Die Geschichte von Abu Ghraib

von Errol Morris, Sergio Mendes & Brasil '66, Hans Günter Holl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Komplizenschaft, Wegsehen, Verschleiern

Lässt sich Abu Ghraib erklären? Warum sich Amerikaner im Namen der Freiheit selbst zu Folterknechten degradierten. Wie das System funktionierte, das Fotos produzierte, auf denen lächelnde US-Soldaten zu sehen sind, hinter denen nackte Iraker zu einer Menschenpyramide aufgestapelt wurden. "Die Geschichte von Abu Ghraib" von Philip Gourevitch und Errol Morris nimmt sich nicht weniger vor, als genau diese Erklärungen zu liefern. Angesichts des hochpolitischen und nicht minder komplexen Themas erscheint der Buchtitel als ein großes, vielleicht zu großes Versprechen für 300 Seiten. Tatsächlich: Es wird gehalten.
Für seinen Oscar-prämierten Film "Standard Operating Procedure" führte Morris hunderte Interviews, sammelte tausende Seiten offizieller Dokumente, Tagebucheinträge und Briefe. Der langjährige New Yorker- Journalist Philip Gourevitch hat daraus ein so virtuoses Stück Zeitgeschichte gestrickt, dass man selbst das fehlende Quellen- und Personenverzeichnis verzeihen kann.

Die amerikanische Geschichte von Abu Ghraib beginnt im Sommer 2003. Damals fällt die Entscheidung, die verwaisten Mauern von Saddams einstigem Folterkeller zur größten Haftanstalt des Irak und zum Vorzeigeprojekt der US-Staatsaufbauhilfe zu machen. Im Rahmen seiner größten Operation seit dem Zweiten Weltkrieg ist der US-Heeresnachrichtendienst für die Informationsbeschaffung zuständig. Abu Ghraib, das vor wenigen Wochen in neuem Glanz wiedereröffnet wurde, bestand zu dieser Zeit aus mehreren Zellenblöcken, in der Mitte der sogenannte harte Kern.
Hier saßen mutmaßliche Terroristen ein, offiziell: "ungesetzliche Kombattanten" – ein Begriff, den US-Präsident Bush 2002 prägte, als er verfügte, die Genfer Konventionen seien nicht auf jene Häftlinge anwendbar, die man im "war on terror" gefasst habe. Das Führungspersonal für Abu Ghraib wird damals vom Verhörlager im afghanischen Bagram angeheuert, wo die "neuen Verhörmethoden" bereits Usus waren: Entkleidung, Schläge, Waterboarding, sexuelle Erniedrigung. Der Leiter des Gefangenenlagers Guantánamo, das sich ebenfalls außerhalb des Völkerrechts befand, unterrichtete die neuen Wärter im Umgang mit den Gefangenen.

Vom ersten Tag an wurden täglich hunderte überwiegend unschuldige Iraker nach Abu Ghraib gebracht. US-Kampfeinheiten ersetzten die fehlenden Wärter: junge Soldaten ohne Ausbildung in der Strafjustiz, oft in fensterlosen und feuchten Betonkobeln untergebracht, die unter Beschuss von Aufständischen standen. "Nach einer Zeit vergeht die Furcht und du wirst nur noch wütend", schrieb eine Soldatin, die im harten Kern arbeitete.
Unter diesen Bedingungen wandeln sich enthusiastische Greenhorns innerhalb weniger Tage zu Folterknechten, die ihre Taten knipsen und bei alledem nichts empfinden: Gefangene werden nackt ausgezogen und sexuell gedemütigt, geschlagen und unter Schlafentzug gesetzt, in Eiswasser gesteckt und von Hunden angefallen. Alles mit dem Ziel, die Häftlinge für die Verhöre "weichzuklopfen". "Diese Leute", sagt eine der Wärterinnen, "werden unsere Terroristen der Zukunft."

Die große Stärke des Buchs liegt darin, dass Gourevitch jene Erklärungslücken, die eine noch so minutiöse Faktenschilderung offen lassen muss, durch die persönlichen Geschichten der Beteiligten füllt. Manche der Protagonisten führt er über zehn Seiten hinweg ein. Da tritt etwa Sabrina Harman auf, eine morbid veranlagte Hobbyfotografin. Oder Charles Graner, der hartgesottene Justizwachebeamte, der sich endlich austoben kann. Und seine Freundin Lyndie England, die naive 20-Jährige, die Graner verfallen ist und deshalb auf Fotos alles mit sich machen lässt – von Sex bis Folter.
Auch von den Geschichten hinter den berühmt gewordenen Fotos erfahren wir: von der Vergewaltigung, die jene Männer begangenen haben sollen, die die Wärter dann nackt zu einer Pyramide stapelten. Und vom unschuldigen "Giligan", der mit Kabeln an den Fingern und einem Sack über dem Kopf auf einer Kiste balancieren musste.
Meldungen einzelner Soldaten wurden ebenso zur Seite geschoben wie ein Bericht des Roten Kreuzes. Selbst nachdem die Bilder im August 2004 um die Welt gegangen waren, geschah nichts. Eine Handvoll Wärter wurde zu kurzen Haftstrafen verurteilt, kein ranghoher Offizier auch nur gerügt: "Die Komplizenschaft, das Wegsehen und Verschleiern (...) durchdrangen alle Glieder der Befehlskette, vom MI-Block bis hinauf zum Pentagon und zum Weißen Haus."

Stefan Apfl in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 44)


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