Empörung
Roman

von Philip Roth

€ 18,40
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Übersetzung: Werner Schmitz
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.02.2009

Rezension aus FALTER 6/2009

Blaue Hoden, weiße Höschen, blutroter Schnee

Die grandiose Konsequenz, mit der sich Philip Roth dem männlichen Urogenitaltrakt widmet, verdient unser aller Respekt. Nachdem zuletzt die Prostata im Rampenlicht stand, befindet sich nun – zur großen Erleichterung weiter Teile der Leserschaft – wieder ein voll funktionsfähiger Phallus im Focus der Aufmerksamkeit.

Endlich wird wieder ejakuliert – "hoch in die Luft" und herab auf die Bett­-
decke, denn die Primärziele sexueller Entladung sind den Angehörigen des strikt geführten Winesburg College weitgehend verwehrt: "Blaue Hoden" wird das Phänomen plastisch benannt, das vor allem an den Wochenenden die jungen Männer dank erlösungsloser Dauerfummelei mit ihren Kommilitoninnen heimsucht.
Aber immerhin: Nachdem der impotente und inkontinente Nathan Zuckerman zuletzt in "Exit Ghost" seinen endgültigen Abgang hatte, wird der Platz des Roth'schen Protagonisten in "Empörung" ("Indignation", 2008) von einem jungen Mann eingenommen, der prächtig im Saft steht und die besten Aussichten hat, seinen Eltern und vielen anderen Freude zu bereiten.
Marcus "Markie" Messner, Sohn eines koscheren Fleischhauers aus, no na!, Newark, New Jersey, löst sich aus der immer beklemmender werdenden Umarmung seines neurotisch um ihn besorgten Vaters und wechselt von der Highschool seines Heimatorts in ein College nach Ohio.
Dort stürzt er sich mit einem für einen 19-Jährigen untypischen Lebensernst ins Studium, um einerseits seine als anmaßend angesehenen Ambitionen gegenüber den Eltern und sich selbst zu rechtfertigen und andererseits durch Bildungserwerb der Gefahr zu entgehen, als einfaches Frontschwein auf den blutgetränkten Schlachtfeldern des gerade tobenden Koreakriegs zu enden.
Marcus' Weg zwischen Assimilation und Abgrenzung führt ihn in die Konfrontation mit penetranten Zimmerkollegen, vor allem aber mit dem ihm durchaus wohlwollenden Dean: diesem, der gloriosen Verkörperung ehrwürdiger Winesburg-Tradition, hält er einen hochfahrenden und ausgiebig mit Zitaten von Bertrand Russell geschmückten Vortrag über die Zumutung, wöchentlich an einem christlichen Gottesdienst teilnehmen zu müssen (Markie ist Atheist) und kotzt ihm im Anschluss daran auch noch angekündigtermaßen das Büro voll.
Das Drama des begabten jungen Mannes, der die von ihm innig geliebten Eltern kränken muss und sich den Zugriffen des Kollektivs eigensinnig verweigert, hielte genug Stoff für einen wesentlich umfangreicheren Roman bereit; aber ein 19-Jähriger ohne die Verlockungen und Verwirrungen der Sexualität, das wäre selbst in einem Buch, das von einem anderen Autor stammte, einigermaßen seltsam.
Philip Roth hat seinem Helden Olivia Hutton ausgesucht, die all das zu repräsentieren scheint, was Marcus allenfalls vom Hörensagen kennt: Selbstvertrauen, sophistication, sexuelle Erfahrung. Dass sie ihm beim ersten Date ansatzlos einen bläst, ohne dass Marcus auch nur daran zu denken gewagt hätte, dergleichen zu suggerieren, geschweige denn zu verlangen, verstört ihn schon fast mehr, als es ihn erregt.
Seit einiger Zeit schon schiebt der mit stupender Alterspotenz gesegnete Roth seinen großen Romanprojekten Bücher hinterher (zuletzt "Jedermann", davor den ebenso erschütternden wie grauenhaft verfilmten Roman "Das sterbende Tier"), die man versucht ist, ihres geringeren Umfangs wegen als "klein" zu bezeichnen. Im Falle des jüngsten Werks wird dieser Versuchung wohl kaum jemand nachgeben.
"Empörung" ist ein Meisterwerk, in das Roth als ein wahrer Hephaistos der Prosaschmiedekunst seine ganze Kraft und Kunst gelegt hat. Was er hier an Konflikten, Figuren und ­Motiven, an Registern und Redeweisen zusammengezwungen hat, sprengt das Maß selbst gediegener erzählerischer Konfektionsware. Unbekümmert um kleingeistigen Realismus wuchtet er wortgewaltige Monologe neben berührende Szenen und bitterbösen Slapstick, hat immer noch eine bestürzende Wendung im Köcher.
Und obwohl wir nach 52 Seiten wissen, dass hier ein Toter erzählt, trifft uns das vom grotesk-komischen Höschenregen in blutige Allotria kippende furiose Finale wie ein Speerwurf. Mit seinem wütenden Gesang auf die um ihr Leben Betrogenen steht Roth Homer näher als jeder Versuch zeitgenössischer Nachdichtung.

Klaus Nüchtern in FALTER 6/2009 vom 06.02.2009 (S. 31)


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