Atemschaukel
Roman

von Herta Müller

€ 20,50
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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.08.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Ein halber Mond wie eine Schiebermütze

Nobelpreisträgerin Herta Müller sucht in "Atemschaukel" nach einer Sprache für die Erfahrung im Lager

Warlam Schalamows "Erzählungen aus Kolyma", die zu den eindringlichsten und überzeugendsten literarischen Zeugnissen über die stalinistischen Lager gehören, enthält einen Katalog dessen, "was ich im Lager gesehen und erkannt habe". Im letzten Absatz heißt es dort, der Schriftsteller müsse "ein Ausländer" sein, "in den Fragen, über die er schreibt". Denn, so die paradoxe Wendung, "wenn er das Material gut kennt, wird er so schreiben, dass ihn niemand versteht".
Dieser Satz macht klar, dass dem Lager nicht mit alltäglicher Vernunft beizukommen ist und auch nicht mit einer alltäglichen Sprache. Um für Leser, die das Lager nicht erlebt haben, verständlich zu schreiben, muss die persönliche Erfahrung wie im Falle Schalamows, der jahrzehntelang in Stalins Lagern interniert war, müssen die Erzählungen anderer im Falle des Buches von Herta Müller dem Schreibenden fremd werden. Er muss zum "Ausländer" werden, der sich die Sachverhalte mithilfe einer Sprache, die er nur unvollständig beherrscht, mühsam zurechtlegt.
Die Erzählungen der Opfer, die in der Regel keine Schriftsteller sind, produzieren oft Klischees, sagt Herta Müller. Die individuellen Traumata von Menschen etwa, die den Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung erlebt haben, verschwinden hinter Sätzen wie "Es war eine schlimme Zeit damals" oder "Wir haben viel durchgemacht".

Ein anschauliches Bild vom Lageralltag zu entwerfen, das braucht einmal Zeit. Zeit, um zu verstehen, in welche Zeit das Lager eigentlich eingeordnet werden kann. Die historischen Daten sind dürftige Anhaltspunkte, die Sprachklischees sagen wenig darüber aus, wie es ist, über Jahre nur von einem Gedanken gepeinigt zu werden: dem Gedanken an Essen, den Halluzinationen, die der Hunger hervorruft. "Der Hungerengel" ist eine Figur, die Herta Müller für diesen Zustand erfindet, der Hungerengel sitzt im Kopf, er schwebt über den Lagerinsassen, er zeichnet sich in den schmaler werdenden Gesichtern ab. "Alle Tage hat mir der Hungerengel das Hirn gefressen." Einer der eindringlichsten Abschnitte im Roman heißt "Der Kriminalfall mit dem Brot": Einer der Häftlinge stiehlt einem anderen das Brot, das dieser sich über fünf Tage abgespart hat. Als der Diebstahl ans Licht kommt, schlagen die Mithäftlinge den Dieb fast zu Brei und pissen ihm ins Gesicht. "Dem Brotgericht kann man nicht kommen mit der gängigen Moral", kommentiert der aufschreibende Ich-Erzähler den Fall.
Welches ist die eigene Zeit? Die Jahre im Lager brachten für die Opfer die schlimmsten und zugleich intensivsten Schmerz- und Glückserfahrungen, die sie je in ihrem Leben machten. Sie sahen, wie andere zu Tieren wurden und wie sie selbst sich wie Tiere verhielten. Mehrere Jahrzehnte hat ein anderer Überlebender und Schriftsteller, Imre Kertész, gebraucht, bis er eine Sprache und eine Form für die Zeit in Auschwitz und Buchenwald, das heißt für seinen "Roman eines Schicksallosen" fand. Kertész' "Galeerentagebuch" gibt Auskunft über die jahrelange sprachliche Verdichtung und Entschlackung des Stoffes. Ein Satz aus Herta Müllers Roman gilt auch für Kertész: "Es war das große innere Fiasko, dass ich jetzt auf freiem Fuß unabänderlich allein und für mich selbst ein falscher Zeuge bin." Wie der Auschwitzüberlebende empfindet auch Herta Müllers aus dem sowjetischen Arbeitslager zurückkehrender Ich-Erzähler "Heimweh": "Wieso zwinge ich das Lager, mir zu gehören."

