Die Kunst des Bücherliebens

von Umberto Eco, Burkhart Kroeber

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser, Carl
Genre: Belletristik/Essays, Feuillton, Literaturkritik, Interviews
Erscheinungsdatum: 04.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Von Bibliophilen und Bibliophoben

Umberto Eco liebt Bücher. Das kann man schon daraus schließen, dass im Hanser Verlag bereits 21 Bände von ihm erschienen sind. Er liebt es, Bücher zu schreiben, er liebt es, über Bücher zu schreiben. Und das sowohl in seinen Romanen – "Der Name der Rose" (dt. 1982), der ihn weltberühmt machte, handelte bekanntlich von einem verschwundenen Buch – als auch wissenschaftlich. Über "Die Grenzen der Interpretation" (dt. 1992) schrieb der Professor für Semiotik mit dem Gespür dafür, wie weit man Wissenschaft unter Laien bringen kann. In seinen "Sechs Streifzügen durch die Literatur" verirrte er sich nicht "Im Wald der Fiktionen" (dt. 1994), er extemporierte über "Die Bücher und das Paradies" (dt. 2003), und wir ahnen: Die Hölle muss für den bekanntesten lebenden Universalgelehrten ein Ort ohne Bücher sein.
Dass Eco die Bücher auch als Gegenstände liebt, also ein Bibliophiler ist, kann schon lange nicht mehr als Geheimnis firmieren. Sein neues Buch "Die Kunst des Bücherliebens" fasst Essays aus 20 Jahren über dieses innige Verhältnis zusammen, von einer Abhandlung über die "Très Riches Heures", das "Stundenbuch des Duc de Berry", aus dem Jahr 1988 bis zu einem "Inneren Monolog eines E-Books" von 2003 und "Das Meisterwerk eines Unbekannten" von 2004 über Paratext, Epitext und Peritext bzw. das "artifizielle Rauschen", mit dem die Verlage jedes Buch bei Erscheinen umgeben und das "uns oft so betäubt, dass wir gar keine Lust mehr haben, den Text zu lesen".

Von den drei Teilen des Bandes ist der mittlere, "Historica", der gelehrte Abhandlungen über alte Bücher enthält, auch wenn es sich um Einleitungen handelt, am spezialisiertesten und vielleicht nicht für jeden gewöhnlichen Büchernarren von Interesse. Hier lernen wir Eco, den Detektiv, kennen, der etwa im Falle der Ausgabe Hanau 1609 von Heinrich Khunraths "Amphitheatrum Sapientiae Aeternae" weitgehende Recherchen über das Erscheinungsdatum und die Zusammensetzung von Ausgaben dieses Werks anstellt. (Dass der Hanser Verlag als Publikumsverlag englische, französische und sogar lateinische (!) Zitate unübersetzt lässt, trägt des Weiteren wenig zur Allgemeinverständlichkeit bei.)
Mitreißen können einen da schon viel eher die Essays aus dem ersten Teil, die von Bibliophilie, Bibliomanie und Bibliophobie handeln. Mit der Begründung seiner Liebe zum Gedruckten fängt der Universalist, wie sollte es anders sein, bei Adam und Eva an, seit deren Sündenfall der Mensch die physische Schwäche zeigt, früher oder später sterben zu müssen, und die psychische, dass ihm das keineswegs behagt. Der Ausweg: Bücher. Denn was der Mensch vor allem nicht will, ist, dass sein Ich nicht weiterlebt. Da nutzt auch der Glaube an die Wiedergeburt nichts. Ebenso wie Niederschriften auf Steintafeln, in die zumeist unpersönliche "Daten" gemeißelt wurden und die deswegen noch nicht jene Art von Gedächtnis generieren, um die es Eco geht und die er das "pflanzliche Gedächtnis" nennt, weil es mit dem Aufkommen des Papiers im 12. Jahrhundert sprungartig anwächst.
"Das Buch, in welcher Form auch immer, hat der Schrift erlaubt, sich zu personalisieren: Es enthält eine Portion von kollektivem Gedächtnis, die jedoch unter einem persönlichen Gesichtspunkt ausgewählt worden ist." Wir fragen uns nicht, wer etwas in einen Stein gemeißelt hat. "Wenn wir jedoch ein Buch vor uns haben, suchen wir nach einer Person, einer individuellen Sicht der Dinge." Unsere Lektüre wird zu einem Dialog mit jemandem, der vielleicht schon seit Jahrhunderten tot, aber dennoch als Schrift präsent ist.

