nicht berücksichtigt. Ein Blick, der sich im biografischen Abendlicht noch einmal über Leben und Werk erhebt, fehlt. "Swimming in a Sea of Death" lautet der äußerst treffende Originaltitel.
Ein Sterbebericht liegt hier vor, keine Lebensgeschichte. Rieffs kleines Werk bleibt eine präzise Chronik des Leidens und Hoffens. Und eine Lektion für alle, die sich bis zum eigenen Ableben mit der Vergänglichkeit versöhnen wollen: So geht es jedenfalls nicht!

Andreas Kremla in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 36)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb