Der taumelnde Kontinent
Europa 1900-1914

von Philipp Blom

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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Neuzeit bis 1918
Umfang: 528 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.03.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Zeit der kollektiven Wahnvorstellungen

Vergleiche mit der Gegenwart drängen sich auf. Der Autor will das auch so. Ein Begriff, der damals, in diesen Schwindel machenden Jahren von 1900 bis 1914, oft gefallen ist und uns bekannt vorkommt: Taumel. Keine Solidität. Philipp Blom hat rund um dieses Gefühl in der Urgroßväterzeit ein dickes, unterhaltsames Buch, noch dazu eines mit einem ziemlich ehrgeizigen enzyklopädischen Anspruch geschrieben.
Blom arbeitet mit einer Jahreschronologie. Jedes Jahr bekommt ein eigenes Kapitel, jedes Kapitel fängt mit einer einprägsamen Story an, mit der dann ein ganzes Thema entfaltet wird. Die Ouvertüre gehört einem Großevent im Paris des Jahres 1900. Nach außen hin warfen sich die Pavillons der Weltausstellung in protzige historistische Posen; Frankreich präsentierte sich in einer Nachstellung des mittelalterlichen Paris, die USA bauten eine Kopie des Kapitols, mächtige Türme in verschiedenen alten Stilen ragten am Seine-Ufer um die Wette in die Höhe, um Aufmerksamkeit für die einzelnen Länder zu erregen. Die kolonisierten Völker wurden in Form von kleinen Reality-Shows und Themenparks vorgeführt und beglückten die 50 Millionen Besucher mit kleinen Souvenirs, Speisen und Getränken.
Für Philipp Blom ist die Weltausstellung nicht nur eine protzige, megalomane Megaschau der Jahrhundertwende, sondern eine höchst anschauliche Demonstration einer Epochenschwelle, denn die Präsentation in den Hallen passte so gar nicht zur Architektur, die noch selbstbewusst dem Stolz der bürgerlich-imperialistischen Welt frönte. Drinnen summten große Dynamos, trieben Lokomotiven, U-Bahnen oder Ozeandampfer an, erzeugten Energie für Glühlampen und Scheinwerfer im Palast der Elektrizität.

"Electrisez-vous!" war das Motto für die kurze Epoche bis zum Ersten Weltkrieg, die es in sich hatte. Innerhalb weniger Jahre änderte sich das Leben durch neue Technologien grundlegend; Fahrräder und Auto beschleunigten den Alltag in den Städten, Flugzeuge setzten neue Standards im Fernverkehr, Großkaufhäuser inspirierten den Massenkonsum, Edison baute für die amerikanische Regierung den elektrischen Stuhl, Autorennen lösten Pferderennen ab, die Kinos ließen die Welt auf eine Leinwand zusammenschrumpfen, Marie Curie entdeckte die radioaktive Strahlung, Einstein entwickelte seine Relativitätstheorie. Technische Sensations- und Rekordmeldungen füllten nonstop die Zeitungen. Geschwindigkeit wurde zum Signum einer Zeit, die die starken, schneidigen Abenteurer durch Wissenschaftler, Ingenieure und Fließbandarbeiterinnen ersetzte.
Auch Generalstäbler dachten nun in den Kategorien der Beschleunigung und träumten von Blitzkriegen. Der Satz "Ein schneller Sieg ist eine höhere Art von Sieg" wurde zum Mantra des deutschen Chefstrategen Schlieffen im Ersten Weltkrieg, der die deutsche Armee gemäß dieser Denkart das neutrale Belgien überfallen ließ. Blom erinnert daran, dass das Blutvergießen des Ersten Weltkriegs in den Kolonialkriegen vorher in Ansätzen vorweggenommen wurde. Kautschuk wurde in Massen für die Reifenproduktion gebraucht, also wurde in Belgisch- Kongo Arbeitern, die bei der Gewinnung die Kautschukquote nicht erbracht hatten, die Hand abgehackt. Blom porträtiert jene beiden Männer, die den kolonialistischen Wahnsinn in Europa publik gemacht haben.

Auch die Europäer mussten, so die Wahrnehmung der Zeitgenossen, einen hohen Preis für die rapide Entwicklung entrichten. Ärzte und Philosophen attestierten den Zeitgenossen generell "Neurasthenie" (oder "Nervenschwäche") und fürchteten Degenerierung, "Verweiblichung" und Bevölkerungsschwund. Blom macht staunen, welche breite Anhängerschaft die Eugenikprogramme in Europa hatten. Von da war es nicht mehr weit zum Rassismus, den der Autor auch beim Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner ausmacht.
Es war eine Zeit der politischen Paranoia. Die Frauenbewegung löste Hass, Versagensängste und Polizeieinsätze aus. Politiker aus der Provinz malten Bilder von der Großstadt als Moloch, die Politik der Großmächte stand immer mehr im Zeichen von Einkreisungsideen, der deutsche Kaiser "Wilhelm, der Plötzliche" wird als kindischer Komplexler porträtiert. Blom kann unendlich viele Varianten für kollektiven Wahn anführen, von dem diverse Vordenker befallen wurden und die sich auch bei prominenten Kriminellen wiederfanden. Er liefert von etlichen dieser Sorte kleine, feine Biografien. Etwas enttäuschend, weil zu oberflächlich, wirkt Bloms Spaziergang durch das geistig-künstlerische Wien des Fin de Siècle. Aber ein derart eindrucksvoller enzyklopädischer Ansatz, mit europäischen Rundumblicken in Kunst, Malerei und Musik, hat eben bisweilen den Preis der stereotypen Kürze.

Philipp Blom, der in Enzensbergers "Anderer Bibliothek" eine Kulturgeschichte des Sammelns (2004) und eine von Diderots großer französischer Enzyklopädie (2005) vorgelegt hat, erweist sich in seinen Büchern als ein eifriger Leser internationaler historischer Literatur und kann die so erworbenen Kenntnisse ausgezeichnet in Geschichten, Biografien, anschaulichen Schilderungen und kompakten Analysen kompilieren und verdeutlichen. Man merkt, da schreibt nicht nur ein mit viel Detailwissen ausgestatteter Kulturhistoriker, sondern auch ein Journalist, der regelmäßig Artikel in die besten Zeitungen des deutsch- und englischsprachigen Raums setzt. Derzeit lebt und arbeitet er in Wien, was der Stadt einen neuen Egon Friedell beschert hat.

Alfred Pfoser in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 33)


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