Doch, das Buch hat eine Seele, und es ist, man will es dem verliebten Professor gerne glauben, nicht egal, in welchem Körper es steckt, ob in einem glitschigen Taschenbuchumschlag oder einem weichen Ledereinband, ob das Papier billig bröselt oder verführerisch raschelt, auch wenn es schon Jahrhunderte auf dem Buckel hat. Nach der mehrmaligen Versicherung, dass Büchersammeln beileibe nicht immer teuer sein muss, sondern auch schon für den Gegenwert von einem Kinoabend oder einem Paar Timberland-Stiefeln ein interessantes antiquarisches Objekt zu haben ist, möchte man sogleich zum Flohmarkt aufbrechen oder am besten nach Paris zu den Bouquinisten am Seine-Quai.
"Ein Buch wegzuwerfen, nachdem man es gelesen hat, ist, wie wenn man eine Person nicht wiedersehen will, mit der man gerade ein sexuelles Verhältnis gehabt hat." Denn das Liebesverhältnis zu Büchern hat zur Voraussetzung, dass sich das Buch auch zu jener intensiven Befragung anbietet, bei der wir jedes Mal etwas Neues entdecken. Dann fühlt es sich jedes Mal so an, als ob es das erste Mal wäre. Dementsprechend stellt eine Bibliothek für Eco auch nicht bloß eine Summe von Büchern dar, sondern einen lebendigen Organismus mit eigenem Leben. Wenn er eine solche aufbaut, geht es dem Bibliophilen weniger um das Lesen als um das Akkumulieren. Denn: "Sammeln ist eine Art und Weise, sich eine Vergangenheit wiederanzueignen, die uns entschwindet."

Man möchte meinen, dass Eco nicht nur ein Bibliophiler ist, einer, der die Bücher liebt, und das nicht nur wegen ihrer Inhalte, sondern auch ein Bibliomane, aber solche Spekulationen widerlegt allein seine Definition von Bibliomanie, die nie und nimmer die kleinen Randnotizen dulden würde, die Eco sich erlaubt, auch in alten, wertvollen Büchern (allerdings nur mit Bleistift) anzubringen, um sie zu seinen zu machen. Der Bibliomane scheut sich nicht davor, Bücher auch zu stehlen, wenn er nicht anders dazu kommen kann. Er lässt Bücher unaufgeschnitten, um ihren Wert nicht zu mindern, und nähert sich darin schon dem Bibliophoben bzw. dem Biblioklasten an, der Bücher entweder aus Fundamentalismus oder Nachlässigkeit oder Geldgier zerstört. Indem er sie zum Beispiel seitenweise verkauft, um so einen höheren Preis zu erzielen, eine "avancierte Form von Vandalismus", die Eco naturgemäß im Herzen wehtut, obwohl er selbst zugeben muss, solche unbarmherzig herausgetrennten Seiten selbst gerahmt und zu Hause aufgehängt zu haben.
Aber, wie es an einer Stelle heißt: "Die Verbreitung des pflanzlichen Gedächtnisses hat alle Defekte der Demokratie, einer Herrschaftsform, in der man, damit alle reden können, auch die Dummköpfe reden lassen muss und sogar die Schurken." Und damit wären wir beim letzten Teil des Buchs über die Bücherliebe gekommen, in dem Eco seinem Faible für das Abstruse, Kuriose und Obskure freien Lauf lässt, seinem Verlangen nach dem Buch über Zahnstocher und ihre Unannehmlichkeiten von 1869, über die verschiedenen Techniken der Pfählung oder über die überdurchschnittliche Fäkalproduktion der Deutschen, verglichen mit ihren französischen Nachbarn (natürlich von einem Franzosen verfasst!). Oder seine Schwäche für inkongruente Listen, die unsere "surrealen Drüsen" in Wallung bringen.

Und das E-Book? Zum Schluss glaubt der Leser dem bibliophilen Professor beinahe, dass ein Buch wirklich eine Seele hat, eine Einheit von Körper und Inhalt bildet – und kann die inneren Qualen von Ecos E-Book verstehen, das, kaum hat es sich an eine Geschichte gewöhnt, schon wieder mit der nächsten befüllt wird. Die Frage ist nur, wessen Wohlbefinden in Zukunft Vorrang haben wird: das des Lesers, der auf diese Weise viele Bücher mit wenig Aufwand besitzen oder herumschleppen kann, oder das des Buchs, das zu seinem Inhalt eine symbiotische Beziehung unterhält. Im Übrigen bekennt Eco schon im ersten Teil, dass er nicht glaubt, dass die neuen Medien das Buch und die Lesekultur umbringen werden, sondern im Gegenteil dazu angetan sind, die Bücherliebe durch schnelleren Zugang zu Buchinformationen zu unterstützen. Ad multos annos!

Kirstin Breitenfellner in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 28)


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