Gesund ohne Pillen
Was kann die Alternativmedizin

von Simon Singh, Edzard Ernst, Klaus Fritz

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 01.03.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

"Trick or Treatment?" heißt die Frage

Alternativmedizin ist, auch in Krisenzeiten wie diesen, ein Wachstumsmarkt. Weltweit 50 Milliarden Euro im Jahr wenden Anhänger, unheilbar Kranke und zunehmend auch Kassen für Akupunktur, Homöopathie und andere im Widerstreit mit der Schulmedizin stehende Verfahren auf. Ihre Wirksamkeit beschränkt sich überwiegend auf das, was ein Placebo hervorrufen würde. Also die Selbstheilungskraft von Körper und Geist, die durch die Zuwendung einer Behandlung ausgelöst wird.
Wobei gilt: Vom Arzt wirkt es eher als von der Schwester, eine große Pille stärker als eine kleine, und Nadel schlägt Pille. Über den Placeboeffekt hinaus hilft wenig: Bei Akne, Arthritis oder Verstopfung versprechen ayurvedische Behandlungen Linderung. Osteopathie hilft gegen Rückenschmerzen, ist aber teurer und nicht wirksamer als Krankengymnastik. Fischölkapseln reduzieren das Risiko von Herzerkrankungen. Als natürliches Antidepressivum kommt Johanniskraut infrage. Meditations- und Entspannungstechniken helfen vielen, ihr Wohlbefinden auf eigene Faust zu verbessern.

Ansonsten haben Edzard Ernst und Simon Singh über die Alternativmedizin wenig Positives mitzuteilen. Sie listen die liebsten Argumente von Befürwortern auf und widerlegen sie. Sie verweisen auf Gefahren, etwa wenn Hardcore-Chiropraktiker das Genick manipulieren oder ernsthaft Kranke ihr Heil bei Quacksalbern suchen. Auch zehn Schuldige für die Popularität unbewiesener oder auch als wirkungslos enttarnter Medizin werden ausgemacht: allen voran Promis, aber auch Ärzte, Regierungsstellen und die Medien, die gleich zweimal ihr Fett abkriegen, weil "neun Schuldige" halt nicht so gut klingt wie zehn.

Im Original heißt das Buch "Trick or Treatment?". Der deutsche Titel "Gesund ohne Pillen" trifft es nicht nur nicht, weil das Fragezeichen nach dem Untertitel ("Was kann die Alternativmedizin?") etwas spät kommt, sondern weil sich das längste Kapitel des Buches mit der Pillendreherei schlechthin befasst, der Homöopathie, die so oft potenziert vulgo verdünnt, dass vom angeblichen Wirkstoff nichts mehr drin sein kann. Mit der Homöopathie ist Edzard Ernst besonders vertraut, hat er sie doch als junger Arzt selbst erlernt und praktiziert. Bis 1993 leitete er das Wiener Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation. Dann fing er im südwestenglischen Exeter noch einmal klein an und baute das erste Universitätsinstitut für Alternativmedizin auf. Vielleicht anders, als es sich der Stifter seines Lehrstuhls vorstellte, meinte er damit die Prüfung von von der Schulmedizin nicht akzeptierten Therapien nach Standards der evidenzbasierten Medizin. Ernst hat seine exponierte Stellung dazu genutzt, sich zur obersten Autorität in Sachen Alternativmedizin aufzuschwingen. Allerdings stellt sich die Herausforderung in seiner heutigen Heimat, deren Staatsbürgerschaft er seit 1999 besitzt, anders dar: In Großbritannien werden Akupunktur, Homöopathie oder auch Kräutermedizin gewöhnlich nicht von Ärzten praktiziert. Schulmediziner opponieren stärker als hierzulande gegen die Erstattung solcher Therapien, deren wichtigste Befürworter im Buckingham Palace zu finden sind. Queen Elizabeth II. unternimmt keine Reise ohne ein Arsenal an Homöopathika. Prince Charles hat eine Stiftung für "integrierte Medizin" gegründet.

Ernst hat sich mit Simon Singh zusammengetan, der in der Vergangenheit Bestseller wie "Fermats letzter Satz" oder "Big Bang" landete. Dessen Erfolgsmasche, Anekdoten und bekannte Namen zu streuen, kommt auch in diesem Buch zum Tragen. So kommen wir zu der vielleicht am vergnüglichsten geschriebenen Einführung in die evidenzbasierte Medizin. Weil diese das Grundgerüst bildet, wie Ernst alternative Therapien prüft, sei den Autoren diese Abschweifung nachgesehen. Ärgerlich ist aber die Plattheit, in der sie reklamieren, die definitive Wahrheit zu verkünden.

Stefan Löffler in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 41)


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