Das Gegenteil von Tod

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Verlag: Corriere della Sera
Genre: Sozialwissenschaften
Erscheinungsdatum: 04.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Armee von Chancenarmen und Chancenlosen

Maria ist jung, zu jung. Mit ihren 17 Jahren steht sie am Grab von Gaetano, den sie in wenigen Tagen heiraten hätte sollen. Zur Hochzeit ist es nicht gekommen, weil Gaetano in Afghanistan in einen Hinterhalt der Taliban geraten war. Maria erzählt, wie sie vom Tod des italienischen Soldaten erfahren hat. Da es sehr heiß ist, taucht sie zur Abkühlung ihre Finger in Wasser, fährt gedankenverloren über ihren Brustansatz und berührt dabei die Erkennungsmarke von Gaetano. Der metallene Anhänger baumelt seit seinem Tod um Marias Hals, deformiert von Feuer und Hitze des Bombenanschlags. Als bei der Totenmesse die Kommunion gegeben wurde, nahm sie keiner von Gaetanos Freunden an. Dafür griffen sie zu ihren Erkennungsmarken.
"Sie zogen sie aus dem Halsausschnitt hervor und nahmen in dem Augenblick, in dem der Priester die Hostie reichte, ihre metallene Hostie in den Mund", schreibt Roberto Saviano. Alle tragen sie, diese Erkennungsmarken des Militärs, auf denen das Wesentliche ihrer Identität steht: Name, Herkunft, Geburtsdatum, Blutgruppe, sogar ein Sinnspruch. Alle tragen sie, auch Saviano, der ebenfalls von hier kommt, aus Neapel oder Umgebung, so wie Maria. Die Erkennungsmarken lassen sie Angehörige einer Armee sein, auch wenn sie ihren Militärdienst längst quittiert haben. Sie sind Soldaten jener Armee von Chancenarmen und Chancenlosen im Süden Italiens, in die man immer schon schuldig geboren wird, wie Saviano schreibt.

Eine Möglichkeit, Chancen zu ergreifen und etwas aus sich zu machen, ist die Camorra. Saviano hat sie hautnah, nüchtern und illusionslos in seinem letzten Buch beschrieben. "Gomorrha" verkaufte weltweit Millionen Exemplare, Buch und darauf basierender Film wurden mit Preisen überhäuft. Was kann nach derartigen Paukenschlägen folgen? Saviano macht das einzig Mögliche, das einzig Richtige. In seinem neuen Buch "Das Gegenteil von Tod" stehen die Schicksale von Menschen im Mittelpunkt, die unter den gleichen tristen Umständen wie in "Gomorrha" leben, sich aber gegen die Mafia entschieden haben. Die versuchen, das richtige Leben im Falschen zu führen. Das kann natürlich nicht gutgehen.
Gaetano stirbt durch eine ferngesteuerte Bombe in Afghanistan. Auch der Tischler Vincenzo und der Maurer Giuseppe sterben, weil sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sind. Ein Mördertrio soll einen weiteren Akt der Revanche zweier verfeindeter Camorraclans ausführen. Weil ihnen die ausgewählten Opfer entfliehen, suchen sie sich die nächstbesten aus. "Auf einer Piazza gestanden zu haben und aus Angst weggelaufen zu sein, ohne zu wissen, wer einen verfolgt und warum. Das war Vincenzos und Giuseppes größte Schuld. Ermordet. Unschuldig. Ein Tod, über den am nächsten Tag in keiner überregionalen Zeitung berichtet wurde. Auch nicht in den Fernsehnachrichten oder im Rundfunk. Stumm die Linken, die Rechten, die Mitte. Alle stumm. Sie sind geboren im Land der Schuld."

Saviano ist ein Reporter im besten Sinne des Wortes, er geht in die Welt und bringt uns zurück, was er dort erlebt hat. Dabei beobachtet er genau, setzt das Gesehene in einen gesellschaftlichen Zusammenhang, findet in vermeintlichen Nebensächlichkeiten Metaphern für das große Ganze. Hinter den Erkennungsmarken der Soldaten verbergen sich Identität und Chancen einer ganzen Generation, hinter dem Ring am Finger einer Freundin das traditionelle Verhältnis der Geschlechter samt angeschlossener Kritik, hinter hässlichen Betonbauten die sprachlose Scham des Südens vor dem arroganten Norden. Auch wenn es sich nur schwer vorstellen lässt, wie Saviano die Interviews geführt hat – seit "Gomorrha" ist er aufgrund entsprechender Drohungen ständig von mehreren Leibwächtern umgeben –, das Resultat fällt überzeugend aus.
Es sind zwar nur zwei kurze, ursprünglich in Zeitschriften erschienene Geschichten, die sich ergeben haben. Und doch eröffnen sie einen Blick auf die soziale Realität unserer Nachbarn von epischer Breite: Tod, Schuld, Widerstand und natürlich immer wieder die Liebe sind die Hauptzutaten. Savianos Geschichten sind rührend, aber nicht rührselig. Genauso wie die Melodie, die Maria einfällt, als sie an ihren gefallenen Gaetano denken muss. "Carmela" ist eines jener Lieder aus Neapel, dessen Gratwanderung zwischen Schmalz und Melancholie nie zum Absturz führt. Die Liebe ist das Gegenteil von Tod, heißt es darin und spendet Savianos Buch den Titel. Für Maria ist das ein großer Trost. Für alle, die in Neapel und im Süden Italiens leben und lieben, ebenso. Denn "Carmela" steht nicht nur für eine Frau, sondern auch für die Stadt am Vesuv.

Lukas Wieselberg in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 39)


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