Müllers Roman hat eine jener unfassbaren Entscheidungen zur Grundlage, die das 20. Jahrhundert zum Jahrhundert des kollektiven Terrors und der Lager werden ließen: Kurz vor Kriegsende, im Sommer 1944, wechselt Rumänien, das sich vorher auf Hitlers Seite geschlagen hatte, die Fronten und erklärt Hitlerdeutschland den Krieg. Die deutsche Bevölkerung Rumäniens wird von der Sowjetunion unter einen Nazigeneralverdacht gestellt, nicht ganz unberechtigt, waren doch viele Menschen in den deutschsprachigen Gebieten Rumäniens begeisterte Nazi-Anhänger.
Auch die Eltern jenes fiktiven Leo Auberg im Roman, der im Jänner 1945 im Alter von 17 Jahren von Hermannstadt in ein ukrainisches Arbeitslager deportiert wird, zusammen mit allen deutschstämmigen Männern und Frauen zwischen 17 und 45. Wie auch Herta Müllers Mutter kehrt er erst fünf Jahre später wieder nach Rumänien zurück. Die Deportationen und damit die nationalsozialistische Verstrickung Rumäniens mit blieben ein Tabuthema.
Unter den Deportierten war auch der Dichter Oskar Pastior (1927–2006), ein Freund der Autorin. Müller selbst ist 1953 im Banat geboren und 1987 vor Ceaucescu nach Deutschland geflohen. Zusammen mit Pastior wollte sie dieses Buch schreiben, er hat ihr vom Lager und der Zwangsarbeit erzählt, er hat mit ihr eine Reise zu den Schauplätzen der Deportation in der Ukraine unternommen.
Herta Müller hat Pastiors Erzählungen niedergeschrieben, darunter vielleicht auch folgenden Satz Leo Aubergs: "Seit 60 Jahren will ich mich in der Nacht an die Gegenstände aus dem Lager erinnern." Und von den Gegenständen in ihrer alltäglichen Nacktheit und ihrer poetischen Überhöhung vor allem spricht dieses Buch: von den Ziegelsteinen, dem Ziegelstaub, den Kohlearten, dem Sand, dem Brot, den Kleidungsstücken. Es ist ein Zwang: "Ich muss mich erinnern gegen meinen Willen." Wie Pastior ist auch Herta Müllers Figur Leo zweifach bedroht: als Angehöriger der deutschen Minderheit in Rumänien und als Homosexueller, der im Krieg, im Lager und im stalinistischen Rumänien ständig gefährdet ist.

"Atemschaukel" wurde als sprachmächtiges Buch von vielen Rezensenten gelobt. Es wurde andererseits als postexpressionistischer Kitsch, als sprachliches Secondhand-Verfahren auch vehement kritisiert. Neben Passagen wie der zitierten über den Brotdiebstahl oder jener, in der beschrieben wird, wie ein Mann seiner Frau im Lager die Suppe weglöffelt, bis diese stirbt und dann der neuen Frau den Mantel der Verstorbenen umhängt, neben solchen Abschnitten, die einem den Hals zuschnüren, gibt es immer wieder eine Anhäufung von Metaphern, die dem Buch nicht guttut; und zwar deshalb, weil sie etwas suggerieren, das weniger mit Erfahrungen als vielmehr mit angesichts der Lagerrealität seltsam kraftlos wirkenden Sprachbildern und mit literarischen (Paul Celan-)Wortassoziationen zu tun hat.
Mit dem Mond zum Beispiel: "Das ganze Jahr gibt es überm Russendorf die Langeweile des dünnen Mondes, sein Hals simuliert eine Gurkenblüte oder eine Trompete mit grauen Fingerklappen." Im nächsten Satz "wächst ein halber Mond wie eine Schiebermütze", im übernächsten "schaut vom Himmel herunter die Langeweile einer ganzen Mondkugel".
Es gibt ein zentrales Problem bei der Bearbeitung des ungeheuren Stoffes: Wie lässt sich ein erlebendes Bewusstsein mit einem später berichtenden vermitteln? Dieses Problem ist in Herta Müllers jüngstem Roman nur ansatzweise gelöst, am besten dort, wo dieser ganz nah bei den Gegenständen ist, bei den Löffeln, den Mänteln, der Kohle – und damit bei den Menschen, für die diese Gegenstände Glück, Heimweh, Schmerz, das Überleben und den Tod bedeuteten. Im ukrainischen Lager, von dem Herta Müllers Buch erzählt, fanden 334 Menschen den Tod.

Bernhard Fetz in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 26)


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